Die Perikope von der Ehebrecherin

In Joh 7,53-8,11 findet sich in den heutigen Bibel-Ausgaben die Erzählung von der Ehebrecherin, die Jesus vor der Steinigung mit den Worten bewahrt: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie (Joh 8,7b; Ü: Luther 1984). Doch dieser Text stammt sicher nicht vom Verfasser des Vierten Evangeliums und stand ursprünglich auch gar nicht im Neuen Testament.
Bruce M. Metzger bezeichnet die Indizien dafür, dass dieser Text ursprünglich nicht Teil des 4. Evangeliums war als »überwältigend«. 1 Ich will sie hier in Kürze aufführen.

Der Text selber

Lässt man die Passage Joh 7,53-8,11 weg, bleibt der Textübergang von Joh 7,52 auf 8,12 kohärent, es entsteht kein erkennbarer Bruch in der Erzählung.

Die Handschriften

Die wichtigsten Handschriften des NT haben diesen Abschnitt nicht: abgesehen von den Papyri 66 und 75 sind das: Der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus 2. Im Codex Alexandrinus und im Codex Ephraemi Syri rescriptus sind die entsprechenden Passagen des Johannes-Evangeliums verloren gegangen, 3 allerdings kann man den Platz, den dieser zusätzliche Abschnitt benötigt hätte, rekonstruieren: er wäre sich in beiden Handschriften nicht ausgegangen. 4

Dazu kommen eine Fülle weiterer Textzeugen, die die Perikope nicht bieten: die Codices Regius, Petropolitanus Purpureus, Borgianus, Freerianus, Monacensis, Macedoniensis, Sangallensis, Coridethianus, Athous Laurensis. Die große Anzahl an Minuskeln will ich erst gar nicht anführen.

Wanderperikope

Wenn der Text in einer Handschrift erhalten ist, findet er sich teilweise an ganz unterschiedlichen Stellen: nach Joh 7,36 in der Minuskel Handschrift 225; nach Joh 21,25 in der Minuskelfamilie 1. Nach Lk 21,38 findet sich die Perikope in der Minuskelfamilie 13, nach Lk 24,53 in der korrigierten Fassung der Minuskel 1333, einer sahidischen Jerusalemer Handschrift aus dem 11. Jh.

Hat er seinen Platz am heutigen Ort gefunden, also nach Joh 7,52, ist er manchmal mit einem Obelos markiert 5.

Das wird durch die Angabe von Didymus dem Blinden (313-398) bestätigt, der in seinem Kohelet-Kommentar zu unserer Stelle schrieb:

»Wir finden nun in einigen Evangelien:« – gefolgt von einer Inhaltsangabe der Erzählung. Bart D. Ehrman argumentiert an dieser Stelle überzeugend, dass damit nicht unterschiedliche Handschriften des Johannesevangeliums gemeint sind, sondern unterschiedliche Evangelien.

Ursprung

Woher rührt dann unsere Perikope, wenn sie nicht ursprünglich ist? Ausser Didymus haben wir als frühen Zeugen die syrische Didaskalie, die aus dem frühen 3. Jh. stammt, und am Ende ihres 7. Kapitels die Verse Joh 8,9-11 zitiert. Der grosse Origenes (185-253) dürfte die Perikope (noch) nicht gekannt haben. 6

Sie dürfte auf einer alten, mündlichen Tradition beruhen, die die Schreiber letztendlich nach Joh 7,52 einfügten. Dort hat sie ihren Platz vor allem in westlichen Textzeugen gefunden, die prominenteste lateinische Handschrift darunter ist sicher der Codex Bezae Cantabrigiensis aus dem 5. Jh.

Fazit

Gute Bibelausgaben machen auf den sekundären Charakter des Textes aufmerksam, der trotzdem, wie der heutige Markusschluss zum kanonischen Text dazugewachsen ist.

Show 6 footnotes

  1. A textual commentary on the greek New Testament, 4. Ausgabe S. 187: »The external evidence for the non-Johannine origin of the pericope of the adulteress is overwhelming.«
  2. Eine grössere Auflösung findet sich hier.
  3. Im Codex Alexandrinus fehlt heute der Abschnitt Joh 6,50-8,52, im Codex Ephraemi Syri rescriptus der Abschnitt Joh 7,3-8,34.
  4. Vergleiche Metzger a.a.o.
  5. Einem textkritischen Zeichen für spätere Zusätze. So in der Marginalie der Minuskel Handschrift 1424 aus dem 9./10. Jh. (Ausgabe v. Soden 1913) oder im Codex Basilensis
  6. Vgl. Biblia Patristica, Index de citations et allusions bibliques dans la litérature patristique, Origène S. 327

15 Gedanken zu „Die Perikope von der Ehebrecherin“

  1. Mir ist nicht so recht klar, was Ihre Botschaft an uns ist.
    Halten Sie den Bericht von der Begegnung JESU mit der Ehebrecherin nicht für echt sondern nachträglich zugedichtet?
    Da kann ich Ihnen nicht folgen.
    Ich empfinde dagegen des Herrn Umgang mit dieser Frau für sehr tiefsinnig und überraschend.
    Dieses Evangelium ist für mich äußerst kostbar, ohne dass ich an dieser Stelle es jetzt im Einzelnen behandeln möchte.

