Die Legenden zur Entstehung der Septuaginta IV

Im Grunde genommen hatte mit Irenäus die Legendenbildung zur Septuaginta ihren Höhepunkt erreicht, von nun an wurde die erreichte Fassung verbreitet und theologisch ausgewertet. Wie schnelle das ging, kann man an Clemens von Alexandria sehen, der 215 gestorben ist. Erstaunlich ist, wie rasch Clemens in Alexandria die Bücher von Irenäus aus Lyon zur Verfügung standen. 1

In seiner Stromateis kommt Clemens auf die Entstehung der Septuaginta zu sprechen und er referiert dazu Folgendes:

ἑρμηνευϑῆναι δὲ τὰς γραφὰς τάς τε τοῦ νόμου καὶ τὰς προφητικὰς ἐκ τῆς τῶν Ἑβραίων διαλέκτου εἰς τὴν Ἑλλάδα γλῶττάν φασιν ἐπὶ βασιλέως Πτολεμαίου τοῦ Λάγου ἢ ὥς τινες ἐπὶ τοῦ Φιλαδέλφου ἐπικληϑέντος, τὴν μεγίστην φιλοτιμίαν εἰς τοῦτο προσενεγκαμένου, Δημητρίου τοῦ Φαληρέως [καὶ] τὰ περὶ τὴν ἑρμηνείαν ἀκριβῶς πραγματευσαμένου˙ ἔτι γὰρ Μακεδόνων τὴν Ἀσιαν κατεχόντων φιλοτιμούμενος ὁ βασιλεὺς τὴν ἐν Ἀλεξαμδρείᾳ πρὸς αὐτοῦ γενομήνην βιβλιοϑήκην πάσαις κατακοσμῆσαι γραφαῖς ἠξίωσε καὶ τοὺς Ἱεροσολυμίτας τὰς παρ᾿ αὐτοῖς προφητεὶας εἰς τὴν Ἑλλάδα διάλεκτον ἑρμηνεῦσαι. (GCS XV, 92)

Was aber die Übersetzung der Heiligen Schrift,sowohl des Gesetzes als auch der Propheten aus der hebräischen in die griechische Sprache betrifft, so geschah sie nach den einen zur Zeit des Königs Ptolemaios, des Sohnes des Lagos2, nach den anderen zur Zeit des Ptolemaios mit dem Beinamen Philadelphos3, wobei er diese Sache mit dem größten Eifer betrieben und Demetrios von Phaleron die Übersetzung mit großer Sorgfalt in die Wege geleitet hat. Denn während die Makedonier noch Asien beherrschten, hatte der König den Ehrgeiz, die von ihm in Alexandreia gegründete Bibliothek mit allen möglichen Schriften auszustatten, und wünschte deswegen, daß auch die Leute von Jerusalem die Werke ihrer Propheten in die griechische Sprache übersetzten. (Stromateis I,22,148; Ü: Otto Stählin, BKV)

οἳ δὲ ἅτε ἔτι ὑπακούοντες Μακδόσι τῶν παρὰ σφίσιν εὐδοκιμωτάτων περὶ τὰς γραφὰς ἐμπείρους καὶ τῆς Ἑλληνικῆς διαλέκτου εἰδήμονας ἑβδομήκοντα πρεσβυτέρους ἐκλεξάμενοι ἀπέστειλαν αὐτῷ μετὰ καὶ τῶν ϑείων βίβλων. ἑκάστου δὲ ἐν μέρει κατ᾽ ἰδίαν ἑκάστην ἑρμηνεύσαντος προφητείαν συνέπνευσαν αἱ πᾶσαι ἑρμηνεῖαι συναντιβληϑεῖσαι καὶ τὰς διανοίας καὶ τὰς λέξεις˙ ϑεοῦ γὰρ ἦν βούλημα μεμελετημένον εἰς Ἑλληνικάς ἀκοάς. οὐ δὴ ξένον ἐπιπνοίᾳ ϑεοῦ τοῦ τὴν προφητείαν δεδωκότος καὶ τὴν ἑρμηνείαν οἱονεὶ Ἑλληνικὴν προφητείαν ἑνεργεῖσϑαι, ἐπεὶ κἀν τῇ <ἐπὶ> Ναβουχοδονόσορ αἰχμαλωσίᾳ διαφϑαρεισῶν τῶν γραφῶν κατὰ τοὺς Ἀρταξέρξου τοῦ Περσῶν βασιλέως χρόνους ἐπίπνους Ἔσδρας ὁ Λευίτης ὁ ἱερεὺς γενόμενος πάσας τὰς παλαιὰς αὖϑις ἀνανεούμενος προεφήτευσε γραφάς. (ebenda)

