Sechshundertsechsundsechzig?

Die wohl bekannteste Zahl der Bibel lautet 666 und über ihre Bedeutung sind unzählige Beiträge verfasst worden. Um die Sache zu verkomplizieren, möchte ich hier darauf hinweisen, dass es keinesweges gesichert ist, dass die Zahl in Offb 13,18 ursprünglich 666 lautete. Denn wirklich gut bezeugt ist auch die Lesart 616.

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Die Legenden zur Entstehung der Septuaginta III

Im letzten Beitrag hatte ich gezeigt, wie Justin von Rom (gest. 162/168) die erstmals im Aristeas-Brief greifbare Legende charakteristisch abgewandelt hatte. Noch deutlich weiter geht Irenäus von Lyon, der allerdings Motive des Justin aufgreift. „Die Legenden zur Entstehung der Septuaginta III“ weiterlesen

Simon Magus, eine altlateinische Inschrift und ihre Folgen

In Apg 8,9-24 berichtet Lukas von einem Simon, der als Magier großen Eindruck auf die Einwohner der Stadt Sebaste1 in Samaria machte. Beeindruckt von der Verkündigung des Philippus lässt er sich taufen und versucht, Petrus die Vollmacht, durch Handauflegung den Heilige Geist zu verleihen, abzukaufen. Die Perikope endet mit einer brüsken Zurückweisung Simons durch Petrus, dem Aufruf zur Umkehr an Simon und dessen Bitte an Petrus, für ihn zu beten. „Simon Magus, eine altlateinische Inschrift und ihre Folgen“ weiterlesen

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  1. So identifiziert Rudolph Pesch die von Lukas in 8,5 genannte »Stadt Samarias« in EKK V/1 S. 272

Über das Knien beim Sonntagsgottesdienst

Seit meiner Kindheit im Rheinland bin ich es gewohnt, während des Hochgebetes von der Epiklese bis zum Herrengebet zu knien. Hier in Wien ist eine mildere Variante üblich – während der Wandlung wird gekniet, nach der Volksakklamation setzen sich alle nieder. Beides wäre in der Alten Kirche am Sonntag nicht nur undenkbar gewesen, es war sogar ausdrücklich verboten. „Über das Knien beim Sonntagsgottesdienst“ weiterlesen

Einige Anmerkungen zur Papias-Notiz

Bei der Frage, wer der Verfasser des vierten Evangeliums nach Johannes ist, wird immer wieder auf die Angaben von Papias von Hierapolis verwiesen, einem Bischof des zweiten Jahrhunderts. 1 Sie haben als Zitate bei Irenäus von Lyon (Bischof seit 178 n. Chr.) und Eusebius von Caesarea (ca. 263 -339/340 n. Chr.) überlebt und scheinen auf den ersten Blick die Verfasserschaft des Zebedaiden Johannes zu stützen, einem der zwölf Apostel. Ich versuche hier den zweiten Blick. „Einige Anmerkungen zur Papias-Notiz“ weiterlesen

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  1. Alle Jahresangaben dieses Beitrags folgen Charles Kannengiesser: Handbook of Patristic Exegesis.

»Einzig geborener Sohn« oder »einzig geborene Gott« (Joh 1,18)?

Ein Klassiker der Textkritik ist Joh 1,18. Die EÜ liest hier am Endes des Johannesprologs: Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. 1 Doch diese Lesart ist alles andere als unumstritten. „»Einzig geborener Sohn« oder »einzig geborene Gott« (Joh 1,18)?“ weiterlesen

Show 1 footnote

  1. θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε· ⸂μονογενὴς θεὸς⸃ ὁ ὢν εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρὸς ἐκεῖνος ἐξηγήσατο.

Wie endet das Markus-Evangelium?

