Genesis und die Metamorphosen des Ovid

Der Anfang der Metamorphosen in der Handschrift Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 1594, fol 1r.

Ein interessanter Effekt entsteht, wenn man die Metamorphosen des Ovid – entstanden im ersten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts nach Christus – mit der Genesis zusammen schaut. Ich habe hier einmal eine solche Synopse erstellt.

Genesis in der Luther-Übersetzung von 1912 Die Metamorphosen in der Übersetzung von Reinhart Suchier (1862)
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
(Gen 1,1-2)
Ehe denn Meer und Land und der alles bedeckende Himmel,
war in dem ganzen Bereich der Natur ein einziges Aussehn,
das man Chaos genannt, ein verworrenes rohes Gemenge.
(Met I,5-7)
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah also.
(Gen 1,6-7)
Aber dem Zwist gab Schlichtung ein Gott und die bessere Triebkraft,
Denn er schied von dem Himmel das Land und vom Lande die Wogen.
Und von der dunstigen Luft los trennt‘ er den lauteren Himmel.
(Met I,21-23)
Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren, und Gevögel fliege auf Erden unter der Feste des Himmels.
(Gen 1,20)
Wohnstatt ward in den Wellen verliehn den glänzenden Fischen;
Tiere bekam das Land und Vögel der regsame Luftraum.
(Met I,74-75)
Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.
(Gen 1,26-27)
Aber es fehlete noch ein Geschöpf, das höher an Würde
Mit tiefdenkendem Geiste den anderen könnte gebieten.
Sieh, da wurde der Mensch, ob ihn aus göttlichem Samen
Machte der Bildner der Welt, der Urquell besserer Schöpfung,
(…)
Bildete gleich der Gestalt der alles beherrschenden Götter.
(Met I,76-79.83)
Da aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar,
da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen,
und er sprach: Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe.
(Gen 6,5-7)
Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden.
(Gen 6,12)
[Jupiter spricht:]
Welches jedoch das Vergehn, und welches die Rache, vernehmet.
Uns war böses Gerücht von der Zeit zu Ohren gedrungen:
Wünschend, es sei unwahr, entschweb‘ ich dem hohen Olympos
Und durchstreife die Erd‘, ein Gott im menschlichen Bilde.
Säumnis wär‘ es, wieviel überall ich gefunden von Bosheit.
Aufzuzählen: zurück blieb hinter dem Wahren der Leumund.
(…)
Andere Strafe beliebt: das Menschengeschlecht zu vernichten
Unter der Flut und rings Platzregen zu gießen vom Himmel.
(Met I,210-215; 260-261)
Dies ist das Geschlecht Noahs. Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel und führte ein göttliches Leben zu seinen Zeiten.
(Gen 6,9) 

Da gedachte Gott an Noah und an alle Tiere und an alles Vieh, das mit ihm in dem Kasten war, und ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen.
(Gen 8,1)

[Über Deukalion und Pyrrha:]
Nie war besser ein Mann als er und dem Rechten ergebner;
Nie trug irgend ein Weib mehr Scheu als sie vor den Göttern.
Als nun Iupiter sieht in Morasten versumpfen den Erdkreis
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Einer
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Eine,
Beid‘ unsträflichen Sinns und beide Verehrer der Gottheit,
Teilt er die Wolken und zeigt, da der Regen verscheucht von dem Nordwind,
Wieder dem Himmel die Erd‘ und wieder den Aither der Erde.
Nicht bleibt zürnend die See.
(Met I, 322-330)

Was den Vergleich noch verblüffender macht, ist der Umstand, dass in den Metamorphosen vor der Fluterzählung in I,151-162 vom Aufstand der Giganten berichtet wird, von denen die Anführer der Menschen abstammen. Eine ähnliche Tradition findet sich – ebenfalls vor der Fluterzählung – in Gen 6,1-4.

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