Da diese den Makedoniern noch untertan waren, wählten sie aus ihren angesehensten Männern siebenzig Älteste aus, die in der Heiligen Schrift bewandert und der griechischen Sprache kundig waren, und sandten sie ihm zusammen mit den göttlichen Büchern. Als nun jeder einzelne für sich jedes prophetische Buch übersetzt hatte, stimmten die gesamten Übersetzungen, als man sie miteinander verglich, sowohl dem Sinn als dem Wortlaut nach überein; denn Gottes Wille war auf das Verständnis griechischer Ohren bedacht. Und es ist wirklich nichts Verwunderliches, wenn durch göttliche Eingebung, durch die die Weissagung gegeben worden war, auch die Übersetzung gleichsam als Weissagung in griechischer Sprache bewirkt wurde, da ja auch der Priester Esdras vom Stamm Levi, als während der Gefangenschaft unter Nabuchodonosor die Heiligen Schriften verlorengegangen waren, zur Zeit des Perserkönigs Artaxerxes von göttlichem Geiste beseelt alle die alten Schriften in prophetischer Kraft wieder erneuerte. (Stromateis I,22,149; Ü: Otto Stählin, BKV)

Auswertung

Auffällig ist, dass Clemens, der ja immerhin aus Alexandria stammt, sich unsicher ist, welcher Ptolemäus die Übersetzung veranlasst haben soll. Ursache seiner Unsicherheit war das Buch des Irenäus, der Ptolemäus den I. als Herrscher angegeben hatte. Bei Pseudo-Aristeas war es aber der Sohn von Ptolemäus I., also Ptolemäus II. Philadelphos. 4 Außerdem bediente sich Clemens – wie das folgende Kapitel seines Werkes (I,22,150) zeigt, bei Aristobul. Der gilt als der erste bekannte hellenistisch-jüdische Philosoph und lebte im ptolemäischen Ägypten, vermutlich um die Mitte des 2. Jh. vor der christlichen Zeitrechnung. 5 Von seinem Werk haben nur Fragmente bei christlichen Autoren überlebt. Im kritischen Apparat der Clemens-Ausgabe wird in diesem Zusammenhang auf die bei Eusebius überlieferte Fortsetzung des von Clemens gebrachten Aristobul-Fragmentes verwiesen:

ἡ δ᾽ ὅλη ἑρμηνεία τῶν διὰ τοῦ νόμου πάντων ἐπὶ τοῦ προσαγορευϑέντος Φιλαδέλφου βασιλέως, σοῦ δὲ προγόνου, προσενεγκαμένου μείζοντα φιλοτιμίαν, Δημητρίου τοῦ Φαληρέως πραγματευσαμένου τὰ περὶ τούτων. (Praep. Ev. XIII,12,2)

Die ganze Übersetzung (aber) alles im Gesetze Enthaltene erfolgte unter deinem Ahnherrn dem König, Philadelphus genannt, der eine große Prachtliebe (Freigebigkeit) an den Tag legte, und unter besonderer Fürsorge des Demetrius Phalereus. (Ü: Zacharias Frankel6)

Mit anderen Worten – Clemens ist vollkommen von seinen Quellen abhängig und die widersprechen sich an diesem Punkt.

Clemens und Eusebius argumentieren unter der Berufung auf Aristobul, dass schon vor der Septuaginta einzelne Passagen der Tora ins Griechische übersetzt worden seien, aus denen dann Plato und Pythagoras geschöpft hätten. Clemens bezeichnet in der Stromatems Platon sogar als »attisch sprechenden Moses«7 Eine antijüdische Tendenz in der Überlieferung der Septuaginta Erzählung – wie bei Justin und Irenäus – ist bei ihm nicht zu erkennen. Im Zentrum steht bei ihm die Vorstellung der göttlichen Inspiration der LXX, die er unter Berufung auf 4 Esra auf eine Stufe mit der Inspiration der hebräischen Bibel stellt. All das mündet in der prachtvollen Aussage: »Gottes Wille war auf das Verständnis griechischer Ohren bedacht«.

