Wer ist denn nun mein Nächster?

Mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben, dass das Gebot der Nächstenliebe keine »Erfindung« Jesu ist, sondern sich bereits in der Tora findet: Lev 19,18. Trotzdem fehlt es nicht an Versuchen, die Vorreiterrolle der Tora herabzusetzen.

לֹֽא־תִקֹּם וְלֹֽא־תִטֹּר אֶת־בְּנֵי עַמֶּךָ וְאָֽהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ אֲנִי יְהוָֽה׃

»Du sollst dich nicht rächen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes, liebe deinen Nächsten, so wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige«. (Lev 19,18; Ü: Moses Mendelssohn)

Versuch der Relativierung

1983 schrieb der Wiener Alttestamentler Walter Kornfeld (1917-1988) in seinem Kommentar in der »Neuen Echter Bibel« zu der »berühmtesten Lev-Stelle«, die er neben Dtn 6,5 als Quelle des NTlichen Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe ausmachte: »Allerdings ist der begriffliche Unterschied zu beachten: Im AT ist der ‚Nächste‘ ein Mitglied des gleichen Verbandes, vor allem ein Angehöriger des Bundesvolkes, im weiteren Sinne ein als Gastbürger im Lande wohnender Nichtisraelit. (…) Im NT gilt jeder Mensch als Nächster, weil Gottes Liebe, besonders im Erlösungswirken Christi, alle Menschen umfaßt.«

Also: Christlicher Universalismus stehe höher als jüdischer Partikularismus. Ich halte diese Auslegung aus zwei Gründen für verkehrt.

Der Kontext

כְּאֶזְרָח מִכֶּם יִהְיֶה לָכֶם הַגֵּר ׀ הַגָּר אִתְּכֶם וְאָהַבְתָּ לוֹ כָּמוֹךָ כִּֽי־גֵרִים הֱיִיתֶם בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶֽם׃

»Der Fremdling, welcher sich bei euch aufhält, soll euch so gut als ein Heimischer sein, du sollst ihn lieben, wie du dich selbst liebst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Lande Mizrajim. Ich, der Ewige, euer Gott!« (Lev 19,34; Ü: Moses Mendelssohn)

Aus diesem Vers geht doch wohl eindeutig hervor, dass von einer Beschränkung des Gebotes auf Israel keine Rede sein kann. Vorwurfsvoll der Kommentar in der Neuen Echter Bibel – es seien doch nur die im Land Israel lebenden Fremden gemeint, aber eben nicht alle Menschen. Abgesehen von der Frage, wie ich in der Antike einem Menschen helfen will, der nicht in meiner Nähe wohnt – eben meinem »Nächsten« – sei hier kurz an die christliche Auslegungstradition erinnert.

Der Nächste in der christlichen Auslegungstradition

Ulrich Luz schrieb im dritten Band des EKK zum Matthäusevangelium: »Diese heute verbreitetste und fast Allgemeingut gewordene Interpretation von Mt 25, 31-46, die ihren Kernpunkt in der Identifikation der „ganz geringen Brüder“ mit allen notleidenden Menschen hat, ist nicht alt. Sie ist erst im frühen 19. Jh. wichtig geworden. In der Alten Kirche, im Mittelalter und in der Reformationszeit ist sie, entgegen anderslautenden Meinungen, selten vertreten worden. Sie ist also am Baum der Auslegungsgeschichte von Mt 25,31-46 ein junger – und m.E. typisch neuzeitlicher – Zweig.« (EKK I/3 S. 525 f.)

Statt Herabsetzung der Tora wäre also meiner Meinung nach nicht nur ein kritischer Blick in die eigene Auslegungstradition fällig – sondern vor allem auch auf die mit Hände zu greifende Aktualität der Bestimmungen von Lev 19, 18-34 zu verweisen.

2 Gedanken zu „Wer ist denn nun mein Nächster?“

  1. Es gibt ja unzählige Publikationen zu dieser nicht ganz einfachen Passage aus dem Buch Leviticus. Allein schon Nachmanides‘ langer Kommentar würde den Rahmen dieses Blog bei weitem sprengen. Als eine kleine Ergänzung zum Thema „Liebe deinen Nächsten“ möchte ich aber doch auf eine Arbeit eines meiner Professoren hinweisen:

    https://goo.gl/KKCj4U

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