Aus der Catena aurea: Kommentar zu Lukas 16,19-31

Ich halte es für ganz wichtig, die eigene Auslegungstradition zu kennen, wenn man sich mit der Heiligen Schrift befasst. In meinem Fall ist das u.a. die Kirchenväter Exegese. Wie weit trägt die „goldene Kette“ der Überlieferung? Als Beispiel untersuche ich hier die Auslegung von Lk 16,19-31, der Perikope vom armen Lazarus, in der „Catena aurea“ (lateinisch für »goldene Kette«) des große Thomas von Aquin († 1274). Thomas hat hier die Erklärung bedeutender Kirchenlehrer zu den vier Evangelien gesammelt, deren Deutungen den Text in einer gleichsam vielstimmigen Weise auslegen. Ich zitiere im Folgenden nach der deutschen Übersetzung von Johann Nepomuk Oischinger aus dem Jahr 1847.

Die Kommentatoren

In dem von mir untersuchten Abschnitt kommen (in der Reihenfolge ihres Auftretens) folgende Kommentatoren zu Wort: Beda Venerabilis („der Ehrwürdige“, † 735); Johannes Chrysostomos (der „Goldmund“, † 407), Papst Gregor der Große († 604), Ambrosius von Mailand († 397), Cyrill von Jerusalem († 386), Aurelius Augustinus († 430), Basilius der Große († 379), Gregor von Nyssa († um 394) und der für mich nicht eindeutig zuordenbare Theophylaktus. Mit anderen Worten, als Leser hören wir einem Gespräch zu, dass sich zeitlich über einen Raum von gut 500 Jahren erstreckt und räumlich von Irland über Italien und Nordafrika bis in die heutige Türkei und nach Jerusalem reicht. Ich empfinde das als beeindruckend. Wie aber sieht es mit der inhaltlichen Qualität des Dargebotenen aus?

The Good:

Augustinus: Wenn du aber den Schoß Abrahams für körperlich hältst, so fürchte ich, du möchtest in einer so wichtigen Sache nicht mit Ernst, sondern mit Scherz zu handeln scheinen, nicht so töricht sein, zu glauben, dass der leibliche Schoß eines Menschen so viele Seelen, ja, um in deinem Sinne zu reden, so viele Leiber aufnehme, als die Engel dorthin wie den Lazarus bringen, außer du nimmst an, jene Seele allein habe dorthin zu gelangen verdient. Wenn du nicht kindisch scherzen willst, so verstehe unter dem Schoß Abrahams den entfernten und verborgenen Sitz der Ruhe, wo Abraham ist; und dass er von Abraham genannt wurde, nicht als ob er nur ihm gehöre, sondern weil er der Vater vieler Völker ist und als ein Vorbild im Glauben aufgestellt wurde.

The Bad:

Ambrosius: Zwischen dem Reichen und Armen also ist eine große Kluft, weil nach dem Tod die Verdienste nicht verändert werden können. Daher folgt: Dass diese, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, nicht können usw. Er will sagen: Wir können sehen, aber nicht hinübergehen. Auch wir sehen, wenn wir ent­gangen sind, und auch ihr seht, was ihr verloren habt. Unsere Freude vergrößert euere Qualen, und euere Qualen vergrößern unsere Freude.

The Ugly:

Augustinus: Im allegorischen Sinn kann man dies so auffassen, dass man unter dem Reichen die stolzen Juden versteht, welche die Gerechtigkeit Gottes nicht kennen und die Ihrige aufstellen wollen. Der Purpur und die feine Leinwand ist die königliche Würde; denn er sprach (Mt 21,43): Und es wird von euch das Reich genommen werden. Das glänzende Mahl ist der Stolz des Gesetzes, worüber sie sich erhoben, und es mehr zur Prahlerei als zur Erlangung des Heiles benützten. Der Arme aber, Lazarus mit Namen, welcher »unterstützt« bedeutet, bezeichnet die Armut, gleichviel einen Heiden oder Zöllner, welcher um so mehr unterstützt wird, je weniger er sich wegen der Fülle seines Vermögens vermisst.

Fazit:

Neben sehr schönen Stellen, die eine echte Hilfe beim Verständnis des Textes sein können, finden sich auch Deutungen, die eher Kopfschütteln hervorrufen. Richtig problematisch wird es gerne bei den allegorischen Deutungen, hier kann sich auch der schon bekannte Antijudaismus zeigen. Am besten hält man sich wohl an die paulinische Maxime: Prüft alles und behaltet das Gute! (1 Thess 5,21) Wer mehr von der catena aurea erfahren will, sei auf diese Seite verwiesen – die die problematischen Aussagen (zumindest in der von mir getesteten Perikope) ausgelassen hat.

 

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