Die Heilige Familie – oder: wo Jesus glauben lernte.

[Diesen Artikel habe ich für ein Wiener Pfarrblatt geschrieben].

Da die Evangelien über die Kindheit und die Familie Jesu nicht sehr viel berichten – mit Ausnahme der Umstände seiner Geburt bei Matthäus und Lukas, sporadischen Anmerkungen zu seinen Verwandten bei Markus und Johannes und einer kleinen Episode um den Zwölfjährigen Jesus wiederum bei Lukas – musste die Sehnsucht der Christen, etwas über dieses jeden Menschen so prägende Umfeld zu erfahren, andere Quellen finden. Diesem Bedürfnis wurde in apokryphen Evangelien und legendenhaften Erzählungen entsprochen, die weithin bekannt sind. Dem Protoevangelium des Jakobus entnehmen wir die „Information“, dass Joseph deutlich älter war als Maria und sie nach einer ersten Ehe mit Kindern als Witwer zur Frau nahm. Generell wird Josef in der Bildkunst als deutlich älter dargestellt.

Ich möchte mich hier mit der Frage auseinandersetzen, was Jesus in seiner Familie, in der Heiligen Familie gelernt hat. Was hat sie ihm mit auf seinen Lebensweg gegeben? Auch wenn das NT nicht viel dazu sagt – Markus und Johannes haben keine Kindheitserzählungen Jesu – lässt sich doch eine wichtige Erkenntnis gewinnen: Jesus lernte in seiner Familie den Glauben.

Ich weiß, dass die Vorstellung, Jesus sei allwissend auf die Welt gekommen und habe daher gar nichts lernen müssen, weit verbreitet ist. Sie wird vom Neuen Testament allerdings nicht geteilt. Hier ist es selbstverständlich, dass Jesus lernen musste (Hebr 5,8) und von sich selbst ausdrücklich sagte, dass er nicht allwissend sei (Mk 13,32). Es gehört einfach zum Menschsein Jesu dazu, dass auch er lernte. Der Ort, an dem er seinen Glauben – den jüdischen Glauben – erlernte, war seine Familie in Nazaret. Sie ließ ihn am 8. Tag nach der Geburt beschneiden (Lk 2,21), gab ihm dabei einen biblischen Namen (Jesus ist die griechische Form des Namens Josua) und lebte einen Glauben, der es ihm selbstverständlich sein ließ, am Schabbat die Synagoge zu besuchen (Lk 4, 16) und an den Hohen Festen zum Tempel nach Jerusalem zu ziehen (Joh 10,22 u.ö.). In der Synagoge von Nazaret dürfte er sich auch seine hervorragenden Bibelkenntnisse angeeignet haben, denn es ist schwer vorstellbar, dass im Haus eines galiläischen Handwerkers auch nur ein Buch der Bibel vorhanden war – das hätte damals das Mehrfache eines Jahresgehaltes gekostet. Zunächst dürfte Jesus das Handwerk seines Stiefvaters ausgeübt haben (Mk 6,3), das griechische Wort téktōn bezeichnet einen Bautischler. Man sieht an diesen wenigen Angaben, wie sehr das Leben Jesu in den ersten drei Jahrzehnten (Lk 3,23) von seiner Familie geprägt war.

Damit liegt die Aktualität dieses Themas für mich auf der Hand: wenn schon Jesus seine Familie brauchte, um glauben zu lernen, dann ist es wohl einzusehen, dass auch heute der Lernort des Glaubens die Familie ist. Damit meine ich nicht, dass man unsere ohnehin schon geforderten Familien noch zusätzlich mit einer weiteren Bürde beschweren sollte. Ich denke eher im Sinn der alten Faustregel: »Was habe ich meinen Kindern nicht alles gepredigt, und dann gehen sie hin, und machen das nach, was ich ihnen vorgelebt habe.« In eine Glaubenspraxis kann man einsteigen, bei Vorhaltungen wird man eher aussteigen. Von daher halte ich es durchaus für eine christliche Lebensfrage, sich vom Vorbild der Heiligen Familie ermutigen zu lassen.

(Wenn Sie das Thema interessiert, hier noch eine Buchempfehlung: Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte. Herder Verlag, 191 S.; € 10,30)

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