Schwestern und Brüder in den biblischen Lesungen

Eine vertraute Szene im katholischen Gottesdienst: der Lektor/die Lektorin tritt an den Ambo und verkündet eine Brieflesung aus dem NT. Er oder sie beginnt mit der (oft nur im Lektionar – nicht aber im Bibeltext vorhandenen) Anrede: »Brüder!«. Die sich zumeist in der Mehrzahl befindenden Schwestern sollen sich ohrenkundig nicht angesprochen fühlen. Das wird sich jetzt mit der revidierten Einheitsübersetzung ändern.

Hier werden nämlich die adelphoi (ἀδελφοι) nach Möglichkeit mit »Brüder und Schwestern« übersetzt. Bevor es zu unnötigem Stirnrunzeln, Verschwörungstheorien oder Geraune vom »Genderwahn« kommt, ein Blick in die klassische Philologie. Ich zitiere ein Standardwerk, dessen Autor Walter Bauer sicherlich keine hidden agenda hatte – der Mann starb 1960. In seinem Wörterbuch zum Neuen Testament, bei mir steht die die 5. Auflage von 1963, schreibt er zum Stichwort ἀδελφός:

D. Plur. kann auch Geschwister verschied. Geschlechtes bedeuten [Bauer verweist u. a. auf Euripides, Pap. Oxyr. 713, Orientis Graieci Inscriptiones selectae]. In all diesen Fällen handelt es sich um einen Bruder und um eine Schwester. Doch gibt es auch Stellen, wo mit ἀδελφοι offensichtlich Geschwister schlechthin, verschied. Geschlechtes u. in belieb. Anzahl gemeint sind [Bauer verweist auf Polybios, Epiktet, Artemidoros, Diogenes Laertius].

Mit anderen Worten: die neue Übersetzung, die ihren Weg in die Lektionare finden wird, ist sachgemäß und inhaltlich absolut notwendig.

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