War der Apostel Paulus verheiratet?

Der Wortlaut von Phil 4,3 lässt diese Frage bis heute nicht zur Ruhe kommen, ich werfe hier einen Blick auf das Pro und Contra.

Der Vers liest sich – textkritisch unproblematisch – heute so:

ναὶ ἐρωτῶ καὶ σέ, γνήσιε σύζυγε, συλλαμβάνου αὐταῖς, αἵτινες ἐν τῷ εὐαγγελίῳ συνήθλησάν μοι μετὰ καὶ Κλήμεντος καὶ τῶν λοιπῶν συνεργῶν μου, ὧν τὰ ὀνόματα ἐν βίβλῳ ζωῆς. (Nestle-Aland XXVIII)

»Ja, ich bitte auch Dich, gnēsie syzyge, stehe ihnen bei, sie haben zusammen mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und den übrigen meiner Mitarbeiter, deren Namen im Buch des Lebens [verzeichnet] sind.« (MÜ)

Was bedeutet der Ausdruck gnēsie syzyge? Ich lasse einen griechischen Muttersprachler des 2. Jahrhunderts zu Wort kommen.

Clemens von Alexandria (ca. 150 – 215)

καὶ ὅ γε Παῦλος οὐκ ὀκνεῖ ἔν τινι ἐπιστολῇ τὴν αὑτοῦ προσαγορεύειν σύζυγον, ἣν οὐ περιεκόμιζεν διὰ τὸ τῆς ὑπηρεσίας εὐσταλές. λέγει οὖν ἔν τινι ἐπιστολῇ· οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν ἀδελφὴν γυναῖκα περιάγειν, ὡς καὶ οἱ λοιποὶ ἀπόστολοι; (MPG VIII, 1156-1157)

»Auch Paulus trägt kein Bedenken, in einem seiner Briefe seine Gattin (syzygon) anzureden, die er nur nicht mit sich herumführte, um in der Ausübung seines Amtes nicht gehindert zu sein. Er sagt daher in einem Brief: Haben wir nicht auch die Freiheit, eine Schwester als Gattin (gynaika) mit uns zu führen wie die übrigen Apostel? (1 Kor 9,5)« (Stromateis III, 53,1 -2; Ü: Otto Stählin, BKV)

Origenes (185 – 253)

Der nächste Zeuge ist ebenfalls Grieche und stammt genauso aus Alexandria, ist aber schon zurückhaltender, was die Verehelichung des Paulus angeht. Er kommt auf sie – ebenfalls im Zusammenhang mit Phil 4,3 – in seinem Römerbriefkommentar zu sprechen, der vor allem in der lateinischen Übersetzung Rufins überlebt hat. Origenes legt hier die Selbstbezeichnung des Apostels in Röm 1,1 als Sklave des Messias Jesus aus. 1

Paulus ergo, sicut quidam tradunt, cum uxore vocatus est ; de qua dicit ad Philippenses scribens: Roga etiam te, germane compar, adjuva illas; qui quoniam ab ipsa ex consensu liber effectus est, servum se nominat Christi. Si vero, ut aliis videtur, sine uxore, nihilominus qui liber
vocatus est, servus est Christi. (MPG XIV, 839)

»Paulus wiederum ist, wie manche überliefern, mit einer Ehefrau berufen worden; über sie spricht er [in dem Brief] an die Philipper, wenn er schreibt: ich ersuche auch dich, vertraute Gefährtin, unterstütze sie; weil er von ihr im Konsens frei gemacht wurde, nennt er sich einen Sklaven Christi (Röm 1,1). Wenn er aber, wie andere meinen, ohne Ehefrau und dadurch frei berufen wurde, ist er nichtsdestotrotz ein Sklave Christi«. (Kommentar zu Röm 1,1; MÜ)

Eusebius von Caesarea (stirbt 339/340)

In seiner Kirchengeschichte wertet Eusebius, wie er es immer tut, ihm vorliegende Quellen aus und kommt dabei auch auf die schon zitierte Aussage des Clemens zu sprechen. Auch ihm ist die Verehelichung des Apostels kein Problem.

Dass die griechischen Väter σύζυγος (syzygos) so selbstverständlich als Ehefrau lesen konnten, hängt mit der Bedeutung des Ausdrucks im Femininum zusammen. Hier ein Beispiel aus der klassischen griechischen Tragödie.

Euripides (gest. 406 v. Chr.)

