Die »noachidischen Gebote«

Aus der Auslegungstradition der Fluterzählung entwickelte sich die nähere Bestimmung eines Noach-Bundes (KKK 56-58). Die jüdische Tradition kennt sieben noachidische Gebote, und es gibt gewichtige Hinweise, dass diese Vorstellung im Urchristentum eine entscheidende Rolle gespielt hat. Was sind diese Gebote – und wo findet man sie?  

Inhalt

Nach Hanna Liss handelt es sich um folgende Gebote:  Gebot der Rechtspflege;  Verbot des Götzendienstes; Verbot der Gotteslästerung; Verbot der Unzucht; Verbot des Blutvergießens; Verbot von Raub; Verbot des Blutgenusses. Diese Gebote gelten gemäß der jüdischen Tradition für alle Menschen, während die Befolgung der Tora nur für jüdische Menschen gilt.

Zwei interessante Aspekte möchte ich hervorheben: diese noachidischen Gebote verlangen nicht, an Gott zu glauben (!). Und – wenn ich es richtig verstanden habe – sind diese Gebote der Grund dafür, dass das Judentum nicht missioniert: jeder Mensch hat die Chance, das Leben der kommenden Welt  zu erreichen – es ist dazu nicht notwendig, Jude oder Jüdin zu sein.

Traditionelle Auslegung

Doch wo in der Bibel fanden die alten Ausleger diese Gebote? Beginnen wir mit dem Verbot der Unzucht. In Gen 39,9 sagt Joseph zu der Frau seines Herren Poitifar, die mit ihm schlafen will: »Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?« Woher wusste Josef, dass er hier gegen Gottes Willen verstoße würde? Die Zehn Gebote werden ja erst in Ex 20 gegeben?

In Gen 9,4ff. verbietet Gott Noach sowohl den Genuss von Blut wie auch das Blutvergießen. So entwickelte sich die Vorstellung, dass Gott schon vor der Sinai-Offenbarung grundlegende Gebote für alle Menschen gegeben habe. Die klassische Formulierung dazu findet sich im babylonischen Talmud (b Sanhedrin 56b) und wird von Rabbi Jochanan durch die Wort-für-Wort Auslegung des hebräischen Textes von Gen 2,16 gewonnen:

Der Babylonische Talmud

»Der Schriftvers lautet: Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen also: Von allen Bäumen des Gartens kannst du essen. Gebot, dies deutet auf die Rechtspflege, denn so heißt es (Gen 18,19): Denn ich habe ihn erkoren, dass er gebiete seinen Kindern usw. Der HERR, dies deutet auf die Lästerung des Gottesnamens, denn so heißt es (Lev 24,16):  Wer den Namen des HERRN lästert, soll getötet werden. Gott, dies deutet auf den Götzendienst, denn so heißt es (Ex 20,3): Du sollst keinen anderen Gott haben. Dem Menschen, dies deutet auf das Blutvergießen, denn so heißt es (Gen 9,6): Wer Menschenblut vergießt usw. Also, dies deutet auf die Unzucht, denn so heißt es (Jer 3,1): Also, wenn einer sein Weib entlässt und sie von ihm fortgeht und einen anderen heiratet. Von allen Bäumen des Gartens: [das bedeutet: von ihnen darfst du essen, aber nicht von anderen, daher beinhaltet der Vers] aber keinen Raub. Kannst Du essen, nicht aber ein Glied von einem lebenden Tier [Im Sinn von: nimm, was die Natur Dir bietet, ohne dafür aber ein Lebewesen zu quälen].« (Die Stelle findet sich auf der S. 276 der verlinkten Datei)

Die noachidischen Gebote im Neuen Testament

In Apostelgeschichte 15 diskutiert die Urgemeinde, unter welchen Bedingungen die jüdischen Anhänger des Messias Jesus und seine Anhänger aus den Völkern (= die Heiden) Tischgemeinschaft haben können.  Das Ergebnis des berühmten Apostelkonvents sind die sog. »Jakobusklauseln«, die sich wie ein Auszug der noachidischen Gebote lesen:

»Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzen(opferfleisch) und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen. Denn Mose hat seit ältesten Zeiten in jeder Stadt seine Verkündiger, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.« (Apg 15,19-21) Dabei dürfte sich die Bestimmung über Ersticktes ebenfalls gegen Tierquälerei richten.

Wer sich für diese jüdische Tradition näher interessiert, sei auf diese Seite verwiesen.

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