Tertullian

Ein lateinischer Zeitgenosse des Clemens war der Nordafrikaner Tertullian (gestorben um 220). In seinem Apolegeticum überliefert er seine Version der Septuaginta-Legende, ich zitiere den Text nach der Testimonien-Sammlung bei Wendland:

Ptolomaeorum eruditissimus,quem Philadelphum supernominant, et omnis litteraturae sagacissimus, cum studio bibliothecarum Pisistratum, opinor, aemularetur, inter cetera memoriarum, quibus aut vetustas aut curiositas aliqua ad famam patrocinabatur, ex suggestu Demetrii Phalerii grammaticorum tunc probatissimi, cui praefecturam mandaverat librorum, a Iudaeis quoque postulavit proprias atque vernaculas litteras, quas soli habebant. ex ipsis enim et ad ipsos semper prophetae peroraverant, scilicet ad domesticam dei gentem ex patrum gratia. Hebraei retro qui nunc Iudaei, igitur et litterae Hebraeae et eloquium. sed ne notitia vacaret, hoc quoque a Iudaeis Ptolomaeo subscriptum est septuaginta et duobus interpretibus indultis, quos Menedemus quoque philosophus, providentiae vindex, de sententiae communione suspexit. adfirmavit haec vobis etiam Aristaeus; ita in graecum stilum exaperta monumenta reliquit. hodie apud Serapeum Ptolomaei bibliothecae cum ipsis Hebraicis litteris exhibentur. (Apologeticum 18)

Ptolemäus mit dem Zunamen Philadelphus – ein sehr gelehrter König und Kenner in jeder Art Literatur und im Eifer für Büchersammlungen ein Rivale, glaube ich, des Pisistratus – verlangte unter ändern Denkmälern, welchen entweder ihr Altertum oder irgendeine Besonderheit zur Berühmtheit verhalf, auf Anraten des damals bewährtesten Grammatikers, des Demetrius Phalereus, dem er die oberste Verwaltung übertragen hatte, auch von den Juden ihre Bücher, die ihnen eigentümlichen und in ihrer Muttersprache abgefaßten Schriften, welche sie ganz allein besaßen. Denn aus ihnen stammten und zu ihnen redeten immer die Propheten, nämlich zu dem Volke, das wegen der seinen Vätern zuteil gewordenen Gnade Gott eigentümlich zugehörte. Hebräer hießen früher die jetzt sogenannten Juden, daher auch die Schrift und Sprache hebräisch. Damit man aber ihres Verständnisses nicht entbehre, wurde dem Ptolemäus von den Juden auch das Hebräische übersetzt, indem man ihm zweiundsiebzig Übersetzer gewährte, welche der Philosoph Menedemus, ein Verteidiger der Vorsehung, wegen der Übereinstimmung mit seiner Ansicht bewunderte. Auch Aristäus versichert euch dieses Vorganges. So werden diese Schriftdenkmale, aufgeschlossen in die griechische Sprache, in der Bibliothek des Ptolemäus im Serapeum heute noch nebst den hebräischen Schriften gezeigt. Auch die Juden lesen sie ganz unverhohlen; für die Erlaubnis wird eine Abgabe bezahlt, und es wird allgemein an Sabbaten davon Gebrauch gemacht. Wer sie hört, wird Gott finden; wer sich bemüht, in sie einzudringen, wird sich gezwungen sehen, auch daran zu glauben. (Ü:Heinrich Kellner, BKV)

Interessant, dass Clemens der Alexandriner, ein Zeitgenosse Tertullians, nichts von den angeblich in einer Bibliothek seiner Heimatstadt ausgestellten Exemplaren dieser Übersetzung weiß!