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Swaczyna!
      Ich habe hier keine Botschaft – sondern referiere den Befund aus den Handschriften. Und der ist eindeutig.
      Die Alternative »echt« oder »nachträglich zugedichtet« greift hier nicht.
      Der Text ist eindeutig sekundär und trotzdem kanonisch geworden.
      Jede Auslegung hat von diesem Befund auszugehen.
      Mit freundlichen Grüßen
      OA

      PS: Wen meinen Sie mit »uns«?

      1. Nun, mit „uns“ meine ich natürlich uns Leser Ihrer öffentlichen Ausführungen.
        Trotzdem, was soll’s?
        Was bedeutet es denn, wenn der Text „sekundär“ ist, wie Sie ausführen?
        Ist diese Erzählung authentisch oder etwa doch nicht?
        Darauf kommt es schlussendlich für den Gläubigen Christen an.

        1. Sie sprechen also für alle Leser dieses Blogs?
          Also noch einmal: Ihre Frage ist intra ecclesiam dadurch beantwortet, dass der Text kanonisch wurde, obwohl niemand weiss, wer ihn wann geschrieben hat. Der Verfasser des Vierten Evangeliums war es sicher nicht. Dasselbe gilt übrigens auch für den Markusschluss.

          1. Schön, also nach christlich-kirchlichem Glauben ist also die Erzählung als authentisch und damit wahr anzusehen.
            Darauf kommt es erst einmal vor allem an.
            Wenn, wie Sie ausführen, die betr. Perikope nicht vom Johannes Evangelist stammt, könnten Sie denn dann sagen, wann man kirchlicherseits die Erzählung in den Kanon aufgenommen hat und warum man sie eben als authentisch und nicht als apokryph fromme später entstandene Legende bewertet hat?
            Gibt es vielleicht Hinweise oder Belege, warum sie denn dann dem Evangelium des Hl. Johannes Evangelist und nicht einem anderen Evangelium zugeordnet worden ist?

    2. Zitat: „Ich empfinde dagegen …“ Warum „dagegen“, Herr Broszeit? Mein Eindruck ist, dass auch die überwältigende Mehrheit der Gelehrten und Bibelleser, die diese Perikope für sekundär halten, eine eindeutig positive Meinung von ihr hat und die Erzählung sehr schätzt. Im Grunde gibt es doch niemanden, der für die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin nicht irgendwie empfänglich wäre.

      Zitat: „Dieses Evangelium ist für mich äußerst kostbar“. Sollten Sie als Kenner dann nicht als Allererster empfinden, wie untypisch für Johannes die Perikope in einigen Teilen erscheint? Dass etwa die in dem Bericht genannten Schriftgelehrten (8,3) und Ältesten (8,9) sonst nirgendwo im Johannesevangelium zu finden sind, ist dabei doch nur das deutlichste und ins Auge springende Beispiel. Nicht in jeder, aber in vielerlei Hinsicht scheint der Erzähler dieser Perikope doch eher von den Synoptikern geprägt zu sein.

  2. Im Nachgang …
    …wäre es auch interessant zu erfahren – falls möglich – wer denn für die Aufnahme der Perikope ins Johannesevangelium wann verantwortlich sein soll.

    1. Wie ich im Beitrag geschrieben habe: die Perikope wurde auch an anderer Stelle von den Kopisten eingefügt – auch innerhalb des 4. Evangeliums. Letztendlich waren es diese Schreiber – vor allem die der westlichen Tradition – die für die Aufnahme und heutige Platzierung in den Kanon gesorgt haben. Den von mir genannten wichtigsten Textzeugen dieser Tradition, den Codex Bezae Cantabrigiensis, habe ich im Beitrag datiert.
      Trotzdem finden sich auch danach – wie angeführt – weiterhin Textzeugen ohne die Perikope – oder mit einer anderen Einordnung.