Eine nur auf den ersten Blick seltsame Frage: wie das Markus-Evangelium eigentlich endet, ist bis heute nicht unumstritten. Ich zeige hier, warum das so ist. „Wie endet das Markus-Evangelium?“ weiterlesen

Wen ließ Lukas das Magnificat sprechen?

»Was soll diese Frage?« – wird wohl die erste Reaktion beim Lesen sein. »Das Magnificat ist der Lobgesang Mariens und wird als solcher tagtäglich in der Liturgie der Kirche beim Abendgebet rezitiert«. Trotzdem lohnt sich die Rückfrage. „Wen ließ Lukas das Magnificat sprechen?“ weiterlesen

»Heiliger Homer« II

Eine teilweise enorme Hochachtung vor Homer war bei griechischen Kirchenvätern sicher gegeben, und in diesem Zusammenhang konnten seine Texte auch auf die gleiche Weise ausgelegt werden, wie die der Bibel.

Der heidnische Prophet und Moseschüler Homer

Clemens von Alexandria († um 215) war davon überzeugt, dass Homer ein von Gott begnadeter Seher war (Strom V,XIV,116), der unbewusst im biblischen Sinn prophezeit hatte (Paid I,VI,36). Für Isidor von Sevilla († 636) war Homer ein Zeitgenosse von Samuel und Saul (vgl. Chronicon, MPL LXXXIII, 1029), frühchristliche Apologeten waren sogar der Meinung, dass Homer (aber auch Orpheus, Solon, Phytagoras und Plato!) bei einem Besuch in Ägypten aus den Büchern des Mose abgeschrieben hätten (Corpus Apologetarum III,II Pseudo Justin: Cohortatio ad Gentiles, S.58/59).

Wie die christliche Home-Exegese ausgesehen hat, kann man in dem bis heute lesenswert gebliebenen Buch Hugo Rahners über Griechische Mythen in christlicher Deutung nachlesen (dem ich die Überschrift zu dieser Miniserie verdanke).

Kritische Stimmen

Aber glasklar und vor allem einhellig war die Zustimmung der Väter zu einer christlichen Homer-Exegese auf gar keinen Fall. Dabei spielte nicht nur eine Rolle, dass Gnostiker, »Erfinder einer neuen Literaturkunde, ihren Propheten Homer« als göttlichen Offenbarer propagierten, und dabei »in ihrer Verwegenheit die unheiligen mit den heiligen Schriften« harmonisierten. (Hippolyt von Rom, † um 235, Widerlegung aller Häresien, V,8). Es genügte auch ein schlichtes inhaltliches Referat, wie es Gregor von Nanzianz († 390) in seinen Reden unternommen hat, nicht ohne Seitenhiebe gegen die allegorischen Rettungsversuche dieser Inhalte.

Zwei Belegstellen

Ich will mir die Sache an zwei konkreten Homer-Stellen genauer ansehen, deren stoische Deutung ich in dem ersten Beitrag zum Thema schon dargestellt habe. Beide finden eine Relecture bei Irenäus von Lyon bzw. bei Origenes.

Irenäus zitiert in seinem Hauptwerk „Gegen die Häresien“ den Satz aus der Ilias, nachdem Okeanos der Ursprung der Götter sei (XIV,201+300). Ihm geht es dabei aber nicht um eine philosophische Auslegung, sondern nur um den Nachweis, dass die von ihm bekämpften Häretiker ihre krausen Ideen aus Materialien der antiken Dichter und Denker zusammengestoppelt hätten. Kurze Zeit später kommt er dann zur Sache, was die antiken Vorarbeiten angeht:

»Haben die, von denen ihr nachgewiesenermaßen entlehnt habt, die Wahrheit erkannt oder nicht? Haben sie dieselbe erkannt, dann war es überflüssig, dass der Erlöser auf die Welt kam …« (II,14,7)

Origenes setzt sich in seinem Werk »Gegen Celsus« mit einer Homer-Exegese auseinander, deren Typ ich bereits aufgezeigt habe. Ähnlich wie bei der »goldenen Kette« (Ilias, VIII, 18-29) geht es auch hier darum, dass Zeus seine aufsässige Gattin Hera an seine Macht erinnert:

