Untersuchungen – Kapitel 4

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(Cap. IV – Vers.1) »Et concepit et peperit Cain, et dixit, acquisivi sive possedi hominem per Deum«. Cain (קין), acquisitio, sive possessio interpretatur, id est κτῆσις, unde et etymologiam ipsius exprimens ait, CANITHI (קניתי), id est, »possedi hominem per Deum«.

(Gen 4,1): »Und sie empfing und gebar Kain, und sie sagte, ich habe erworben oder ich habe in Besitz genommen einen Menschen durch Gott.« Kain wird als Erwerbung oder Besitz übersetzt, das heißt (auf Griechisch) ktēsis, wodurch auch gerade die Worterklärung ausdrücklich besagt: kaniti – das heißt: »einen Menschen durch Gott in Besitz nehmen«.

(Vers. 4) »Et respexit Deus super Abel, et super munera eius: super Cain autem et super sacrificia eius non respexit, et contristatus est Cain valde«. Unde scire poterat Cain, quod fratris munera suscepisset Deus, et sua repudiasset: nisi illa interpretatio vera est, quam Theodotion posuit. »Et inflammavit Dominus super Abel, et super sacrificium eius: super Cain vero, et super sacrificium eius non inflammavit«. Ignem autem ad sacrificium devorandum solitum venire de coelo: et in dedicatione templi sub Salomone legimus, et quando Elias in monte Carmelo construxit altare . (II Par VII,1; III Reg XVIII,38)

(Gen 4,4) »Und Gott blickte auf Abel und auf seine Gaben: auf Kain aber und auf sein Opfer blickte er nicht, und Kain wurde sehr betrübt«. Woher hätte Kain wissen können, dass Gott die Gaben seines Bruders angenommen, seine aber verschmäht hatte, wenn nicht diese Interpretation wahr ist, die Theodotion vorgelegt hat: »und der Herr ließ Feuer fallen auf Kain und auf sein Opfer: auf Kain aber, und auf sein Opfer ließ er nicht Feuer fallen.« Ein Feuer aber zur Verschlingung des Opfers kommt gewöhnlich vom Himmel: das lesen wir sowohl bei der Weihe des Tempels unter Salomo, und auch als Elija auf dem Berg Karmel einen Altar errichtete. (2 Chr 7,1; 1 Kön 18,38)

(Vers. 6) »Et dixit Dominus ad Cain: Quare concidit vultus tuus? Nonne si recte offeras, non recte autem dividas, peccasti? Quiesce, ad te conversio eius, et tu dominaberis eius«. Necessitate compellimur in singulis diutius immorari. Siquidem et nunc multo alius in Hebraeo, quam in Septuaginta translatoribus, sensus est. Ait enim Dominus ad Cain: »Quare irasceris, et quare concidit vultus tuus? Nonne si bene egeris, dimittetur tibi, et si non bene egeris, ante fores peccatum tuum sedebit? et ad te societas eius: sed tu magis dominare eius«. Quod autem dicit, hoc est: »Quare irasceris«, et invidiae in fratrem livore cruciatus, vultum dimittis in terram? »Nonne si bene feceris dimittetur tibi omne delictum tuum«: sive ut Theodotion ait, acceptabile erit: id est, munus tuum suscipiam, ut suscepi fratris tui? »Quod si male egeris: illico peccatum ante vestibulum tuum sedebit«, et tali ianitore comitaberis. Verum quia liberi arbitrii es: moneo ut non tibi peccatum, sed tu peccato domineris. Quod autem in Septuaginta interpretibus fecit errorem, illud est: quia peccatum, id est, ATTATH (חטאת) in Hebraeo generis masculini est, in Graeco feminini. Et qui interpretati sunt, masculino illud (ut erat in Hebraeo) genere transtulerunt.

