Die dunkle Seite des Heiligen

Der folgende Artikel von mir ist zuerst in der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“ erschienen, und wurde für die Zeitung „Dialog“ des Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit erweitert.

Über den Umgang mit der dunklen Seite eines Heiligen – Johannes Capestrano (1386-1456)

Die zeitgenössischen Texte über das Wirken des aus Italien stammenden Franziskaners der strengen (observanten) Richtung seines Ordens lassen noch heute das ungeheure Charisma Capestranos erkennen. Als er 1451 und 1452 nach Wien kommt, läuft nicht nur die ganze Stadt zusammen, um seine Predigten zu hören. Seinem Aufruf, sich den Franziskanern anzuschließen, kommen 50 junge Männer sofort nach, das so von ihm initiierte Kloster zählt bald mehr als 300 Brüder. Ähnlich verhält es sich fast überall, wo er hinkommt: in Krakau, Breslau oder Leipzig. Seine Ausstrahlung reicht von Polen bis nach Bosnien und Dalmatien. Kurz vor seinem Tod schlägt ein von ihm zusammengerufenes Heer die Türken vor Belgrad. Der „Sieger von Belgrad“ wird 1690 heiliggesprochen, die Heiligsprechungsfeier in Wien findet bei Capestranos Außenkanzel statt, die heute an der Nordwand des Stephansdomes steht. Papst Pius XII. nennt ihn zu seinem 500. Todestag „Apostel Europas“. Zahlreiche Pfarrkirchen sind nach ihm benannt, seine Reliquien werden bis heute verehrt.

Doch es gibt auch die dunkle Seite dieses Heiligen. 1453 wird gegen die Breslauer Juden der Vorwurf der Hostienschändung erhoben. Die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt wird verhaftet, der als Inquisitor erfahrene Capestrano leitet die Ermittlungen. Die Folter wird eingesetzt, die Anklage auf die jüdischen Familien in Schweidnitz, Jauer, Striegnitz, Reichenbach und Liegnitz ausgedehnt. Zusätzlich wird der Vorwurf eines Ritualmordes erhoben. Insgesamt werden im Zuge des Prozesses über 300 jüdische Menschen inhaftiert, von denen am 4. Juli in Breslau 41 Personen bei lebendigem Leib verbrannt werden, in Schweidnitz am 13. August weitere 17 Menschen. Ein Feuer tötet die Gefangenen im Kerker von Liegnitz. Die überlebenden Juden Schlesiens werden enteignet und des Landes verwiesen, davor nimmt man ihnen die Kinder unter sieben Jahren weg und gibt sie an christliche Familien.

Wie ist die katholische Kirchengeschichtsschreibung mit diesem Pogrom umgegangen? Zunächst einmal ganz offen, denn diese Episode im Leben Capestranos wurde zur damaligen Zeit durchaus als rühmenswert empfunden. Sein Ordensbruder und Biograf Nikolaus von Fara hebt hervor, dass Capestran die Folterung der Verdächtigen persönlich überwacht habe. Der von Wien aus entsandte Prozessbeobachter Oswald Reicholf, dessen Bericht erhalten geblieben ist, wundert sich: „Wir haben so ein unselig böses Volk noch nie gesehen, wie es die alten Juden sind: sie lassen sich eher zu Tode foltern oder sie töten sich selbst, bevor sie gestehen.“ (wier haben unsäliger pözer volkch nye gesehen, wen die alten iuden seynn. Sy lazzen sich ee zu tod martrn oder sy totten sich selbs ee wann sy sagen).

Bei dieser grundsätzlichen Bejahung von Capestranos Verhalten in Breslau ist es bis 1964 geblieben. In diesem Jahr erschien in zweiter Auflage das heute noch als Standardwerk zur Person geltende Werk Johannes Hofers „Johannes Kapistran. Ein Leben im Kampf um die Reform der Kirche“, das nach Hofers Tod im Jahr 1939 von Ottokar Bonmann weiterführt wurde. Im Hinblick auf die Rolle des Heiligen in Breslau heißt es dort sinngemäß, dass seine Vorgehensweise beim Prozess und die daraufhin verhängten Strafen in der damaligen Zeit eben angesichts der Schwere der Verbrechen (!) gerechtfertigt gewesen seien. Man könne doch nicht von der Schuldlosigkeit der Angeklagten überzeugt sein, denn das würde bedeuten, „daß also ein Heiliger der katholischen Kirche die Verantwortung oder gar die Hauptverantwortung trüge an einem furchtbaren Justizmord.“