  3. Ihre Forderung an „gute Bibelausgaben“, auf den sekundären Charakter des Textes hinzuweisen, wird sowohl von der Einheitsübersetzung (1980) als auch von der Bibelausgabe nach Hamp/Stenzel/Kürzinger (1966) erfüllt.
    So sind Ihre Ausführungen also diesbezüglich nichts wesentlich Neues.

    Ich selbst lese und rezipiere die Erzählung vom Herrn und der Ehebrecherin in einer Hermeneutik des Vertrauens auf die Echtheit des Berichtes:

    Was ist die Quintessenz der Perikope?

    Jesus Christus setzt hier die nach dem jüdischen Thorarecht auf Ehebruch stehende Todesstrafe aus; hebt sie de facto auf.

    Allerdings eben nicht nach dem Motto „Schwamm drüber – vergeben und vergessen“, wie der oberflächliche Betrachter vielleicht fälschlich meinen könnte.

    Das Herrenwort „Geh hin und sündige nicht mehr“ ist in der damaligen Zeit und Gesellschaft ein keineswegs leichter Weg für die ertappte und öffentlich bloßgestellte Ehebrecherin:

    Sie dürfte gesellschaftlich geächtet und erledigt sein. Es ist anzunehmen, dass der Ehemann sie verstoßen hat. So ist sie wahrscheinlich auf sich allein gestellt gewesen, denn auch die eigene Familie wird sich wohl wegen des Gesellschaftsdrucks kaum zur ihr bekannt haben.
    Keine schöne Perspektive für diese Frau…

    Wie mag es wohl mit ihr weitergegangen sein?

    In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, wie es dazu kam, dass diese Erzählung gerade in der uns überlieferten Form zuerst mündlich weitergegeben und schließlich aufgeschrieben und in die Evangelien aufgenommen wurde:

    Es wird in der Perikope ja am Ende berichtet, dass nur noch der Herr und die Frau alleine da standen, weil alle anderen weggegangen waren.

    Wer hat dann den letzten Dialog zwischen Jesus und der Ehebrecherin weitergegeben?

    Der Herr selbst wohl kaum.
    Dass Jünger als Zeugen dabei waren, ist zwar möglich aber für mich eher unwahrscheinlich, gerade weil diese Geschichte erst verhältnismäßig spät in die Evangelien aufgenommen wurde, wie Sie ja in Ihrer umfangreichen Ausführung oben dargelegt haben.

    Bleibt also die betroffene Frau selbst.
    Das gerade halte ich aus den folgenden Überlegungen für durchaus wahrscheinlich und plausibel:

    Ich hatte oben die an sich schlechte, ja ziemlich trostlose, zukünftige Lebensperspektive der sündigen und öffentlich gebrandmarkt Frau dargelegt.

    Allerdings hatte sie die Barmherzigkeit des Herrn an sich erfahren – und zwar buchstäblich in höchster Todesnot.

    Es ist höchst wahrscheinlich, dass sie sich spätestens jetzt mit dem Wirken und der Botschaft Jesu an die Menschen beschäftigt hat.

    Sie wird dabei darauf gestoßen sein, dass er gerade auch zu den Sündern sprach und ihnen Vergebung und Rettung verhieß und es nicht nur bei Worten beließ, sondern auch direkten Umgang mit reuigen Sündern pflegte – sogar mit ihnen öffentlich aß und trank.
    Und das zum Ärger der Rechtgläubigen, den er in Kauf nahm.
    Auch wird die Frau von den gewirkten spektakulären Wundern Jesu Kenntnis bekommen haben.

    Wenn sie sich nicht schon zu seinen irdischen Lebzeiten seiner Jüngerschaft so wie andere Frauen, z.B. Maria Magdalena, anschloss, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie nach Jesu Tod und Auferstehung zu den ersten Christen der Urgemeinde stieß und sich ihnen anschloss.
    Denn dort unter – nicht nur aber auch – ehemaligen öffentlichen Sündern und Parias war sie gewiss keine solche Unperson wie unter den gläubigen Juden.

    Es ist ferner durchaus anzunehmen, dass sie in diesem neuen toleranteren und sogar zumindest teilweise empathischen Umfeld den Mut fand, ihre persönliche Begegnung mit dem Herrn detailliert zu erzählen, quasi als Zeugnis und Bekenntnis zu ihm.

    Da sie aber nicht „nur“ eine Frau sondern zudem eine bei einer schweren, ja todeswürdigen, Sünde ertappte Frau war, mag es durchaus plausibel sein, dass es lange dauerte, bis diese ihre Geschichte auch aufgeschrieben wurde.

    Noch länger mag es aus eben diesen genannten Gründen dann noch gedauert haben, bis dieser Bericht dann in die schriftlichen Evangelien aufgenommen wurde.

