War der Apostel Paulus verheiratet?

Der Wortlaut von Phil 4,3 lässt diese Frage bis heute nicht zur Ruhe kommen, ich werfe hier einen Blick auf das Pro und Contra. „War der Apostel Paulus verheiratet?“ weiterlesen

»Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder«

Diese bekannte Aussage Jesu aus Mt 18,3 wird gerne im Sinne einer infantilen Glaubenspraxis ausgelegt. Ich habe für mich eine erwachsenere Auslegung entdeckt. „»Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder«“ weiterlesen

Was brennt im Fegefeuer?

Eine in vielen künstlerischen Darstellungen präsente Jenseits-Vorstellung betrifft das Fegefeuer, das lateinisch als purgatorium – Reinigungsort – bezeichnet wird. Was da eigentlich genau brennt ist eine Frage, die schon in der alten Kirche diskutiert wurde, mit einem – wie ich finde – erstaunlich modern klingenden Diskussionsbeitrag aus Alexandria. „Was brennt im Fegefeuer?“ weiterlesen

»Überhaupt nicht schwören!«

So sagt Jesus in der Bergpredigt zu seinen Schülern und der ganzen Volksmenge (Mt 5,1 + 7,28). Auch wenn diese Aussage aus dem matthäischen Sondergut stammt (daher findet sie sich in der Zehnten Tabelle des Eusebius als Nr. 37), ist sie sehr gut bezeugt. „»Überhaupt nicht schwören!«“ weiterlesen

»Heiliger Homer« II

Eine teilweise enorme Hochachtung vor Homer war bei griechischen Kirchenvätern sicher gegeben, und in diesem Zusammenhang konnten seine Texte auch auf die gleiche Weise ausgelegt werden, wie die der Bibel.

Der heidnische Prophet und Moseschüler Homer

Clemens von Alexandria († um 215) war davon überzeugt, dass Homer ein von Gott begnadeter Seher war (Strom V,XIV,116), der unbewusst im biblischen Sinn prophezeit hatte (Paid I,VI,36). Für Isidor von Sevilla († 636) war Homer ein Zeitgenosse von Samuel und Saul (vgl. Chronicon, MPL LXXXIII, 1029), frühchristliche Apologeten waren sogar der Meinung, dass Homer (aber auch Orpheus, Solon, Phytagoras und Plato!) bei einem Besuch in Ägypten aus den Büchern des Mose abgeschrieben hätten (Corpus Apologetarum III,II Pseudo Justin: Cohortatio ad Gentiles, S.58/59).

Wie die christliche Home-Exegese ausgesehen hat, kann man in dem bis heute lesenswert gebliebenen Buch Hugo Rahners über Griechische Mythen in christlicher Deutung nachlesen (dem ich die Überschrift zu dieser Miniserie verdanke).

Kritische Stimmen

Aber glasklar und vor allem einhellig war die Zustimmung der Väter zu einer christlichen Homer-Exegese auf gar keinen Fall. Dabei spielte nicht nur eine Rolle, dass Gnostiker, »Erfinder einer neuen Literaturkunde, ihren Propheten Homer« als göttlichen Offenbarer propagierten, und dabei »in ihrer Verwegenheit die unheiligen mit den heiligen Schriften« harmonisierten. (Hippolyt von Rom, † um 235, Widerlegung aller Häresien, V,8). Es genügte auch ein schlichtes inhaltliches Referat, wie es Gregor von Nanzianz († 390) in seinen Reden unternommen hat, nicht ohne Seitenhiebe gegen die allegorischen Rettungsversuche dieser Inhalte.

Zwei Belegstellen

Ich will mir die Sache an zwei konkreten Homer-Stellen genauer ansehen, deren stoische Deutung ich in dem ersten Beitrag zum Thema schon dargestellt habe. Beide finden eine Relecture bei Irenäus von Lyon bzw. bei Origenes.