(Gen 4,6) »Und der Herr sprach zu Kain: ‘Warum verfällt dein Angesicht? Hast du nicht, wenn du zwar recht opferst, aber nicht teilst 1, gesündigt? Sei ruhig,auf dich richtet er sich und du wirst von ihm beherrscht werden’«. Wir sind (hier) notwendigerweise gezwungen, lange Zeit bei den Einzelheiten zu verweilen, da ja nun die Bedeutung im Hebräischen um vieles anders ist, als bei den Siebzig Übersetzern. Denn der Herr sagt zu Kain: »Warum wirst du zornig, und warum verfällt dein Angesicht? Wird dir nicht, wenn du gut handelst, vergeben werden, und wenn du nicht gut handelst, wird dann nicht deine Sünde vor der Tür sitzen? Auf dich zielt seine Gesellschaft, aber du wirst eher von ihm beherrscht werden.« Folgendes aber sagt er: »Warum bist du zornig?« und warum senkst du, gepeinigt und blau vor Neid 2 auf den Bruder dein Angesicht zur Erde? »Wird dir nicht, wenn du gut handelst, jede Schuld vergeben werden?«: oder wie Theodotion sagt, es wird willkommen sein; das bedeutet: ich werde deine Opfergabe annehmen, wie ich (die) deines Bruders angenommen habe. »Darum: wenn du schlecht gehandelt hast: sogleich wird die Sünde vor deinem Eingang sitzen«, und du wirst durch eine solche Türhüterin begleitet werden. Da du aber einen freien Willen hast: ich erinnere dich daran, dass die Sünde nicht dich, sondern du die Sünde beherrschen sollst. Was aber bei den Siebzig Übersetzern einen Fehler verursacht hat, ist Folgendes: Sünde – das heißt chattāāh – ist im Hebräischen maskulin, im Griechischen feminin. Und die, die übersetzt haben, übertrugen es (wie es im Hebräischen war) als Maskulinum. 3

(Vers. 8) »Et dixit Cain ad Abel fratrem suum«. Subauditur ea, quae locutus est Dominus. Superfluum ergo est, quod in Samaritanorum et nostro volumine reperitur, »Transeamus in campum«.

Gen 4,8: »Und Kain sagte zu seinem Bruder Abel«. Darunter wird verstanden, was der Herr gesprochen hat. Daher ist überflüssig, was in [der Fassung] der Samaritaner und in unserer Ausgabe vorgefunden wird: »Lass uns auf das Feld gehen«. 4

(Vers. 15) »Omnis qui occiderit Cain, septem vindictas exsolvet«. Pro septem vindictis, Aquila septempliciter interpretatus est. Symmachus, septimum. Theodotio, per hebdomadem. Super quo capitulo exstat Epistola nostra ad episcopum Damasum.

Gen 4,15: »Jeder, der Kain tötet, wird sieben Strafen bezahlen«. Für sieben Strafen hat Aquila siebenfach übersetzt. Symmachus zum siebten Mal. Theodotion: Sieben Tage lang. Darüber liegt unser Brief an den Bischof Damasus vor.

(Vers. 16) »Et habitavit in terra Naid«. Quod Septuaginta Naid transtulerunt, in Hebraeo NOD (נוד) dicitur: et interpretatur σαλευόμενος, id est, instabilis et fluctuans, ac sedis incertae. Non est igitur terra Naid, ut vulgus nostrorum putat: sed expletur sententia Dei, quod huc atque illuc vagus et profugus oberravit.

(Gen 4,16): »Und er wohnte im Land Naid«. Was die Siebzig als Naid übersetzt haben, heißt auf Hebräisch Nod. Es wird auch als saleuómenos 5 übersetzt, das bedeutet schwankend und unsicher sein, auch ohne festen Wohnsitz. Denn es gibt kein Land Naid, wie die große Menge der unseren meint, sondern so wird der Richtspruch Gottes erfüllt, dass er heimatlos und verbannt hierhin und dorthin umherirrte. (vgl. Gen 4,12)

(Vers. 25) »Et vocavit nomen eius Seth. Suscitavit enim mihi Deus semen aliud pro Abel, quem occidit Cain«. SETH (שּת) proprie θέσις, id est, positio dicitur. Quia igitur posuerat eum Deus pro Abel, propterea SETH, id est, positio appellatur. Denique Aquila: »Et vocavit, inquit, nomen eius Seth, dicens: Quia posuit mihi Deus semen alterum«.

