Moses – Schreiber oder Ausleger der Tora?

In Dtn 1,5 nach der Einheitsübersetzung lese ich: »… begann Mose jenseits des Jordan im Land Moab, diese Weisung aufzuschreiben. Er sagte: …«. Diese Übersetzung ist ziemlich eigenwillig – und problematisch. Der hebräische Text bedeutet in meiner Übersetzung: »Jenseits des Jordan, im Land Moab, begann Mose diese Tora zu verdeutlichen: …« Es ist mir unbegreiflich, wieso EÜ den Infinitivus Absolutus Piel von באר als aufzuschreiben verdeutscht.

Das gleiche Verb kommt in Dtn 27,8 vor, wo Mose dem Volk befiehlt, was nach seinem Tod im Land Israel geschehen soll: »Dann sollst du schreiben (כתב) auf die Steine all die Worte dieser Tora, mache sie deutlich genau.« (MÜ) Hier kommt das Verb באר als Piel Imperativ, die EÜ übersetzt es in diesem Vers mit in schöner Schrift. Immerhin: sie ist in ihrer falschen Übersetzung konsequent. 1 Um auch etwas Positives zu sagen: EÜ übersetzt in beiden genannten Versen Tora sogar sinngemäß als »Weisung«.

Warum ist es mir so wichtig, dass Mose in diesem Vers Dtn 1,5 die Tora auslegt, aber nicht aufschreibt? Schließlich wird er doch in Dtn 31,24 ff. als derjenige geschildert, der diese Tora auf eine Schriftrolle schreibt!

Das Motiv meiner Kritik ist, dass der Auftakt von Dtn ganz wichtig für das Gesamtverständnis des Buches ist. Und hier spielt es eine enorme Rolle, dass Mose der Ausleger dieser Tora ist. Erst dadurch wird die Funktion des Deuteronomiums innerhalb des Pentateuch verständlich: in seiner großen Mahn- und Abschiedsrede (der größte Teil des Buches ist in der Ich-Form gehalten!) blickt Mose auf den Exodus zurück und interpretiert (oder mit den Worten des Dtn: verdeutlicht) die Tora vom Sinai.

Dadurch wird das 5. Buch Mose zum »Schlussstein« (Eckart Otto) der Tora. Diese hermeneutische Dimension geht meiner Meinung nach durch die falsche Übersetzung von Dtn 1,5 verloren.

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  1. Dass die richtige Bedeutung nicht unbekannt ist, zeigt Hab 2,2 EÜ!

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