Irenäus zitiert in seinem Hauptwerk „Gegen die Häresien“ den Satz aus der Ilias, nachdem Okeanos der Ursprung der Götter sei (XIV,201+300). Ihm geht es dabei aber nicht um eine philosophische Auslegung, sondern nur um den Nachweis, dass die von ihm bekämpften Häretiker ihre krausen Ideen aus Materialien der antiken Dichter und Denker zusammengestoppelt hätten. Kurze Zeit später kommt er dann zur Sache, was die antiken Vorarbeiten angeht:

»Haben die, von denen ihr nachgewiesenermaßen entlehnt habt, die Wahrheit erkannt oder nicht? Haben sie dieselbe erkannt, dann war es überflüssig, dass der Erlöser auf die Welt kam …« (II,14,7)

Origenes setzt sich in seinem Werk »Gegen Celsus« mit einer Homer-Exegese auseinander, deren Typ ich bereits aufgezeigt habe. Ähnlich wie bei der »goldenen Kette« (Ilias, VIII, 18-29) geht es auch hier darum, dass Zeus seine aufsässige Gattin Hera an seine Macht erinnert:

»Denkst du nicht mehr, wie du hoch herschwebtest, und an die Füß‘ ich
Zwei Ambosse dir hängt‘, und ein Band um die Hände dir schürzte,
Golden und unzerbrechlich? Aus Aitherglanz und Gewölk her
Schwebtest du; ringsum traurten die Himmlischen durch den Olympos;
Doch nicht wagte zu lösen ein Nahender: wen ich erhaschte,
Schleudert‘ ich mächtig gefasst von der Schwell‘ ihn, bis er zur Erde
Niedergestürzt ohnmächtig;« (Ilias, XV, 18-24; Ü: Johann Heinrich Voss)

Origenes lässt seinen Widersacher dann die entsprechende Deutung vortragen: »Celsus gibt dann eine Erklärung der Worte Homers und sagt: „Die Worte des Zeus an die Hera seien Worte, die der Gott zu der Materie gesprochen habe. Die an die Materie gerichteten Worte aber deuteten dunkel an, dass Gott die Materie, die von Anfang an mit Fehlern behaftet war, ergriff und nach gewissen Verhältnissen zusammenband und ordnete, und dass er die Dämonen um sie herum, so viele davon Frevler waren, auf dem Wege hierher zu ihrer Bestrafung hinabstürzte“.« (Gegen Celsus, VI, 42)

Origenes antwortet auf diese Homer-Exegese des Celsus mit dem Vorwurf, sie sei ein Plagiat, denn: »Man erwäge nun, ob nicht unser Gegner, der uns vorwirft, dass wir „in den gottlosesten Irrtümern befangen seien und uns von dem wahren Verständnis göttlicher Rätselworte weit entfernt hätten“, offenbar selbst dem Irrtum verfallen ist. Denn er hat nicht bemerkt, dass in den Schriften des Moses, die weit älter sind nicht nur als die des Heraklit und Pherekydes, sondern auch älter als die Gedichte Homers, bereits dieses Bösen und seines Sturzes aus den Himmelsräumen gedacht wird.« (VI,43)

Anders als Irenäus bestreitet Origenes also nicht die Methodik dieser Auslegung, sondern ihre Legitimität, da die biblischen Texte älter seien. Wenn man so will, eine Art Patentverletzung ….

Erstes Fazit

Eines einte heidnische Homer-Ausleger und christliche Bibelausleger: das Bewusstsein, dass die Sprache der vorliegenden Texte eine besondere Fähigkeit der Interpretation verlangte. Der Homer-Bewunderer Clemens von Alexandrien bringt es auf den Punkt, wenn er – den bedeutenden heidnischen Grammatiker Didymos Chalkenteros [ein Zeitgenosse des Augustus, † 10 n.Chr.] zitierend – sagt:

»Denn es ist das Zeichen von Weisheit, wenn man die sinnbildliche Redeform geschickt anwendet, und das, was durch sie kundgetan wird, versteht.« (Strom V,8,46)

Auf die Unterschiede im Textverständnis will ich in einem weiteren Beitrag eingehen.