Cyrill von Jerusalem

Cyrill, gestorben 386, kommt in seinen Katechesen auf die Entstehung der Septuaginta zu sprechen, wir hören hier also, was ein Taufbewerber im 4. Jahrhundert von seinem Bischof dazu erfuhr. Ich habe den bei Wendland nicht ganz vollständig überlieferten Text nach Migne ergänzt. 8

ΔΔ‘ Ἀλεξάνδρου γὰρ τοῦ Μακεδόνων βασιλέως τελευτήσαντος, καὶ τῆς βασιλείας εἰς τέσσαρας διαιρεϑείσης ἀρχὰς, εἴς τε τὴν Βαβυλωνίαν καὶ τὴν Μακεδονίαν, Ἀσίαν τε καὶ τὴν Αἴγυπτον· εἷς τῶν τῆς Αἰγύπτου βασιλευόντων, Πτολεμαῖος ὁ Φιλάδελφος, φιλολογώτατος γενόμενος βασιλεὺς τὰς κατὰ πανταχοῦ βίβλους συναϑροίζων, παρὰ ∆ημητρίου τοῦ Φαληρέως τοῦ τῆς βιβλιοϑήκης προνοητοῦ περὶ τῶν νομικῶν καὶ προφητικῶν ϑείων γραφῶν ἐπακούσας· καὶ πολὺ κάλλιον κρίνας, οὐ παρὰ ἀκόντων ἀναγκαστῶς τὰ βιβλία κτήσασϑαι, ἀλλ‘ ἐξιλεώσασϑαι δώροις μᾶλλον καὶ φιλίᾳ τοὺς ἔχοντας· καὶ γινώσκων, ὅτι τὸ μὲν ἀναγκαστὸν δολοῦται πολλάκις, ἀπροαιρέτως διδόμενον· τὸ δὲ ἐκ προαιρέσεως παρεχόμενον σὺν ἀληϑείᾳ τῇ πάσῃ δωρεῖται· Ἐλεαζάρῳ τῷ τότε ἀρχιερεῖ πλεῖστα δῶρα πέμψας εἰς τὸν ἐνταῦϑα τῶν Ἱεροσολύμων ναὸν ἓξ κατὰ φυλὴν τῶν δώδεκα τοῦ Ἰσραὴλ φυλῶν πρὸς ἑαυτὸν εἰς ἑρμηνείαν ἐποίησεν ἀποστεῖλαι. εἶτα καὶ τοῦ, ϑείας ἢ μὴ τὰς βίβλους εἶναι λαμβάνων ἀπόπειραν καὶ πρὸς τὸ μὴ συνδυάσαι πρὸς ἀλλήλους τοὺς ἀποσταλέντας ὑποπτεύσας ἐν τῇ λεγομένῃ Φάρῳ, τῇ πρὸς Ἀλεξάνδρειαν κειμένῃ τῶν παραγενομένων ἑρμηνευτῶν ἑκάστῳ ἴδιον οἶκον ἀπονείμας ἑκάστῳ πάσας τὰς γραφὰς ἐπέτρεψεν ἑρμηνεῦσαι. tούτων δὲ ἐν ἑβδομήκοντα καὶ δύο ἡμέραις, τὸ πρᾶγμα πληρωσάντων, τὰς ὁμοῦ πάντων ἑρμηνείας, ἃς κατὰ διαφόρους οἴκους ἀλλήλοις μὴ προσιόντες ἐποιήσαντο, συναγαγὼν ἐπὶ τὸ αὐτό οὐ μόνον ἐν νοήμασιν ἀλλὰ καὶ ἐν λέξεσιν εὗρεν συμφώνους. οὐ γὰρ εὑρεσιλογία καὶ κατασκευὴ σοφισμάτων ἀνϑρωπίνων ἦν τὸ γινόμενον, ἀλλ‘ ἐκ πνεύματος ἁγίου ἡ τῶν ἁγίῳ πνεύματι λαληϑεισῶν ϑείων γραφῶν ἑρμηνεία συνετελεῖτο.
(MPG XXXIII, 497; Wendland S. 138)

