Lech lecha – ein Schlüssel zu Gen 12 und 22 (MBR 55)

Mit diesem Hebräischen Ausdruck werden zwei zentrale Ereignisse im Leben Abrahams eingeleitet: sein Auszug aus dem Land seiner Väter und die Erzählung von der Bindung Isaaks. In meisterhafter Weise wird der Zusammenhang der beiden Verse Gen 12,1 und 22,2 im Midrasch Bereschit Rabba untersucht.

Bei dem Ausdruck lech lecha handelt es sich um »die Verbindung von halak („gehen“) mit dem dativus commodi« 1 – hier ein kleiner Überblick zu den Übersetzungsversuchen:
Buber/Rosenzweig haben: Geh vor dich hin! Zunz: Gehe aus! Moses Mendelsohn: Ziehe hinweg! BigS: Geh los! LXX: Geh fort! In jedem Fall handelt es sich um ein Aufbrechen Abrahams, das ihn ganz persönlich, aber auch seine Beziehungen betrifft.

Die Struktur der beiden Verse

In der Kommentierung der Erzählung von der Bindung Abrahams durch die Rabbinen wird die Parallel der beiden Einstiegsszenarien deutlich, ich stelle die beiden Verse hier deshalb kurz vor:

וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־אַבְרָם לֶךְ־לְךָ מֵאַרְצְךָ וּמִמּֽוֹלַדְתְּךָ וּמִבֵּית אָבִיךָ אֶל־הָאָרֶץ אֲשֶׁר אַרְאֶֽךָּ׃

Gen 12,1: Und JHWH sprach zu Abram: Mach dich auf aus deinem Land, und aus deiner Verwandschaft und aus dem Haus deiner Väter in das Land, das ich dich sehen lassen werde. (MÜ)

וַיֹּאמֶר קַח־נָא אֶת־בִּנְךָ אֶת־יְחִֽידְךָ אֲשֶׁר־אָהַבְתָּ אֶת־יִצְחָק וְלֶךְ־לְךָ אֶל־אֶרֶץ הַמֹּרִיָּה

Gen 22,2: Und er sprach: nimm doch deinen Sohn, deinen Einzigen, den du liebst, den Isaak, und mache dich auf in das Land Morija …. (MÜ)

Gen 12,1 Gen 22,2
Mach dich auf (lech lecha) Nimm doch deinen Sohn
aus deinem Land deinen Einzigen
und aus deiner Verwandschaft den du liebst
und aus dem Haus deiner Väter den Isaak
in das Land mache dich auf (lech lecha) in das Land
das ich dich sehen lassen werde Morija

Bereschit Rabba 55

Zunächst einmal arbeiten die Rabbinen heraus, dass der Vers Gen 22,2 eine Menge Fragen aufwirft: Abraham hat nicht nur einen Sohn, sondern zwei (Ismael und Isaak), und wie sieht es mit der Liebe eines Vaters zu seinen beiden Söhne aus? Deshalb werden die extrem knappen Angaben des biblischen Textes zu einem Dialog zwischen dem HERRN und Abraham ausgebaut:

:ויאמר קח נא את בנך וגו‘ – אמר לו
!בבקשה ממך, קח נא את בנך
?אמר לו: תרין בנין אית לי, אי זה בן
!אמר לו: את יחידך
!אמר לו: זה יחיד לאמו, וזה יחיד לאמו
!אמר לו: אשר אהבת
?!אמר לו: אית תחומין במעיא
!אמר לו: את יצחק

»Und er sprach: nimm doch deinen Sohn usw. (Gen 22,2) – Er sprach zu ihm:
Ich bitte Dich: 2 Nimm doch deinen Sohn!
Er sprach zu ihm: Ich habe zwei Söhne, welchen Sohn?
Er sprach zu ihm: den Einzigen!
Er sprach zu ihm: dieser ist der Einzige für seine Mutter, und jener ist der Einzige für seine Mutter!
Er sprach zu ihm: den du liebst!
Er sprach zu ihm: Gibt es Grenzen im Inneren?
Er sprach zu ihm: den Isaak!« (MÜ)
Dann wird der Sinn dieser fortlaufenden Präzisierung diskutiert:

?ולמה לא גלה לו מיד
.כדי לחבבו בעיניו וליתן לו שכר על כל דבור ודבור

»Und warum wurde es ihm nicht sogleich enthüllt?
Um ihn fühlen zu lassen, wie lieb ihm sein Sohn war 3 und um ihm eine Belohnung zu geben für jedes göttliche Wort.« (MÜ)

