Eine Ritualmordlegende – von Bialystok nach Krefeld und zurück

Auf Chajms Blog habe ich einen Beitrag gefunden, der mich dazu gebracht hat, einer antisemitischen Ritualmord-Legende nachzugehen. Das Ergebnis: Es ist noch viel schlimmer, als ich befürchtet habe.

Die Homepage der orthodoxen Kathedrale von Bialystok – das Zentrum dieses Kults – erzählt die Geschichte des kleinen Gabriel, der Ende des 17. Jahrhunderts in Zwierki (damals Polen-Litauen, heute Ostpolen) von einem gewissen Szutko ermordet und verstümmelt worden sei, während seine Eltern auf dem Feld arbeiteten. Gründe werden auf dieser Homepage keine genannt, dafür wundersame Ereignisse um die Auffindung und Bestattung des Leichnams erzählt. Stutzig macht nur, dass das Kind als »Märtyrer« bezeichnet wird – also wegen seines Glaubens getötet worden sei.

Einen etwas konkreteren Hinweis gibt diese griechisch-orthodoxe Seite: Gabriel sei ἀπὸ τοὺς ἐχθροὺς τῆς Ἐκκλησίας getötet worden – »von den Feinden der Kirche«.

Ganz unbefangen lässt uns das in Krefeld ansässige christlich-orthodoxe Informationszentrum wissen, wer damit gemeint ist, wenn es von den »Heiligen Reliquien des von Juden ermordeten Heiligen Kindes Gabriel von Sluzk« spricht.

Fotos von der heutigen Verehrung dieser »Reliquien« bietet diese orthodoxe Seite, die den Ritualmord ebenfalls nicht erwähnt. Ihr zufolge findet seit 1992 jeden Dienstag eine Andacht vor den »Reliquien« statt, es kommt zu einer jährlichen Pilgerfahrt nach Zwierki, dem Heimatort des Gabriel, wo ein Gedenkstein an ihn erinnert. Dabei wird der hohe Anteil von jugendlichen Teilnehmern hervorgehoben. Die neue Kirche für die »Reliquien« wurde 2012 (!) feierlich von Metroplit Sava eingeweiht. Also: gute Voraussetzungen, dass dieser Kult die nächsten Jahrhunderte weiter bestehen wird.

Ich finde es erschütternd, dass dieser christliche Antisemitismus nicht im Mittelalter daheim, sondern traurige gegenwärtige Realität ist.

3 Gedanken zu „Eine Ritualmordlegende – von Bialystok nach Krefeld und zurück“

  1. Das letzte Judenpogrom wegen eines angeblichen Ritualmordes gab es in Polen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. 41 Juden wurden dabei in der polnischen Stadt Kielce von aufgebrachten Christen getötet. (planet-wissen.de)
    Und bei „Metapedia“ (einer ziemlich unsäglichen, extrem rechten Website) kann man auch noch schaurige Ritualmordgeschichten lesen.
    Ob orthodox, superkatholisch oder bekenntnisunabhängig blöd – der Ritualmord (bzw. die Schauergeschichten darüber) stirbt nicht aus.

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