Die Asche der roten Kuh

In Num 19 wird geschildert, wie aus der Asche einer roten Kuh Reinigungswasser für die Israeliten gewonnen werden soll, die sich an einem Leichnam kultisch verunreinigt haben. Was macht man heute mit einem solchen Text?

Barnabasbrief

In der alten christlichen Auslegung gibt es dazu zwei Strategien: der Barnabas-Brief (wohl um 130 n. Chr. verfasst) unternimmt in seinem achten Kapitel eine detailreiche typologische Deutung dieser kultischen Bestimmungen auf Christus und die Apostel hin. Für den Verfasser des Briefes wird durch seine christologische Auslegung dieser dunkle Text einleuchtend.

Hebräerbrief

Die zweite Strategie bietet der Hebräerbrief, dessen Datierung unsicher ist, der aber meiner Meinung nach zwingend die Zerstörung des zweiten Tempels voraussetzt. Hier liest man: »Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, zur Reinigkeit des Fleisches heiligt, wieviel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um den lebendigen Gott zu dienen!« (Hebr 9,13-14; Elberfelder 1905) Der Hebräerbrief arbeitet also mit der Interpretation der Überbietung.

Interessant ist die Zitation der LXX Fassung von Num 19,2, die der Hebräerbrief dabei vornimmt. LXX übersetzt den hebräischen Ausdruck farah adumma temimah (= eine junge Kuh, rot, fehlerfrei) mit dámalin pyrràn amōmon (= eine junge Kuh, feuerrot, tadellos). Der Ausdruck amōmon (= tadellos) wird im Hebr 9,14 für Christus gebraucht. Die alte Elberfelder übersetzt den Ausdruck mit »ohne Flecken«, was interessanterweise mit einer alten rabbinischen Interpretation übereinstimmt (vgl. mPara 2,5)

Pesiqta de Rab Kahana

In dem vielleicht aus dem 5. Jh. stammenden Homilienmidrasch Pesiqta de Rab Kahana wird folgende Geschichte zu dem Text erzählt: »Ein Heide fragte den R. Jochanan ben Sakkai: „Die Dinge, die ihr treibt, sehen wie Zaubereien aus. Da bringt man eine Kuh, schlachtet sie, verbrennt sie, zerstückt sie und nimmt ihre Asche, um einen, der sich an einer Leiche verunreinigt hat, zwei- oder dreimal damit zu besprengen und man sagt zu ihm: Du bist nun rein!“ Da antwortete R. Jochanan: „lst noch niemals ein böser Geist in diesen Mann gefahren?“ Der Heide: „Nein!“ R. Jochanan: „Hast du auch noch keinen Menschen gesehen. in den ein solcher gefahren ist?“ Der Heide: „Ja!“ R. ]ochanan: „Und was hat man mit ihm gemacht?“ Der Heide: „Man brachte Wurzeln und räucherte unter ihm und goss Wasser über ihn und der böse Geist floh.“ R. Jochanan: „Möchten doch deine Ohren hören, was dein Mund spricht! So verhält es sich auch mit dem unreinen Geist, wie es heisst Sach 13, 2: Auch die falschen Propheten und den unreinen Geist schaffe ich aus dem Lande. Man sprengt auf ihn Wasser der Unreinigkeit und er (der böse Geist) flieht.“

Nachdem der Heide weggegangen war, sprachen seine Schüler zu ihm: „Rabbi, diesen hast du mit einem Strohhalm abgefertígt, was gibst du uns für eine Erklärung!“ Er antwortete: „Bei eurem Leben! Nicht der Tote verunreinigt und das Wasser reinigt nicht, sondern es ist der Beschluss des Königs aller Könige. Gott hat gesagt: Eine Satzung habe ich gegeben, einen Beschluss habe ich gefasst, kein Mensch soll meinen Beschluss übertreten, wie es heißt  (Num 19,2): Dies ist die Satzung der Tora.“«  (Pesiqta de Rab Kahana 4,40ab, Übersetzung August Wünsche).

Raschi

In seinem im 11. Jh. geschriebenen Tora Kommentar meint Raschi einleitend zu Num 19,2, dass »der Ankläger und die Völker der Welt Jisrael verhöhnen, indem sie sagen, was bedeutet dieses Gebot, und welche Begründung hat es?« (Übersetzung: Selig Bamberger). Interessanterweise schließt der große jüdische Kommentator seine Ausführungen zu diesem Kapitel, in dem er aus einem agadischen Midrasch eine detaillierte typologische Deutung einarbeitet. Wie Pesiqta de Rab Kahana argumentiert Raschi dabei mit der göttlichen Autorität dieser Satzung der Lehre (Num 19,2 Zunz).  Der HERR selbst spricht dadurch gleichsam zum Ausleger: »es ist ein Gesetz von mir, und du hast nicht das Recht, dagegen Einwände zu machen.«

Aus der historisch-kritischen Forschung

Die erkennbare Schwierigkeit der traditionellen Auslegung mit diesem Text, der einen kultischen Vollzug schildert, der wie heidnische Magie wirkt, wird in der historisch-kritischen Forschung aufgenommen. Sabina Wefing führt in ihren »Beobachtungen zum Ritual mit der roten Kuh« (ZatW 93,3. S.341-364) aus, dass vermutlich ein ursprünglich kanaanäisches Brandopfer auf Grund seiner Popularität in Analogie zu der Erzählung vom fluchbringenden Bitter-Wasser und Ex 32,20 mit dem aus der Asche der roten Kuh gewonnen Wasser bekämpft werden sollte. Die heute im Text aufscheinende Funktion  der Aufhebung der Verunreinigung durch Tote sei erst nachträglich hinzugekommen, als der uralte Brauch sich als nicht ausrottbar erwiesen habe.

Fazit

Schwierigkeiten mit diesem Text sind keine Erfindung der Neuzeit. Der „Strohhalm“ des Vergleichs mit anderen antiken Praktiken oder der Rekonstruktion eines ursprünglichen Ritus trägt nicht viel ein. Aber auch die typologischen Deutungen befriedigen mich nicht wirklich. Für mich ein Anreiz, an der Deutung der roten Kuh weiter zu arbeiten …

 

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