»Denkst du nicht mehr, wie du hoch herschwebtest, und an die Füß‘ ich
Zwei Ambosse dir hängt‘, und ein Band um die Hände dir schürzte,
Golden und unzerbrechlich? Aus Aitherglanz und Gewölk her
Schwebtest du; ringsum traurten die Himmlischen durch den Olympos;
Doch nicht wagte zu lösen ein Nahender: wen ich erhaschte,
Schleudert‘ ich mächtig gefasst von der Schwell‘ ihn, bis er zur Erde
Niedergestürzt ohnmächtig;« (Ilias, XV, 18-24; Ü: Johann Heinrich Voss)

Origenes lässt seinen Widersacher dann die entsprechende Deutung vortragen: »Celsus gibt dann eine Erklärung der Worte Homers und sagt: „Die Worte des Zeus an die Hera seien Worte, die der Gott zu der Materie gesprochen habe. Die an die Materie gerichteten Worte aber deuteten dunkel an, dass Gott die Materie, die von Anfang an mit Fehlern behaftet war, ergriff und nach gewissen Verhältnissen zusammenband und ordnete, und dass er die Dämonen um sie herum, so viele davon Frevler waren, auf dem Wege hierher zu ihrer Bestrafung hinabstürzte“.« (Gegen Celsus, VI, 42)

Origenes antwortet auf diese Homer-Exegese des Celsus mit dem Vorwurf, sie sei ein Plagiat, denn: »Man erwäge nun, ob nicht unser Gegner, der uns vorwirft, dass wir „in den gottlosesten Irrtümern befangen seien und uns von dem wahren Verständnis göttlicher Rätselworte weit entfernt hätten“, offenbar selbst dem Irrtum verfallen ist. Denn er hat nicht bemerkt, dass in den Schriften des Moses, die weit älter sind nicht nur als die des Heraklit und Pherekydes, sondern auch älter als die Gedichte Homers, bereits dieses Bösen und seines Sturzes aus den Himmelsräumen gedacht wird.« (VI,43)

Anders als Irenäus bestreitet Origenes also nicht die Methodik dieser Auslegung, sondern ihre Legitimität, da die biblischen Texte älter seien. Wenn man so will, eine Art Patentverletzung ….

Erstes Fazit

Eines einte heidnische Homer-Ausleger und christliche Bibelausleger: das Bewusstsein, dass die Sprache der vorliegenden Texte eine besondere Fähigkeit der Interpretation verlangte. Der Homer-Bewunderer Clemens von Alexandrien bringt es auf den Punkt, wenn er – den bedeutenden heidnischen Grammatiker Didymos Chalkenteros [ein Zeitgenosse des Augustus, † 10 n.Chr.] zitierend – sagt:

»Denn es ist das Zeichen von Weisheit, wenn man die sinnbildliche Redeform geschickt anwendet, und das, was durch sie kundgetan wird, versteht.« (Strom V,8,46)

Auf die Unterschiede im Textverständnis will ich in einem weiteren Beitrag eingehen.

Historisch-kritische vs. traditionelle Bibelauslegung?

Ein flüchtiger Blick auf die Artikel dieses Blogs zeigt, dass ich grosses Interesse an der traditionellen christlichen und jüdischen Bibelauslegung habe. Da scheint es nahezuliegen, eine Schublade aufzumachen: hier wird ein vorkritischer Zugang vertreten, der sich nicht auf der Höhe der derzeitigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bewegt. Aber muss das wirklich so sein? Ohne die Spannungen zwischen traditionellen und historisch-kritischen Zugängen leugnen zu wollen, haben mich einige Beobachtungen in den letzten Monaten zum Grübeln gebracht. Ich will das einmal an zwei Beispielen verdeutlichen.

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