Gefallene Engel I

Tertullian († um 220) schreibt in seinem Apologeticum: »Doch wie von einigen Engeln, die aus eigenem Willen verdorben wurden, ein noch verdorbeneres Volk von Dämonen hervorging, das von Gott zusammen mit den Urhebern der Nachkommenschaft und mit dem, den wir den Fürsten [=der Satan] genannt haben, verdammt wurde: dieser Hergang wird in den Heiligen Schriften erkannt« (XXII,3). Die Bibliothek der Kirchenväter merkt in ihrer Übersetzung dazu an, dass Tertullian dabei wohl an Gen 6,2 denke. Diese Auskunft scheint mir unvollständig zu sein.

Gen 6,1+2 wird in der EÜ folgendermaßen wiedergegeben: »Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel.« Dieser Text – und sein Kontext – gibt vom Wortlaut her überhaupt keinen Anlass für die Vorstellung eines Engelfalls – oder die Zeugung von Dämonen. Die Frucht dieser Verbindung wird hebräisch nephilim genannt, was die LXX mit »Giganten« übersetzt (vgl. Num 13,32-33). Außerdem denke ich, dass Tertullian mit »litteras sanctas« nicht unbedingt Schriften gemeint haben kann, die dem heutigen katholischen Kanon entsprechen. Seine Deutung speist sich aus anderen Quellen.

Die Vorstellung von Satans Aufstand gegen Gott, dem anschließenden Engelfall und der Ausbreitung von Dämonen ist zunächst in nicht kanonischen Büchern überliefert worden, und hat von dort aus einen bemerkenswerten Siegeszug durch die traditionelle Auslegung genommen. Ein paar Beispiele sollen das verdeutlichen.

Das Buch Henoch

Im Buch Henoch erfährt der »Schreiber der Gerechtigkeit«  – also der himmlische Henoch – folgende Auslegung von Gen 6,2. Er sagt in Gottes Auftrag zu den gefallenen Engeln: »Warum habt ihr den hohen, heiligen und ewigen Himmel verlassen, bei den Frauen geschlafen, euch mit den Menschentöchtern verunreinigt, euch Frauen genommen und wie die Erdenkinder getan, und Riesensöhne gezeugt? Obwohl ihr heilig und ewig lebende Geister wart, habt ihr euch durch das Blut der Frauen  befleckt, und mit dem Blut des Fleisches Kinder gezeugt, nach dem Blut der Menschen begehrt, und Fleisch und Blut hervorgebracht, wie jene tun, die sterblich und vergänglich sind. Deshalb habe ich ihnen Frauen gegeben, damit sie sie besamen und mit ihnen Kinder zeugen, so dass ihnen nichts auf Erden fehlt. Ihr aber seid zuvor ewig lebende Geister gewesen, die alle Geschlechter der Welt hindurch unsterblich sein sollten. Darum habe ich für euch keine Frauen geschaffen, denn die Geister des Himmels haben im Himmel ihre Wohnung.

Aber die Riesen nun, die von den Geistern und Fleisch gezeugt worden sind, wird man böse Geister auf Erden nennen und auf der Erde werden sie Wohnung haben. (…) Und diese Geister werden sich gegen die Söhne der Menschen und gegen die Frauen erheben,  weil sie von ihnen ausgegangen sind.« (15,3-10) Die Folge dieser Übertretung – der Fall der übertretenden Engel – wird ebenfalls in diesem Werk geschildert (vgl. Henoch 10).

Judasbrief

Henoch wird ausdrücklich im Judasbrief zitiert (Jud 14), und es ist kein Zufall, dass diese neutestamentliche Schrift auch die Vorstellung vom Engelfall kennt:  »Die Engel, die ihren hohen Rang missachtet und ihren Wohnsitz verlassen haben, hat er mit ewigen Fesseln in der Finsternis eingeschlossen, um sie am großen Tag zu richten.« (Jud 6).

Hilarius von Poitiers († 367) schreibt zu diesem Themenkomplex: »Aber das können wir außer acht lassen. Die Dinge nämlich, die im Buch des Gesetzes nicht enthalten sind, müssen wir nicht untersuchen.«  (Kommentar zu Psalm CXXXII; Migne PL IX 749) Mit dieser Ansicht blieb Hilarius allerdings allein auf weiter Flur.

Fortsetzung

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