Schöne Übersetzungen I

Damit das hier kein Mäkel-Blog wird, in dem nur schlechte Übersetzungen beklagt werden (und Übersetzung ist schon immer Auslegung), zur Abwechslung mal ein Beitrag über gelungene Beispiele, in diesem Fall an Hand einer klassischen Formulierung aus Jesaja.

In Jesaja 7,9 fällt der Ausspruch: im lo ta’aminu, ki lo te’amenu. Auch wenn man kein Hebräisch kann, fällt das Wortspiel mit ta’aminu und te’amenu auf. Die klassische deutsche Übersetzung dieses Satzes geht wohl auf Dr. Martin Luther zurück: glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. (Dabei ist es natürlich kein Zufall, dass Luther hier glauben übersetzt, und nicht vertrauen). Der Ausspruch fällt im Kontext eines Kapitels bei Jesaja, dass sich mit der Bedrohung Jerusalems im sog. syrisch-ephraimitischen Krieg befasst, aber das Deutungspotential des Wortes erschöpft sich natürlich nicht in seinem historischen Kontext im 8. Jh. vor Christus.

Im Deutschen geht es meiner Meinung nach noch besser als bei Luther: doch vertraut ihr nicht, bleibt ihr nicht betreut (Buber/Rosenzweig). Hier wird die hebräische Wortwurzel ‚mn durch den deutschen Anklag von trauen/treue wiedergegeben. (Von dieser Wortwurzel ‚mn leitet sich übrigens das bekannte Wort Amen ab).

Im Englischen gefällt mir diese Fassung: If you don’t stand tall | you won’t stand at all. Sie stammt von James L. Kugel.

Französisch: Si vous n’êtes pas fermes, vous ne serez pas affermis. (Société Biblique Française, Nouvelle Version segond révisée)

Vielleicht ist dieses kleine Beispiel ein Hinweis darauf, welches Können das Übersetzen erfordert. Literaturhinweis: Umberto Eco hat das Thema an Hand der ersten Verse des Buches Kohelet/Prediger durchgespielt – höchste Empfehlung!

Nachtrag: Die Septuaginta übersetzt den Vers übrigens so: Und wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr gewiss auch nicht verstehen. Darauf aufmerksam gemacht hat mich Roger Bacon († 1294) im neunten Kapitel seines Opus Tertium.

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