Warum Wikipedia nicht funktioniert

Derzeit ruft Wikipedia recht nachdrücklich zu Spenden für die Online-Enzyklopädie auf. In diesem Beitrag will ich kurz beschreiben, warum ich ihr keinen Cent zahlen werde.

Chris hat in seinem von mir geschätzen Blog vor kurzem darauf hingewiesen, dass der Editor zum Erstellen von Wikipedia-Artikeln deutlich Nutzerfreundlicher geworden ist und dabei von einem »massiven Problem« bei Wikipedia gesprochen: die Zahl der Besucher steigt, die der neuen Artikel sinkt.

Mangelnde Qualitätssicherung

Ich finde das letztere eine gute Nachricht, denn die Qualität der existierenden Artikel ist oft schlampig. Ein paar Beispiele, die mir in jüngster Zeit untergekommen sind:

Anders Winroth, Prof. in Yale, war im Jänner auf Wikipedia schon seit drei Jahren tot, 1 obwohl er Gott sei Dank noch unter uns ist. Mittlerweile wurde der Fehler immerhin korrigiert.

Nikolaus von Myra war nicht Teilnehmer des Konzils von Nicäa.

Warum schafft es die polnische und die russische Wikipedia nicht, eine Ritualmordlegende als solche zu benennen? 2

Offensichtlich kann die Qualitätskontrolle mit dieser Masse von Artikeln einfach nicht mithalten.

Mangelnde Transparenz

Chajm hat in einem Beitrag seines Blogs auf das Problem des Diskussionsniveaus bei Wikipedia hingewiesen 3. Aber entscheidender ist für mich als Internet-User: nur mit großem Aufwand ist herausfindbar, wer letztendlich entscheidet, was in einem Artikel steht oder nicht. Und: Bei strittigen Entscheidungen (ist ein Artikel über Puppy-Linux relevant oder nicht) entsteht rasch ein unangenehmer Geschmack von Willkür.

Die Fanboy-Seiten

Mein Aha-Erlebnis (ich will hier lieber nicht von »Erleuchtung« reden) zur Wikipedia verdanke ich Baghwan Shree Rajneesh – der Artikel über ihn ist fest in der Hand seiner Anhänger und ein Paradebeispiel dafür, warum Wikipedia letztlich nicht funktioniert. 4

Abschluss

Gibt es zu Wikipedia auch positives zu sagen? Ja sicher, wenn ich die erste Sopranos-Staffel nachlesen will, bin ich dort gut aufgehoben. Und: Wikimedia-Commons ist richtig gut, keine Frage. Aber ich werde mich aus den genannten Gründen sicher nicht engagieren, um die Enzyklopädie besser zu machen, und wenn ich einer Online-Seite spende, dann archive.org.

Gute Lexika werden weiterhin unersetzlich bleiben.

Nachtrag

Freund G. hat mich darauf hingewiesen, dass meine Aussage über die polnische Wikipedia nicht zutrifft. Es heisst dort in dem Artikel über Gabriel von Sluzk:

Gabriel Gowdel pochodził z rodziny prawosławnych chłopów ze Zwierek, został w wieku sześciu lat zamordowany przez nieznanych sprawców. Jego śmierć stała się podstawą oskarżenia miejscowego żydowskiego arendarza Szutki o dokonanie mordu rytualnego. Mimo sądowego uniewinnienia Szutki przekonanie o zamordowaniu Gabriela przez Żydów było powtarzane w publikowanych przez instytucje prawosławne żywotach męczennika i w XXI w. nadal występowało w tego typu tekstach

Seine Übersetzung:

Gabriel Gowdel entstammte der Familie von orthodoxen Bauern aus Zwierki, er wurde im Alter von 16 Jahren durch unbekannte Täter ermordet. Sein Tod wurde zur Grundlage der Beschuldigug des lokalen jüdischen Wirts Szutko wegen Ritualmordes. Trotz des gerichtlichen Freispruchs wurde die Überzeugung von der Ermordung Gabriels durch Juden in den durch orthodoxe Institutionen publizierten Marytergeschichten veröffentlicht und tauchte im XXI. Jh. immer noch auf.

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  1. Anders Winroth (born 1965 in Ludvika in Sweden and died in 2013) was a professor of medieval history at Yale University.
  2. Gut, sie befinden sich dabei in schlechter Gesellschaft.
  3. »Der Ton ist rustikal« – wohl ein Euphemismus
  4. Man lese einmal in der Diskussionsseite – die Ausführungen zu Antisemitismus und Homophobie schaffen es irgendwie nicht in den Artikel.

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