Copy and paste I

»Copy and paste« ist heute eine Art »Kulturtechnik« geworden. Zu einer Zeit, in der von Menschen geschriebene Texte nur aufwendig von Hand kopiert werden konnten, spielte die Sorgfalt und Zuverlässigkeit der Kopisten eine wichtige Rolle. Jeder empfindet es als legitim, dass  Beethoven die Widmung seiner dritten Symphonie mit eigener Hand ausradierte, weil er über die Kaiserkrönung Bonapartes erzürnt war. Was aber, wenn Kopisten eigenmächtig solche Veränderungen vornehmen? In der Auslegung der Bibel spielt dieses Szenario eine nicht unbedeutende Rolle.  Ich beginne mit einem Markus Wort, dass in den arianischen Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle spielte: Mk 13,32. Dort sagt Jesus über das Ende der Welt: »Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.« Dieses Selbstaussage Jesu machte den Verteidigern seiner Göttlichkeit massiv zu schaffen.

In seinem Werk De fide ad Gratianum Augustum führt Bischof Ambrosius von Mailand eine Reihe von Gründen auf, die belegen sollten, dass sich die Arianer zu Unrecht auf dieses Markus Wort beriefen. Seine ersten beiden Argumente kann man durchaus als textkritisch bezeichnen. Ambrosius behauptet zunächst, dass der Ausdruck »nicht einmal der Sohn« in den alten griechischen Handschriften gar nicht vorkomme. In einem weiteren Schritt lässt er dann den Vorwurf folgen, dass die Arianer den fraglichen Ausdruck »neque filius« interpoliert hätten – sie hätten also in das Evangelium etwa eingefügt, dass dort gar nicht gestanden hätte! (S. 688 = S. 81 der oben angeführten PDF-Datei)

Auf die weitere Argumentation des Mailänder Bischofs will ich nicht eingehen – sie läuft darauf hinaus, dass Jesus sehr wohl den Tag des Gerichts gekannt habe. Entscheidend finde ich, dass er überhaupt so weit ging, eine Verfälschung des Bibeltextes zu behaupten, um eine problematische Auslegung zu vermeiden. Interessanterweise haben weder Hieronymus noch Augustinus dieses »Argument« des Ambrosius aufgegriffen, als sie sich mit Mk 13,32 auseinandersetzten.

Fortsetzung

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