(34) Nach dem Tode Alexanders, des Königs von Mazedonien, zerfiel sein Reich in vier Herrschaften: in Babylonien, Mazedonien, Asien und Ägypten. Einer der Könige von Ägypten war Ptolemäus Philadelphus, ein großer Freund der Wissenschaften, der überall Bücher sammelte. Dieser hatte von Demetrius aus Phaleron, seinem Bibliothekar, über die göttlichen Schriften des Gesetzes und der Propheten Kenntnis erhalten. Da er es nun für viel besser hielt, sich nicht mit Gewalt und gegen den Willen der Eigentümer in den Besitz der Bücher zu setzen, sondern mit Geschenken und auf freundschaftlichem Wege ihre Eigentümer zu gewinnen, da er auch wußte, daß ein Buch, das mit Gewalt geholt und unfreiwillig gegeben wird, vielfach gefälscht werde, daß dagegen ein Buch, welches gern gegeben wird, ganz unverfälscht geschenkt werde, so sandte er dem damaligen Hohenpriester Eleazar zahlreiche Geschenke für den Tempel hier, in Jerusalem, und bewirkte, daß ihm von jedem der zwölf Stämme Israels je sechs Männer zur Übersetzung abgeschickt wurden. Um die Probe zu machen, ob die Bücher göttlich sind oder nicht, und um zu verhindern, daß die abgesandten Übersetzer miteinander verkehren, wies er sodann im sogenannten Pharus, nahe bei Alexandrien, jedem der angekommenen Übersetzer eine eigene Wohnung an und betraute jeden mit der Übersetzung der ganzen Schrift. Als sie in zweiundsiebzig Tagen die Aufgabe vollendet hatten, verglich Ptolemäus sämtliche Übersetzungen, welche sie in verschiedenen Wohnungen, ohne einander gesehen zu haben, fertiggestellt hatten, und fand, daß sie nicht nur in den Gedanken, sondern auch in den Worten übereinstimmten. Nicht ja handelte es sich um menschliches Produkt und sophistisches Machwerk, sondern in der Kraft des Hl. Geistes wurde die Übersetzung der göttlichen Schriften vollendet. (Katechesen an die Täuflinge IV,34; Ü: Philipp Haeuser, BKV)

Cyrill bietet ein Mischung aus Pseudo-Aristeias, angereichert durch den späteren Zuwachs der Trennung der Übersetzer in verschiedene Wohnungen. In dieser Form hat die Legende quasi ihre kanonische Form erhalten.

Aurelius Augustinus

Augustinus, gestorben 430, kommt u.a. in den Büchern über den Gottesstaat auf die Legende zu sprechen:

Qua dispensatione providentiae dei scripturae sacrae veteris testamenti ex Hebraeo in Graecum eloquium translatae sint, ut universis gentibus innotescerent? (…)
Ptolemaeus qui est appellatus Philadelphus omnes, quos ille adduxerat subiugatos, liberos redire permisit; insuper et dona regia in templum Dei misit petivitque ab Eleazaro tunc pontifice dari sibi scripturas, quas profecto audierat fama praedicante divinas et ideo concupiverat habere in bibliotheca, quam nobilissimam fecerat. has ei cum idem pontifex misisset Hebraeas, post ille etiam interpretes postulavit; et dati sunt septuaginta duo, de singulis duodecim tribubus seni homines, linguae utriusque doctissimi, Hebraeae scilicet atque Graecae, quorum interpretatio ut Septuaginta vocetur, iam obtinuit consuetudo. traditur sane tam mirabilem ac stupendum planeque divinum in eorum verbis fuisse consensum, ut, cum ad hoc opus separatim singuli sederint (ita enim eorum fidem Ptolemaeo placuit explorare), in nullo verbo, quod idem significaret et tantundem valeret, vel in verborum ordine alter ab altero discreparet; sed tamquam unus esset interpres, ita quod omnes interpretati sunt unum erat, quoniam re vera spiritus erat unus in omnibus. et ideo tam mirabile Dei munus acceperant, ut illarum scripturarum non tamquam humanarum, sed, sicut erant, tamquam divinarum etiam isto modo commendaretur auctoritas, credituris quandoque gentibus profutura, quod iam videmus effectum.
(De Civ. Dei XVIII, 42; Wendland S. 163-164)