(Gen 4,25): »Und sie rief seinen Namen Seth. Denn Gott hat mir ein anderes Kind erweckt für Abel, den Kain getötet hat«. Seth wird eigentlich thésis genannt, das bedeutet Festsetzung. Da ihn Gott also an die Stelle Abels gesetzt hatte, deshalb wird er bezeichnender Weise Seth, das bedeutet Festsetzung genannt. Daher sagt Aquila: »Und sie rief seinen Namen Seth, indem sie sagte: Gott hat mir ein anderes Kind gegeben.«

(Vers. 26) »Et vocavit nomen eius Enos: hic speravit invocare nomen Domini Dei«. Quomodo ADAM (אדם) homo interpretatur: ita et ENOS (אנושּ) iuxta Hebraeae linguae varietatem, homo vel vir dicitur. Et pulchre, quia hoc vocabulum habuit, de eo scriptum est, Tunc initium fuit invocandi nomen Domini: licet plerique Hebraeorum aliud arbitrentur, quod tunc primum in nomine Domini et in similitudine eius fabricata sint idola.

(Gen 4,26): »Und er rief seinen Namen Enosch: dieser hoffte, den Namen Gottes, des Herrn, anzurufen.« Wie Adam als Mensch übersetzt wird: so bedeutet auch Enosch – entsprechend der Vielfältigkeit der Hebräischen Sprache – Mensch oder Mann. Und es wurde zutreffend über ihn geschrieben, weil er diesen Namen hatte: damals begann man den Namen des Herrn anzurufen, obgleich die meisten der Hebräer anderes glauben, dass damals zuerst unter dem Namen des Herrn und nach seiner Ähnlichkeit die Götzenbilder verfertigt wurden. 6

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  1. LXX versucht, mit dem im Hebräischen nicht vorkommenden Ausdruck »wenn man richtig darbringt, aber nicht richtig teilt« zu erklären, warum Gott das Opfer Kains nicht annahm. Augustinus, der die LXX Fassung auslegte, schreibt dazu im Gottesstaat: »Es ist nicht klar, warum und wovon das gesagt ist, und die Dunkelheit dieser Stelle hat zu vielerlei Auffassungen geführt in dem Bestreben der Ausleger der Heiligen Schrift, sie nach der Glaubensregel zu deuten.« (Gottesstaat, XV,7) Die ganze Auslegung Augustins ist hier nachlesbar: http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1933-6.htm
  2. im Deutschen: grün vor Neid
  3. Auch die Rabbinen beschäftigten sich mir der Frage, warum chattāāh hier in maskuliner Form steht, denn das Wort חטאה kommt in der Hebräischen Bibel auch in weiblicher Form vor (Gen 20,9; Ex 32,21; 2 Kön 17,21 u.ö.). Daher heißt es im Midrasch Genesis Rabba: »Heil dem Menschen, welcher höher ist als seine Sünde, dessen Sünde aber nicht höher ist als er, wie es hier heißt: „vor der Tür lagert die Sünde“ (Gen 4,7). Es steht nicht חַטָּאת רֹבֶצֶת (die Sünde lagert), sondern חַטָּאת רֹבֵץ (der Sünde lagert). Anfangs ist der böse Trieb so schwach wie ein Weib, und wird stark wie ein Mann.« (BR XXII zu Gen 4,6; Ü: August Wünsche)
  4. Mit anderen Worten: der hebräische Text, der hier eine »bemerkenswerte Lacuna« hat (James L. Kugel), wurde wieder einmal von der LXX interpretierend ergänzt.
  5. Partizip Singular Präsens von σαλεύω: Heftig schütteln, wanken machen
  6. Das Problem des Hebräischen Textes ist, dass es hier lange vor Ex 3 – wo Moses von Gott den Namen JHWH erfährt – heißt: »Damals begann man, den Namen JHWHs anzurufen.« Um dieses Problem zu umgehen, übersetzte die LXX »Dieser hoffte darauf, den Namen Gottes des Herrn anzurufen.« Dazu kommt, dass der hebräische Text auch mit »Damals begann man, im Namen JHWHs anzurufen« übersetzt werden kann. Das Verb חלל, das in seiner Hophal Form hier mit beginnen übersetzt wird, bedeutet im Piel, Pual und Hiphil entweihen. In diesem Sinn wird der Vers auch im Midrasch Bereschit Rabba gedeutet: damals begann der Götzendienst. Wieder einmal hat Hieronymus also eine alte jüdische Überlieferung wiedergegeben.