In der 438 v. Chr. geschriebenen Alkestis 2 klagt Admet:

ἆρά μοι στένειν πάρα τοιᾶσδ᾽ ἁμαρτάνοντι συζύγου σέθεν;

Hab ich nicht zum Weinen Grund, solch einer Ehgenossin (syzygos) mich beraubt zu sehn?
(Alkestis, 341-342; Ü: Johann Adam Hartung)

In diesem Sinn kann der Ausdruck in Phil 4,3 als Ehefrau übersetzt werden.

Argumente für die maskuline Übersetzung

Als Argument für die heute verwendeten Übersetzungen »treuer Gefährte« (Luther 1984; EÜ), »rechter Gefährte« (Elberfelder) 3, »treuer Mitknecht« (Schlachter 2000) bringe ich hier einen Papyrus aus Ägypten. Er belegt das im Philipper mit syzygos genannte Adjektiv gnḗsios in Kombination mit dem Wort »Freund«.

Schubart, Papyri Graecae Berolinenses, Tafel 25
Schubart, Papyri Graecae Berolinenses, Tafel 25

Bei dem genau datierbaren Text – er stammt vom 21. März 155 – handelt es sich um das Testament des Priesters Stotoetis, der darin verfügt:

καθίστηται [καθίσταται] μετὰ τὴ ἑαυτοῦ τελευτὴν τοῖς ἀφήλιξι αὑτοῦ τέκνοις Ὥρου [Ὥρῳ] καὶ Παβοῦτι ἐπίτροπον καὶ ἐπτροπευοντοι [ἐπιτροπεύοντα] αὐτῶν, μέχρι ἐὰν ἐν τῇ νόμῳ ἡλικείᾳ [ἡλικίᾳ] γένο[νται] [γένωνται], τὸν γνήσιον αὑτοῦ φίλον Παβους [Παβοῦν] Σαταβοῦτος τοῦ Ἁρπαγάθου

»Er »setzt nach seinem Ende seinen älteren Kindern Horos und Pabus einen Vormund ein und sie sollen unter Vormundschaft stehen, bis dass sie vor dem Gesetz das Alter erreicht haben, seinen echten (gnḗsios) Freund Pabus, [den Sohn] des Satabus, [den Enkel] des Harpagathes …« (Papyri graecae berolinenses; collegit Wilhelm Schubart; Tafel 25; MÜ)

Fazit

Philologisch betrachtet kann Phil 4,3 in der Tat von der Ehefrau des Paulus sprechen, von deren Existenz die griechischen Väter ausgehen. 4 Grammatikalisch ist auch die Auslegung auf einen nahestehenden Freund des Apostels möglich. 5 Auch hier ist die Übersetzung Auslegungssache.

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  1. Eine neuzeitliche Interpretation dieses Ausdrucks bietet Giorgio Agamben in »Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief«. Trotz der sehr eingeschränkten exegetischen Kenntnisse des Verfassers ein lesenswertes Buch.
  2. nach Wolfgang Schadewaldt, Die griechische Tragödie, S. 353 f.
  3. Ähnlich Walter Bauer in seinem Wörterbuch zum NT, S. 1536, der »rechter Genosse« verdeutscht; ich hoffe, dass hier niemand eine politische Ausrichtung herauslesen will.
  4. Migne (MPG VIII) verweist in FN 75 auf S. 1157 auf eine entsprechende Aussage bei Basilius.
  5. Erstaunlicherweise bietet die Bibel in gerechter Sprache »mein treuer Partner« als Übersetzung.

Ein Gedanke zu „War der Apostel Paulus verheiratet?“

  1. Dass ein männlichen Freund „gnesios“ sein kann, ist kein Argument gegen die „echte, wahre, rechte, treue…“ Ehefrau des Paulus. Wenn Klemens hier „Ehefrau“ gelesen hat, bleibt das eine mögliche Auslegung.
    Aber welche grammatischen Regeln sind hier einschlägig? Gehört zu dem Vokativ „syzyge“, wenn eine Frau gemeint ist, nicht auch eine weibliches Form des Adjektiv, also „gnesia“ oder „gnesie (mit dem langen e)“? Wie genau nach der Grammatik wurde in welchen Kreisen gesprochen und geschrieben? Kommt es öfter vor, dass bei einem grammatisch männlichen Substantiv mit weiblicher Bedeutung das Attribut trotzdem männlich gebildet wird, obwohl es die weibliche Form auch gibt?

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