Das Lob der tüchtigen Frau

Das Buch der Sprüche endet mit einem bemerkenswerten Text: dem Lob der tüchtigen Frau (Spr 31,10-31). Bemerkenswert ist aber auch die Behandlung, die dieser Abschnitt in der liturgischen Leseordnung meiner Kirche erfahren hat.  Am 33. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A ist dieser Text als alttestamentliche Lesung vorgesehen. Dazu ist zu bemerken, dass das Lob der tüchtigen Frau im Hebräischen als Akrostichon geformt ist, das heißt: der Beginn jedes Verses orientiert sich nach der Abfolge des hebräischen Alphabets. Also: der erste Vers beginnt mit Alef, der zweite mit Beth, der dritte mit Gimel usw.

Das Lob der tüchtigen Frau (MT)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit ist zunächst einmal gewährleistet, dass der Text gut memoriert werden kann. Ich weiß immer, mit welchem Buchstaben die nächste Zeile beginnen muss. Natürlich ist das in deutschen Übersetzung praktisch nicht nachzubilden: versuchen Sie mal, ihre Frau/ihren Mann zu loben und dabei einen Satz mit X oder Y zu beginnen. Trotzdem ist wohl einsichtig, dass dieser Text eine kunstvolle Einheit bildet und jede Auslassung weh tut.

Das Lektionar sieht folgende Leseordnung vor: Spr 31,10-13. 19-20. 30-31. Im Deutschen fällt diese Auslassung nicht auf, wenn man den Text nicht kennt. Interessant ist, welche Verse die Leseordnung gestrichen hat: alle die, die die tüchtige Frau als ökonomisch selbstständiges Subjekt zeigen. So wird durch die Verkürzung des Textes aus dem „Lob der tüchtigen Frau“ eine Aufforderung an die Hausfrau, daheim mit emsigen Händen zu schaffen. Mit dem ursprünglich Gemeinten und Gesagten hat das nicht mehr viel zu tun.

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