Rezension „Judas, der Freund“

Ich habe das 2020 in 6. Auflage erschienene Buch des Jesuiten Christoph Wrembeck (CW) gelesen und mich entschlossen, es hier zu rezensieren.

Was mich herausgefordert hat, ist zunächst einmal der Umstand, dass der Autor in Einleitungsfragen eine Reihe von Positionen vertritt, gegen die ich hier im Blog argumentiert habe: Er hält das Papiaszeugnis für glaubwürdig und vertritt eine Frühdatierung der Evangelien, die alle vor 70 entstanden seien. Matthäus habe sein Evangelium auf Aramäisch geschrieben und Markus sei der Dolmetscher des Petrus gewesen. Lukas wäre Arzt gewesen (alle Angaben auf S. 56) und habe Zachäus, den Zöllner und späteren Bischof von Cäsarea (!) ebendort wohl zwischen 59 und 61 getroffen, als er auf den dort inhaftierten Paulus wartete (S. 125). Der Autor des vierten Evangeliums sei der Zebedaide Johannes gewesen (S. 134 f.), die anonyme Sünderin aus Lk 7, die Jesus die Füße salbte, sei Maria von Magdala und eine Prostituierte gewesen (S. 80). Sie war die Schwester des Lazarus, der wiederum Gegenstand der Erzählung vom armen Lazarus wäre (S. 142).

Ein haltloser Argumentationsgang

Johannes sei auch Augenzeuge der Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen gewesen und hier möchte ich mir das Argument des Autors für diese Aussage einmal näher anschauen. Er geht geradezu von einer vox ipsissima der handelnden Personen aus:

Wir hören Originalton! Alles ist so geschehen, wie hier geschrieben. (S. 48)

Begründung: Der Evangelist habe in Joh 4,25 beim Wort Messias (gr. Μεσσίας) „entgegen griechischen Sprachgebrauch“ den Artikel weggelassen und:

Dies ist die einzige Stelle im ganzen Neuen Testament, wo das Wort Messias ohne Artikel gebraucht wird. (S. 48)

Dazu komme: Der samaritische Ausdruck für Messias sei von den Samaritern ebenfalls ohne Artikel gebraucht worden. Johannes habe also das samaritische Gepräge des Gesprächs wiedergeben wollen.

Das erste Problem dieser Argumentation ist: Das Wort Messias (gr. Μεσσίας) kommt im NT gezählte zweimal vor, beide Male bei Johannes, einmal mit (Joh 1,41) und einmal ohne Artikel (eben in Joh 4,25). Die griechische Übersetzung des Ausdrucks Messias, nämlich
Christus, findet sich 66 Mal ohne Artikel im NT, davon 39x sogar ohne den Namen Jesus.

Grafisches Suchwerkzeug BW 6: Finde alle Verse, in denen das Wort Christus ohne Artikel und ohne Jesus vorkommt.

Zweitens: Zum Samaritischen Dialekt. Ein Blick in die Grammatik zeigt, dass hier – im Unterschied zum Hebräischen – auf eine vorangestellte Partikel verzichtet wird (S. 5). Aber: Nomen werden durch ein nachgestelltes Heh bestimmt (S. 20, Punkt 7). Das Comprehensive Aramaic Lexicon gibt zwei Belegstellen für tāheb (Wurzel thb)1 an: Sam. Marqe 1.843 und Amram Dare (ein liturgisches Gedicht der Samaritaner) 9:37: אמת דייתי תהבה – „wenn der Erlöser kommt“. In beiden Fällen wird der Ausdruck durch den nachgestellten Artikel mit ה bestimmt. Die Argumentation von CW ist also haltlos.

Missachtung der Torah …

Doch nun komme ich zu den wirklichen Problemen, die ich mit diesem Buch habe: Torah und Gesetz sind für den Autor vollkommen negativ besetzt, die biblische Vorstellung, dass die Torah Gottes Geschenk an sein Volk Israel ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Gesetzlich und jüdisch-gesetzlich sind Adjektive, die mit Jesus und seiner Verkündigung im Widerspruch stünden. „Jesus war damals einer der größten Sünder nach dem Maßstab der Tora, deshalb haben sie ihn ja umgebracht.“ (S. 27) Das stimmt nicht, denn Jesus wurde ausweislich der Kreuzesinschrift als politischer Aufrührer gekreuzigt.

Diese Ablehnung der Torah führt soweit, dass CW Matthäus vorwirft, es sei nachträglich „jüdisch-gesetzhaftes Gedankengut in sein Evangelium eingefügt worden“. (S. 57) Die Pointe der Erzählung vom armen Lazarus in Lk 16,19-31 fällt bei ihm (S. 142) völlig unter den Tisch: „Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht.“ (Lk 16,31; Elberfelder)

… und Unkenntnis des Judentums zur Zeit des zweiten Tempels

Zu diesem markionitischen Umgang mit dem AT passen auch haarsträubende Aussagen über das Judentum zur Zeit Jesu: Jüdischen Männern sei es vom gesetzlichen Verständnis her verboten gewesen, mit Frauen zu sprechen (S. 23). Seltsamerweise sprechen im AT ständig Männer und Frauen miteinander, die nicht verheiratet sind und die rabbinische Literatur ist voll von Gesprächsszenen zwischen einem der großen Rabbanan und einer Matrona, aber egal, der Autor weiß es besser.

Zu Joh 4,23 Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden (Elberfelder), nach CW ja praktisch eine Transkription des zebedaidischen Ohrenzeugen, glaubt er zu wissen: „Solch ein Satz im Mund eines Juden ist geradezu undenkbar, ist Gotteslästerung ersten Grades.“ (S. 41) Warum hat der Jachad in Qumran so ähnlich wie das vierte Evangelium gedacht und einen Tempel aus lebendigen Steinen errichtet, weil man den Jerusalemer Tempel für kontaminiert hielt?

Und Judas?

Das eigentliche Anliegen des Buches, nämlich zu zeigen, dass Judas Iskariot sicher nicht verdammt, sondern gerettet worden sei, nimmt überraschend wenig Platz ein. Das könnte auch dem Umstand geschuldet sein, dass Judas im NT eine Randfigur mit relativ wenig Text ist. Daher verweist CW auf das durch Papst Franziskus weithin bekannt gewordene Kapitell der Basilika von Vézelay – das neben dem erhängten Judas Jesus als guten Hirten zeigen würde, der Judas auf seinen Schultern trage. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Die von CW gezogenen Parallelen zwischen Judas und Abaelard, dessen Schicksal er als historischen Hintergrund des Kunstwerks sieht (ab S. 12), überzeugen mich nicht. Ich habe dessen Historia calamitatum gelesen und glaube nicht, dass Abaelard diesen Vergleich akzeptiert hätte.2

Ein herausragender Exkurs

Alles schlecht also in diesem Buch? Nein, ein Exkurs im Buch, der nicht biblisch argumentiert und gesättigt ist mit der jahrzehntelangen Erfahrung des Autors als geistlicher Begleiter, hat mich angesprochen – von dieser Lektüre habe ich profitiert. Warum ich den hermeneutischen Zugang des Werkes zur Bibel ablehne, sollte durch meine Ausführungen deutlich geworden sein.

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  1. Von CW ungenau als taeb wiedergegeben.
  2. Abaelard vergleicht den Onkel Heloises mit Judas – siehe Dag Nikolaus Hasse (Hg.): Abaelards „Historia calamitatum“ Text – Übersetzung –
    literaturwissenschaftliche Modellanalysen (2002) S. 235

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