»Der Herr sei mit euch«

Kaum ein Gruß der katholischen Liturgie ist gleichzeitig so vertraut und so unverständlich, wie »Der Herr sei mit Euch« und die Antwort »Und mit deinem Geiste«. Ich versuche, ein wenig Licht in diese Sache zu bringen. 

Biblischer Ursprung

Die Wurzel der Formulierung liegt in der Bibel. Im Buch Rut heißt es: »Und siehe – Boas kam von Betlehem und sagte zu den Schnittern: ‚JHWH mit Euch!‘ Und sie sagten zu ihm: ‚JHWH möge dich segnen!’« (Rut 2,4 MÜ) 1

Die Septuaginta gibt den Grußwechsel zwischen Boas und seinen Arbeitern so wieder: Κύριος μεθ᾽ ὑμῶν· καί εἶπον αὐτῷ Εὐλογήσαι σε κύριος. Also: »Der Herr mit Euch! Sie sprachen zu ihm: Der Herr segne dich!«

So hat es auch Hieronymus gehalten, und liest in der Vulgata als Gruß des Boas: »Dominus vobiscum« – worauf die Arbeiter antworten: »Benedicat tibi Dominus«.

Dominus vobiscum

Was alle Sprachfassungen gemeinsam haben, ist die offene Formulierung ohne Verb: »Der Herr – mit euch«. Das kann bedeuten: ER ist mit euch – oder aber auch: ER soll mit euch sein. Diese Offenheit geht in der heutigen liturgischen Fassung etwas verloren, wenn es heißt: »Der Herr sei mit Euch.« 2

Fortsetzung: Und mit deinem Geiste!

Show 2 footnotes

  1. וְהִנֵּה־בֹ֗עַז בָּ֚א מִבֵּ֣ית לֶ֔חֶם וַיֹּ֥אמֶר לַקּוצְרִ֖ים יְהוָ֣ה עִמָּכֶ֑ם וַיֹּ֥אמְרוּ לֹ֖ו יְבָרֶכְךָ֥ יְהוָֽה׃
  2. Nein, ich beklage an dieser Stelle nicht den Untergang des Konjunktivs …

4 Gedanken zu „»Der Herr sei mit euch«“

  1. „Der Herr IST mit Euch ist eine Zusicherung (…ich bin bei Euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt….) Was immer auch geschieht, seid gewiss, ich bin immer bei Euch.
    (Bei EUCH, wenn mehrere beisammen sind (Gruppe?) oder bei jedem Einzelnen?

    Der Herr Sei mit Euch (er möge Euch nie verlassen) ist ein Segenswunsch, der aber eigentlich keine Zusage/Gewissheit ausdrückt.

    Trotzdem muss ich das ’sei mit Euch‘ als ‚er ist immer mit uns/gegenwärtig‘ verstehen, denn Gott ist treu und verlässt uns nie.

    Ich hoffe, ich bin nicht ganz daneben….

  2. Das kann ich alles verstehen. Unerständlich ist mir aber die Antwort „Und mit deinem Geiste“. Wenn der Priester uns wünscht, dass Gott mit uns ist, warum beschränken wir die Erwiderung auf seinen Geist?

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