Das Flaschenpost-Phänomen

Man kann die Arbeit an einem Text mit dem Bild einer Flaschenpost verdeutlichen: Um die Nachricht zu lesen, muss die Flasche geöffnet werden. Vielleicht ist der Schreiber der Nachricht durch sieben Weltmeere von mir, dem Empfänger, getrennt? Wer weiß, wie lange die Flasche an meinen Strand unterwegs war? Habe ich die Flasche gefunden – oder hat sie mich gefunden? Enthält die Nachricht einen Schatzplan? Ist er vielleicht verschlüsselt? Oder einen Liebesbrief? Einen Hilferuf? Doch was ist, wenn ich die Flasche einfach nicht öffne – ein kritischer Blick von außen auf das Glas – und dann weg damit? Dann wird sich mir der Sinn des Inhalts wohl kaum erschließen. Daran musste ich denken, als ich über diese Seite stolperte: »Die 16 bizzarsten Momente in der Bibel«.

Meine Einrede

Ich beginne mit Beispiel zwei: Die wunderbare Erzählung von Salomos Urteil (1 Kön 3,16-28) ist offensichtlich einfach nicht verstanden worden, denn dieser Text verlangt Leserintelligenz – und er traut sie auch zu – offensichtlich nicht immer zu Recht. Was man an dieser meisterhaften Erzählung bizzar finden kann, verstehe ich nicht. Dieser Text gehört schlichtweg zur Weltliteratur.

Zum ersten Beispiel: »Als Gott nicht wollte, dass Moses sein Gesicht sieht, ließ er ihn zu seinem Hintern reden.« Es geht um das bemerkenswerte Kapitel Ex 33. Ich weise nur kurz auf die starken Textsignale hin, die verdeutlichen, dass es sich hier nicht um eine simple Reportage handeln kann:

Ex 33,11: »Und der Ewige redete mit Moscheh, Angesicht zu Angesicht, so wie ein Mensch mit dem anderen redet.«
Ex 33,18: »Und er (Moscheh) sprach: Lass mich doch sehen deine Herrlichkeit!«
Ex 33,20: (Gott antwortet ihm:) »Du vermagst nicht, mein Angesicht zu schauen, denn mich schauet kein Mensch und bleibt leben.« (Ü: Zunz)

Was nun? In Vers 11 redet Mose mit dem HERRN von Angesicht zu Angesicht und in Vers 20 wird erklärt, dass das gar nicht geht?! Ausgehend von der Einschätzung, dass die Schreiber dieses Textes mitnichten in Vers 20 vergessen hatten, was sie in Vers 11 schrieben, versuche ich folgende Auslegung:

Die Erzählung verdeutlicht eine spirituelle Erfahrung: Eine direkte Gottesbegegnung in diesem Leben ist nicht möglich, aber im Rückblick werde ich vielleicht manchmal erkennen, dass ich auf meinem Lebensweg eine »Gottesbegegnung« hatte. Wenn man spirituelle Erfahrungen nicht gleich von vorneherein ausschließen will: Wie kann man besser darüber reden, als durch eine paradoxe Erzählung?

Und so geht es weiter. Die Verweigerung der Auslegung führt zur Zurückweisung des Textes, obwohl »ein Text ein Produkt ist, dessen Interpretation Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muss.« (Umberto Eco: Lector in fabula 3.2 Ü: Heinz G. Held)

Nachtrag:

Zu Thema 6 habe ich hier etwas geschrieben.

Zu Thema 9 hier.

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