Dank an Umberto Eco

Dass Bibliker eine gewisse Affinität zu Umberto Ecos Werk besitzen, ist sicher kein Zufall. Wer sich halbwegs ernsthaft mit Fragen der Auslegung, der Übersetzung, des Buchdrucks und der Relevanz von textlichen Traditionen auseinandersetzt, kommt an dem grandiosen Werk dieses Mannes nicht vorbei.

Anfang der 80er Jahre machte sein Roman »Der Name der Rose« Furore und der Name Eco trat mir das erste Mal ins Bewusstsein. Ich habe jetzt noch die knurrige Stimme Wolfgang Kluxens im Ohr, der in seiner Bonner Vorlesung (oder war es ein Seminar?) meinte: »Brunellus?! Wieso Brunellus? Kein Mensch hat damals ein Pferd Brunellus genannt!« Das heute noch erstaunlichste ist für mich, dass ein Buch, das laut Verfasser-Vorwort

die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf lateinisch verfaßten Textes

sein soll, ein derartiger Erfolg wurde. Ich habe es als Student gelesen, und heute weiß ich, dass ich eigentlich nichts verstanden habe.

Lector in Fabula

Was leicht übersehen wird: der erfolgreiche Roman-Autor war vor allem auch ein überaus bedeutender Wissenschaftler, der Semiotik an der (ausgerechnet!) Universität Bologna unterrichtete. Die Feststellung, dass

ein Text ein Produkt ist, dessen Interpretation Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muß 1

sollte jedem Ausleger und jeder Auslegerin endgültig das vollkommen Ungenügende des »Sender – Empfänger« Modells bei der Interpretation von Texten einleuchten lassen. Traurigerweise findet es sich immer noch in einschlägigen Lehrunterlagen zur Bibelauslegung.

Quasi dasselbe mit anderen Worten

Eine Art Pflichtlektüre für biblisch Interessierte sollte der Abschnitt 7.6 in Ecos Buch über das Übersetzen sein, in dem er auf wenigen Seiten die Herausforderung der Übertragung eines Werkes in eine andere Sprache an Hand des Beginns des Buches Kohelet durchspielt. Auch der Dialog zwischen Eco und seinem deutschen kongenialen Übersetzer Burkhart Kroeber machen dieses Werk zu einem besonderen Erlebnis. Wann kann man schon einmal so lebendig erleben, wie Autor/Text und Übersetzer/Übersetzung miteinander verhandeln.

Woran glaubt, wer nicht glaubt?

Eco war auch ein herausragender Kenner der lateinischen Tradition. In »Die Kunst des Bücherliebens« schrieb er:

Ich besitze eine Ausgabe der Philosophie au Moyen Age von Étienne Gilson aus den fünfziger Jahren, die mich seit den Tagen meiner Doktorarbeit begleitet. Das Papier war damals sehr schlecht, das Buch zerbröselt beinahe, wenn man es berührt oder die Seiten umzublättern versucht. (…) Aber ich könnte es nicht über mich bringen, dieses Exemplar wegzuwerfen. 2

1995 begann Eco mit Kardinal Martini von Mailand einen öffentlichen Briefwechsel zum Thema »Woran glaubt, wer nicht glaubt«, der seine profunden Kenntnisse der katholischen Tradition zeigte – besonders in seinem Beitrag »Männlich und weiblich nach den Vorstellungen der Kirche« kamen die exzellenten Thomas-Kenntnisse Ecos zum Vorschein.

Für seine gelehrte Skepsis dürfte aber eben diese Vertrautheit die Ursache gewesen sein. Eco war einfach zu erfahren im Umgang mit dem real existierenden Katholizismus. Zwei Splitter, die mir bei der Lektüre aufgefallen sind: der lange autobiographisch gefärbte Abschnitt im Kapitel 17 von »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« mit der eindrücklichen Szene des manipulativen Beichtvaters – der kurze aber bemerkenswerte Hinweis auf Thérèse Martins künstlerisches Schaffen gegen Ende des 22. Kapitels in »Der Friedhof in Prag«. 3

Mir bleibt, an dieser Stelle einem erstaunlichen Künstler für ein Gesamtwerk Danke zu sagen, das ihn zu einem der ganz Großen der europäischen Literatur gemacht hat. Er wird für mich eine Stimme bleiben, auf die ich bei der Auslegung hören werde.

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  1. Lector in fabula, 3.2
  2. Die Kunst des Bücherliebens – Was ist Bibliophilie? S. 32-33
  3. Um auch etwas Kritisches anzuführen: Die massgeblichen Vorarbeiten von Norman Cohn zum Thema dieses Buches wurden von Eco einfach verschwiegen.

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