Adam und der Neid

Die antike Auslegungstradition kennt im Zusammenhang mit Adam eine Art doppelter Eifersucht: die Engel beneiden Adam – und Adam beneidet die Engel. Dieses Motiv hat eine bemerkenswerte Verbreitung gefunden.

In seiner 5. Predigt zum Weihnachtsfest macht Papst Leo der Große († 461) folgende Bemerkung über Adam: »ille cupidus honoris angelici, naturae suae perdidit dignitatem« (MPL LIV 212) – »Jener, begierig nach der Ehre der Engel, verlor die Würde seiner Natur.« (Eine deutsche Fassung im Kontext findet sich hier).

Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, woher Papst Leo diese Vorstellung hat, aber ich habe eine verblüffende Parallele gefunden: »Da flüsterte ihnen [Adam und Eva] der Satan ein, um ihnen kundzutun, was ihnen von ihrer Scham verborgen war. Und er sagte: ‚Euer Herr hat euch diesen Baum nur verboten, dass ihr zu Engeln werdet oder zu Wesen die ewig leben.‘ Und er schwur ihnen: ‚Ich rate euch gut‘. Und so beschwatzte er sie, indem er betörte.« (Koran, Sure 7,20-21, Übersetzung Rudi Paret)

Die gleiche Sure nennt das umgekehrte Motiv – die Eifersucht des Teufels. Weil Iblis (so der Namen des Teufel im Koran – vielleicht eine Abwandlung des griechischen diábolos, bei dem die erste Silbe als aramäischer Genetiv-Präfix aufgefasst wurde?) sich weigert, vor Adam niederzufallen, wird er von Gott verdammt, aber bis zum Tag des Gerichtes verschont – eine Vorstellung, die wohl auch in 2 Petr 2,4 anklingt. Als Begründung gibt Iblis an: »Ich bin besser als er [Adam] – du hast mich aus Feuer geschaffen, und ihn aus Lehm« (Sure 7,12 Übersetzung Heinrich Speyer).

Dass durch den Neid des Teufels der Tod in die Welt kam (Weish 3,24) ist eine weithin bekannte Vorstellung bei den Kirchenvätern, etwa bei Augustinus: »Nachdem jedoch jener hochmütige und deshalb neidische Engel, eben durch seinen Hochmut von Gott ab- und sich selbst zugekehrt und mit einer Art tyrannischer Wollust seine Freude lieber darin suchend, Sklaven zu seinen Füßen zu sehen als selbst zu Füßen zu liegen, aus seinem geistigen Paradies herabgefallen war (…), ging sein Streben dahin, sich mit verführerischer Verschlagenheit in den Geist des Menschen einzuschleichen, dem er neidisch war, da er aufrecht stand, während er selbst gefallen war.« (Vom Gottesstaat, XIV,11)

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