»Für alle, die …«

Eine kleine Polemik: seit längerer Zeit erlebe ich in verschiedenen Kirchen bei den Gottesdiensten, wie die Fürbitten vergeudet werden. Praktisch jede Bitte beinhaltet die Formel »für alle (Objekt der Fürbitte hier einsetzen), die …«. Gebetet wird dann in der Regel für die Menschen, die Politiker, die Kranken, die Verstorbenen, die Leidenden, die Christen usw.

Wo ist das Problem? Ich erlebe diese Bitten als austauschbar, unkonkret und letztlich beliebig. Es fällt mir schwer, Empathie und geistliches Engagement aufzubringen, wenn für »alle Mächtigen« gebetet wird. Das ändert sich schlagartig, wenn es um konkrete Menschen in konkreten Situationen geht.

Verbirgt sich hinter dieser Formulierung nicht auch eine gewisse Trägheit – kraftvolle Fürbitten verlangen nach wirklicher Vorbereitung, und dazu gehört eine geistliche Wachheit – die spürt und registriert, worauf es jetzt in diesem Moment ankommt. (Anmerkung: das kann das für den ganzen deutschen Sprachraum zu einem Gebrauch über mehrere Jahrzehnte hinweg konzipierte Fürbitte-Buch aus der Sakristei nicht leisten.)

Eine kleine Wette; nehmen wir einmal an, der Vorsteher der Feier schmuggelt folgendes Anliegen in die Fürbitten ein: »für alle Waschmittel – dass sie noch weisser waschen«. Ich bin sicher, dass unverdrossen das »wir bitten Dich, erhöre uns!« ertönen wird. Aber: ist das dann die Schuld der gottesdienstlichen Versammlung?

5 Gedanken zu „»Für alle, die …«“

  1. In der Nachbargemeinde unserer SE wurden die Lesungen auch seit längerer Zeit nicht mehr mit dem „Wort des lebendigen Gottes“ beendet.
    Aber es war nicht die Entscheidung der dortigen Lektoren, sondern die des Ortspfarrers.
    Er, ein Mitinitiator des „Aufbruch“s Freiburger Priester, hatte das so bestimmt.
    Nun, seit Anfang Juni, ist Pfarrer NN. Pensionär und man wird sehen, ob es bei dieser Regelung bleibt.
    Wie wird sein Nachfolger damit umgehen?

  2. Ich bin mit ganzer Hingabe Lektorin.
    Selig bin ich, wenn ich eine Lesung vortragen darf und auch die Fürbitten.
    Manchmal jedoch empfinde ich sie -die Fürbitten- aber als oberflächlich und geradezu seicht.
    Sie wiederholen sich in ihrem Wortlaut, z.B. die ständig wiederkehrende Phrase von „Bewahrung der Schöpfung“.
    So wichtig dieses Anliegen auch ist, hängt mir dieser Begriff allmählich zum Halse heraus.
    Ich wünschte mir häufig konkreter formulierte Bitten und Anliegen.

  3. Diese oft geistlosen, weil am grünen Tisch vorgenommene Fürbittenproduktion (in irgendwelchen Liturgiereferaten) sollte man wirklich etwas herunterfahren, z.B. an Werktagen übehaupt keine mehr.
    Mein Eindruck ist, daß der Stil der Formulierungen zunehmend den Charakter von Kurznachrichten annimmt bzw. stark ideologisch eingefärbt ist – d.h., der Adressat der Bitte ist im Grunde nicht Gott, sondern die Gemeinde, und sie wird (oft banal) zu Dingen aufgefordert, die auch in sozialpolitischen Manifesten oder Papieren von innerkirchlichen Reformbewegungen stehen könnten. Darum kommt es auch zur Ansprache des Kollektivs (für alle).

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