Mittlerweile ist der Zugang zu dieser Seite des Heiligen ein anderer geworden: über die Verbrennung und Vertreibung der schlesischen Juden wird einfach gar nicht mehr gesprochen. 1965 erschien das Buch Wilhelm Hünermanns „Ein Mönch unter den Wölfen. Johannes von Kapistran der Apostel Europas.“ Zwar schreibt der Autor auf der letzten Seite seines Werkes: „Endlos zog sich der Kanonisationsprozeß hin; Schatten und Licht wurden immer wieder gegeneinander abgewogen.“ Doch die wahrhaft dunkle Geschichte von 1453 in Breslau wird nicht erzählt. Hünermanns Buch wurde übrigens 2005 in einem Schweitzer Verlag wieder aufgelegt.

Geradezu exemplarisch für den Weg des Schweigens ist der 1992 im „Archiv für schlesische Kirchengeschichte“ veröffentlichte Artikel von Ewald Walter: „Warum nannte der hl. Johannes Kapistran Breslau »seine Stadt«?“ Bei der Lektüre gewinnt man den Eindruck einer frommen Idylle um den Heiligen und das katholische Volk in Breslau – die Ermordung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung wird mit keiner Silbe erwähnt.

Das prominenteste Beispiel in dieser Reihe ist wohl der Artikel „Johannes v. Capestrano“ im „Lexikon für Theologie und Kirche“. In seiner ersten und zweiten Auflage erfährt der Leser noch andeutungsweise, dass es ein Problem in der Vita des Heiligen gibt. Der schon erwähnte Bonmann schreibt in der zweiten Auflage von 1960: „sein Bild [ist] entstellt durch prot. u. jüd. Historiker“. In der aktuellen Auflage des Lexikons von 1996 wird nicht nur das Pogrom verschwiegen, auch die Andeutung der beiden vorigen Auflagen ist getilgt.

Der Vollständigkeit halber sei noch der siebte Band der von Marc Venard herausgegebenen und 1995 bei Herder erschienen Ausgabe von „Die Geschichte des Christentums“ erwähnt. Hier wird Capestran mehrfach genannt und gewürdigt, wiederum nicht thematisiert wird die Ermordung der Breslauer Juden.

Dass es auch anders geht, hat der Breslauer Historiker Willy Cohn gezeigt, der vor wenigen Jahren durch seine erhalten gebliebenen Tagebücher einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Er konnte sie bis zum November 1941 führen, dann wurde er zusammen mit seiner Familie und weiteren 2000 Breslauer Juden nach Litauen deportiert. Alle wurden dort am 29.11.1941 ermordet.  Bereits 1926 verfasste Cohn für die Zeitschrift „Menorah“ einen Artikel über das Wirken Capestrans in seiner Heimatstadt. Nach der Schilderung der Ereignisse schreibt er: „Man kann es nicht fassen, daß die katholische Kirche diesen Mann heilig gesprochen hat“  und schließt mit den Worten: „Wie leicht wäre es, eine Parallele zur Gegenwart zu ziehen. In den seitdem vergangenen fünf Jahrhunderten hat sich wenig geändert. An die Stelle des Scheiterhaufens sind andere Verfolgungen getreten.“

Vor seiner Deportation und Ermordung begegnete Cohn im Breslauer Diözesanarchiv – das war die einzige Bibliothek, die er als Jude noch besuchen durfte – dem von einer jüdischen Mutter stammenden Breslauer Diözesanpriester Hubert Jedin. Dieser herausragende Kirchengeschichtler musste dort seit 1933 als Archivar arbeiten, da ihm die Nazis die Venia legendi entzogen hatten. 1939 wurde Jedin in den Schutz des Vatikans nach Rom geschickt, wo er den Krieg überlebte. Doch auch in dem von Jedin 1968 herausgegebenen „Handbuch der Kirchengeschichte“ konnte ich keinen Hinweis auf das Breslauer Pogrom entdecken.

(Dieser Artikel erschien erstmals in kürzerer Fassung in der „Furche“ vom 3. November 2011)

 

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