Der Immanuel

Ein adventliches Thema: Jes 7,14 und seine berühmte Aussage über den Immanuel. Spätestens seit Mt 1,23 ist der Vers in der christlichen Auslegung zu einer der messianischen Belegstellen im Alten Testament geworden. Aber da war doch etwas?

Jes 7,14 ist ein klassisches Beispiel über deutliche Unterschiede zwischen dem hebräischen Text und seiner griechischen Übersetzung, der Septuaginta (LXX). Beginnen wir mit dem hebräischen Text. Wörtlich übersetzt lautet er so:

Zum hebräischen Text von Jes 7,14

»Deshalb wird geben (Imperfekt) der Herr – Er – für euch ein Zeichen: siehe, die junge Frau hat empfangen (Perfekt) und gebärend (Partizip) einen Sohn und sie hat gerufen [oder: du hast gerufen] (Perfekt) seinen Namen „mit uns ist Gott“.« (MÜ)

Zum besseren Verständnis: das Imperfekt bezeichnet im Hebräischen eine noch nicht abgeschlossene Zeitstufe und wird daher in der Regel futurisch übersetzt: »er wird geben«. Das Perfekt bezeichnet eine abgeschlossene Zeitstufe: »sie hat empfangen«. Mit anderen Worten: von der Grammatik her ist der hebräische Text von Jes 7,14 keine Aussage über die Zukunft.

Zur LXX Fassung von Jes 7,14

Ganz anders sieht das beim Text der Septuaginta aus: »Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben; siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und du wirst ihm den Namen „Emmanuel“ geben« (Ü: Septuaginta Deutsch). In der Lesart der orthodoxen Kirchen lautet der letzte Satz: »Und sie werden ihm den Namen „Emmanuel“ geben.«

Hier ist der Text grammatikalisch und inhaltlich eindeutig eine Verheißung und bezieht sich auf ein zukünftiges Geschehen. Ich halte die unterschiedlichen Zeitformen in beiden Sprachen für eine erheblich bedeutsamere Differenz, als die Übersetzung von »junger Frau« im Hebräischen (‚almā) durch »Jungfrau« im Griechischen (parthénos).

RABA

Es fällt auf, dass Jes 7,14 in der rabbinischen Literatur so gut wie keine Rolle spielt. Abraham Ibn Ezra (gen. RABA) hat in seinem Jesaja-Kommentar bei der Behandlung des Verses kein Problem damit, dass mit ‚almā auch eine Jungfrau gemeint sein könnte. Doch er beginnt seine Ausführung mit den Worten: »Es ist für mich überraschend, dass es solche gibt, die sagen, dass der Prophet sich hier auf Jesus beziehen würde.« Denn für den im Jahr 1167 gestorbenen Gelehrten war klar, dass der Text nur von einem vergangenen Geschehen (in der biblischen Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges) handeln konnte.

Hieronymus

Genau so sicher war sich Hieronymus. In seinem Jesaja-Kommentar schreibt er: »Deshalb soll der Knabe, o Haus David, der von einer Jungfrau geboren werden wird,  nun von dir Emmanuel genannt werden, das heisst Gott mit uns. Denn, befreit von den beiden feindlichen Königen, 1  wirst du (durch diese Geschehnisse) erkennen dass Gott für dich anwesend ist. Und der, den man später Jesus nennen wird, d.h. Erlöser, da er das ganze Menschengeschlecht erlösen wird, der soll nun von dir mit dem Namen Emmanuel bezeichnet werden.« (MPL XXIV 109 MÜ)

Ist Jes 7,14 ein messianischer Text? Das hängt von seinem Sprach- und Deutungsraum ab, es ist Auslegungssache.

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  1. vgl. Jes 7,1

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