In der weiteren Auslegung kommt Rabbi Jochanan auf den gleich strukturierten Vers von Gen 12,1 zu sprechen:

:היא דעתיה דר‘ יוחנן, דאמר רבי יוחנן
.לך לך, זו אפרכיה שלך
.וממולדתך, זו שכונתך
.מבית אביך, זו בית אביך
.אל הארץ אשר אראך
?ולמה לא גלה לו מיד
,כדי לחבבה בעיניו, וליתן לו שכר על כל דבור ודבור
. ועל כל פסיעה ופסיעה

»Das ist in Übereinstimmung mit Rabbi Jochanan, denn Rabbi Jochanan sagte:
Mach dich auf. (Gen 12,1) Das ist (=bedeutet: aus) deiner Stadt. 4
Und aus deiner Verwandtschaft. Das ist, deiner Nachbarschaft.
Aus dem Haus deines Vaters. Das ist das Haus deines Vaters.
In das Land, das ich dich sehen lassen werde.
Und warum wurde es ihm nicht sogleich enthüllt?
Um ihn fühlen zu lassen, wie lieb ihm seine Heimat war 5 und um ihm eine Belohnung zu geben für jedes göttliche Wort.
Und für jeden Schritt.« (MÜ)

Rabbi Levi fragt sich, welche der beiden so ähnlichen Situationen für Abraham wohl die schwierigere war?

:אמר רבי לוי בר חייתא
שני פעמים כתיב: לך לך, ואין אנו יודעים אי זה חביבה אם הראשונה אם השניה
מן מה דכתיב: ולך לך אל ארץ המוריה, הוי שניה חביבה מן הראשונה

»Rabbi Levi bar Chitta sagte:
Ein zweites Mal steht geschrieben: Mach dich auf. Und wir wissen nicht, welches kostbarer ist: entweder das erste, oder das zweite (Mal)?
Wovon geschrieben steht: Und mach dich auf in das Land Morija, (Gen 22,2) – es ist das zweite (Mal), das kostbarer ist als das Erste.«

Um diese Bewertung zu verstehen, muss man sich mit der Etymologie des Wortes Morija beschäftigen. Bei dieser Diskussion hatten die Rabbinen einen aufmerksamen Zuhörer: Hieronymus.

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  1. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Das Hohelied der Liebe, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2015, S. 84.
  2. Vgl. Jastrow S. 188
  3. Nach Jastrow, S. 415 חבב
  4. Lehnwort aus dem Griechischen: ἐπαρχία.
  5. Nach Jastrow, S. 415 a.a.o.

2 Gedanken zu „Lech lecha – ein Schlüssel zu Gen 12 und 22 (MBR 55)“

  1. Ausführliche Kommentare über das scheinbar überflüssige לך würde wohl den Rahmen dieses wunderbaren Blog sprengen. Es seien nur ganz kurz einige interessante Meinungen genannt: Avot de-Rabbi Nathan 33 bringt mit לך die 10 Proben, denen sich Abraham unterziehen musste, ins Spiel. Rashi deutet das mit להנאתל ולטובתך (zu deinen Gunsten und zu deinem Guten), wobei Nachmanides vehement widerspricht, da es sich um einen idiomatischen Ausdruck im Hebräischen handeln würde. Interessant ist, dass dieser Zusatz ל an verschiedenen Stellen in der Hebräischen Bibel vorkommt, so z.B. in Ex 18,27 ( וילך לו אל-ארצו – und dieser ging zurück in sein Land), Jos 22,4 ( ולכו לכם לאהליכם – und geht zu euren Zelten), 1Sam 26,11 ( ונלכה לנו – lass uns gehen), Jer 5,5 ( אלכה לי אל הגדולים – ich will zu den Grossen gehen), Hld 2,10 ( ולכי לך – und komm), vgl. auch Gen 21,16 ( ותלך ותשב לה – und sie ging und setzte sich). Der Ausdruck »Lech Lecha« dürfte somit – so mein Gefühl – mit einem Wunsch zu tun haben: »Gehe, für dich allein, oder allenfalls mit solchen, die mit dir verbunden sind; gehe auf einem Weg, der dir allein gehört, und lass alle anderen, die dir nicht folgen möchten und mit denen du dich nicht verbunden fühlst, hinter dir zurück.« Auf numerische Zahlenspielereien (»Lech Lecha« hat einen Zahlenwert von 100) lasse ich schon gar nicht ein. Das ist mir doch zu weit hergeholt, aber vielleicht täusche ich mich….

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