Wie durch die Führung der göttlichen Vorsehung die heiligen Schriften des Alten Testamentes aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt worden sind, damit sie den Heiden bekannt würden? (…)
Ptolemäus, Philadelphus genannt, ließ alle, die sein Vorgänger als Unterworfene ins Land gebracht hatte, frei wieder abziehen; überdies spendete er königliche Geschenke an den Tempel Gottes und erbat sich vom damaligen Hohenpriester Eleazar die Schriften, die er vom Hörensagen als göttliche kannte und deshalb in seiner Bibliothek zu haben wünschte, welche er zu großer Berühmtheit gebracht hatte, Eleazar schickte sie ihm, aber in hebräischer Sprache, worauf sich Ptolomäus auch noch Übersetzer ausbat; da stellte man ihm deren zweiundsiebzig zur Verfügung, von jedem der zwölf Stämme sechs, in beiden Sprachen, der hebräischen und der griechischen, sehr gewandte Leute, deren Übersetzung, so ist es jetzt üblich geworden, die Septuaginta heißt. Laut der Überlieferung herrschte in dem Wortlaut ihrer Übersetzung eine merkwürdige und erstaunliche, ja geradezu von Gott bewirkte Übereinstimmung, die sich selbst auf die gleiche Wahl bei sinnverwandten Wörtern und auf die Wortstellung erstreckte, und das, obwohl sie getrennt voneinander, jeder für sich, arbeiteten (Ptolomäus wollte durch diese Anordnung ihre Zuverlässigkeit prüfen); ihre Übersetzung war so gleichlautend, als ob sie von einem einzigen herrührte; es war eben in der Tat ein Geist in allen Übersetzern tätig. Und diese so außerordentliche Gabe ward ihnen zuteil, damit auch auf solche Weise mit besonderem Nachdruck das Ansehen vor Augen gestellt werde, das diesen Schriften nicht als menschlichen Erzeugnissen, sondern als göttlichen, was sie ja sind, gebührt; ein Ansehen, das einst den zum Glauben sich hinwendenden Heiden zugute kommen sollte, was wir bereits zur Tat geworden sehen. (Ü: Alfred Schröder, BKV)

Augustinus war von der Historizität der Legende überzeugt. Die Septuaginta war für ihn von Gott inspiriert und der biblische Text für die Nicht-Juden = die Völker. Deshalb stand er der Bibelübersetzung des Hieronymus aus dem Hebräischen ablehnend gegenüber. Hieronymus wiederum wusste von der ursprünglichen Gestalt der Legende im Bericht des Pseudo-Aristeias und wies den Gedanken ihrer Inspiration zurück: alium enim est vatem, alius esse interpretum. »Denn es ist nicht das gleiche, ein Seher/Prophet oder ein Übersetzer zu sein.« Und: Hieronymus hatte Zugang zu der Hexapla des Origenes in Caesarea und wusste um die Unterschiede zwischen dem Hebräischen und dem Griechischen.

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  1. Larry Hurtado macht darauf aufmerksam, dass in Oxyrhynchus Kopien des »Hirten des Hermas«, Irenäus »Gegen die Häresien« und Schriften von Melito von Sardes gefunden wurden, die alle innerhalb eines Jahrzehnts oder zweier Jahrzehnte angefertigt wurden, nachdem das ursprüngliche Werk entstanden war. Siehe Destroyer of the Gods, S. 248, Fn. 81
  2. Ptolemäus I. Soter, der Begründer der Dynastie, starb 283/282 v. Chr., vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, 46. Halbband, 1629-1630
  3. Ptolemäus II Philadelphos, 308-246 v. Chr.; vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, 46. Halbband, 1645 und 1657
  4. Vgl den fingierten Brief des Königs an den Hohenpriester in Jerusalem, Pseudo-Aristeas 35
  5. Nach James Kugel: Traditions of the Bible, S. 907
  6. in: Historisch-kritische Studien zu der Septuaginta, S. 14 Fn. c
  7. Ein Numenios Zitat. Der Mann lebte in der 2. Hälfte des 2. Jh. n. Chr., auch von ihm haben nur Fragmente bei den Kirchenvätern überlebt.
  8. Das ist kein Problem, denn Wendland zitiert seinerseits Migne, nimmt aber am Text Verbesserungen vor. So wird θ durchgängig als ϑ wiedergegeben, viele Satzzeichen hat Wendland gestrichen.

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