    Das sind sicher nur Spekulationen meinerseits, ich kann sie aber nach den mir vorliegenden Kenntnissen – zumindest nach meiner Auffassung – schlüssiger begründen, als wenn ich annehme, irgendein Textkopist habe in späteren Jahrhunderten hiermit eine fromme Legende mehr um den Herrn den Evangelien hinzugefügt.

    1. Zunächst einmal ein frohes Osterfest.
      Sie verstehen – scheint mir – die Aufgabe der Textkritik nicht. Sie ist die Voraussetzung aller Auslegung, da sie unterscheidet (krinein), wie der ursprüngliche Text ausgesehen hat.
      Ihre Auslegung ist mir viel zu mechanisch – sie ist historisch gesehen nicht sehr plausibel, und bibeltheologisch gesprochen bleibt sie deutlich hinter Joh 14,26 zurück. Was machen Sie dann mit biblischen Erzählungen wie Gen 1 oder der Gethsemani-Szene, wo kein Mensch dabei war bzw. alle Zeugen schliefen (Mk 14,32-42)?

      1. Etwas schwach, Ihre Kritik an meiner Auslegung, die ich u.a. nicht zuletzt auf John 14,26 – also das Wirken und Einführen des Hl. Geistes – zurückführe!
        Der uns bekannte Gethsemani-Bericht kann übrigens bzgl. der wenigen Gebetsworte des Herrn kann übrigens von den mitgegangenen Aposteln überliefert sein, bevor sie der Schlaf übermannte.
        Aber in Ihrem Urteil ist diese Erklärung sicher auch wieder „viel zu mechanisch“ und „historisch gesehen nicht sehr plausibel“, oder …?

  4. Im Internet findet man immer wieder Interessantes. So z.B. in einer Predigt von Medard Kehl SJ (www.sankt-georgen.de/kehl/…/Kehl_Predigt_Wer_ohne_Suende_ist) , der meint, Augustinus (habe) die Pointe dieser Erzählung ganz im Sinn der biblischen Botschaft in das klassisch gewordene Wortspiel gefasst: „Nur zwei blieben zurück, die Erbarmenswerte und die Barmherzigkeit“ (misera et misericordia) und den „Sitz im Leben“ in der frühkirchlichen Bußpraxis findet, wo schwere Sünden nach der Taufe nicht mehr vergeben werden konnten.
    (Er zitiert schließlich Rahner, der „die Sünderin“ überhaupt mit der Kirche identifiziert.)
    Wenn wir die Bibel als „lebendiges Wort Gottes“ betrachten, halte ich diese Perikope für durchaus biblisch, egal, wann und wie sie an ihre derzeitige Stelle im NT gelangt ist. Schließlich sind ja auch die Logien aus Q an durchaus verschiedenen Stellen und verschiedenen Zusammenhängen „eingearbeitet“ worden.

  5. Ich stelle fest, dass Herr Achilles meinen obigen Darlegungen zu der Perikope vom Herrn und der Ehebrecherin außer ein paar schlagwortartigen Formulierungen nichts mich Überzeugendes entgegenzusetzen hat.

    GOTTES HL. GEIST ist zwar AUCH – aber nicht NUR – ein Gott der Theologen sondern ein Gott für alle Menschen.

    D.h. prinzipiell muss Gott von jedem Menschen erkannt bzw. erfahren werden können.

    Man muss nicht Theologie studieren oder z.B. die historisch-kritische Methode der Textkritik beherrschen, um biblische Erkenntnisse zu erlangen.

    Vielmehr kann der HL. GEIST auch sogar sog. „einfache und unmündige“ Menschen mit Erkenntnissen erleuchten, die ER den sog. Klugen und Weisen verborgen hat.

    Mithin:
    GOTTES HL. GEIST weht, wo ER will!

    Dieses alles sind biblische Aussagen, deren Textbelege Sie gewiss leicht finden werden.

    Die wohl sicherste Art, des HL. GEISTES teilhaft zu werden, gibt uns der HERR selbst im Johannesevangelium Joh. 14,23 an:
    Wer am Wort Gottes in Liebe zu Gott festhält, zu dem werden GOTTVATER und GOTTSOHN kommen und bei ihm [im Herzen] Wohnung nehmen.

    Da der HL. GEIST nach unserem christlichen Glauben aus dem VATER und dem SOHN hervorgeht, sollte ER also ebenfalls logischerweise bei bzw. in solch einem o.g. Menschen wohnen.

    1. Nein, gegen den Heiligen Geist qui locutus est per prophetam Josef Broszeit komme ich wirklich nicht an.
      Ende der Debatte.

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