Diese Bibelstelle verstehe ich nicht

Die größte Herausforderung für bibelauslegende Menschen ist nicht ein schwer verständlicher oder gar unverständliche Texte der Bibel, sondern das Eingeständnis, mit einem solchen Abschnitt der Schrift Schwierigkeiten zu haben oder ihn gar nicht zu verstehen. Dabei befindet man sich mit beiden Problemen in guter Gesellschaft.

Augustinus

Ich beginne in Nordafrika, mit dem wohl einflussreichsten Bibelausleger des lateinischen Sprachraums. Der Bischof von Hippo bekennt zu der äußerst vertrackten Stelle über die Sünde wider den heiligen Geist (Mt 12,31-32 par.):

Erigite itaque, fratres, erigite ad me aures, ad Dominum mentes. Dico Caritati vestrae: forte in omnibus sanctis Scripturis nulla maior quaestio, nulla difficilior invenitur. Unde – ut vobis aliquid de me ipso fatear – semper in sermonibus, quos ad populum habui, huius quaestionis difficultatem molestiamque vitavi:

»Richtet daher, Brüder, richtet auf mich die Ohren und auf den Herrn den Verstand. Ich sage eurer Liebe: vielleicht wird in allen heiligen Schriften keine größere Frage, keine schwierigere gefunden. Daher – damit ich euch etwas über mich selbst bekenne – ich habe immer in den Predigten, die ich dem Volk gehalten habe, die Schwierigkeit und den Verdruss dieser Frage vermieden.«

Doch nach diesem Bekenntnis fährt der predigende Bischof fort:

Non quia nihil haberem, quod inde utcumque cogitarem – neque enim in re tanta petere, quaerere, pulsare neglegerem – sed quia ipsi intellegentiae, quae mihi aliquantum aperiebatur, verbis ad horam occurrentibus me posse sufficere non putarem. Hodie autem, lectiones audiens de quibus vobis esset sermo reddendus, cum Evangelium legeretur, ita pulsatum est cor meum, ut crederem Deum velle aliquid hinc per meum ministerium vos audire.
(Augustinus Serm 71,8)

»Nicht weil ich nichts hätte, was ich mir darüber, so gut es geht, denke – denn ich unterlasse es nicht, in einer so großen Sache zu suchen, zu fragen, anzuklopfen – sondern weil ich nicht meine, deren Verständnis, von dem mir ziemlich viel erschlossen wurde, zur Stunde mit den mir in den Sinn kommenden Worten genügen zu können. Heute aber, als ich die Lesungen hörte, über die euch eine Predigt zu halten ist, als das Evangelium gelesen wurde, da wurde mein Herz angeklopft, dass ich glaube, Gott will dass ihr hier durch meinen Dienst etwas zu hören bekommt.« (Augustinus, Predigt 71,8)

Was dann folgt, ist eine Auslegung, die die vertrackte Stelle nicht wirklich befriedigend erschließt, aber was sollte Augustinus machen – er musste über diesen schwierigen Text predigen. Wer heute an ihm scheitert, befindet sich also in guter Gesellschaft.

Dr. Martin Luther

Mein zweites Beispiel ist der bedeutendste Bibelausleger deutscher Sprache, Dr. Martin Luther. In seinem Vorwort zur Offenbarung des Johannes schreibt er 1530:

Aus dem Vorwort zur Offenbarung des Johannes von 1530 - WA DB 7, S. 408
Aus dem Vorwort zur Offenbarung des Johannes von 1530 – WA DB 7, S. 408

»Und so lange solche Weissagung ungedeutet bleibt und keine sichere Auslegung bekommt, ist es eine verborgene, stumme Weissagung, und noch nicht zu ihrem Nutzen und der Frucht gekommen, die sie der Christenheit geben soll, wie es denn auch diesem Buch bisher ergangen ist. Es haben wohl viele sich daran versucht, aber bis auf den heutigen Tag nichts sicheres hervorgebracht, etliche viele unpassende Dinge aus ihrem Kopf hinein gebraut. Wegen dieser ungewissen Auslegung und der verborgenen Bedeutung haben wir es bisher auch liegen lassen, vor allem weil auch bei etlichen alten (Kirchen)Vätern davon ausgegangen wird, das es nicht vom Heiligen Apostel Johannes stammt, wie im dritten Buch der Kirchengeschichte des Eusebius Kapitel 25 steht. In diesem Zweifel belassen wir es auch noch für uns, wodurch niemand daran gehindert sein soll, dass er es für [das Werk] des Heiligen Apostels Johannes halte, oder wie er will.« (WA DB 7, 408; deutsche Aktualisierung von mir)

Doch so wie Augustinus konnte Luther es bei diesem Status nicht belassen, und hat die Offenbarung dann doch ausgelegt. So ist bei ihm der Engel der dritten Posaune Origenes, weil er die Heilige Schrift durch Philosophie und Vernunft verdorben habe (S. 411). Weitere Unheil-verhängende Engel werden mit Arius, Mohammed und dem Papsttum identifiziert (S. 412). Mir scheint, dass Luther hier besser bei seinem Eingangs-Statement geblieben wäre.

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