Nahm Bischof Nikolaus von Myra am Konzil von Nicäa teil?

Die traditionelle katholische Kirchengeschichtsschreibung ging – wie etwa Carl Joseph von Hefele in seiner Conciliengeschichte 1 – selbstverständlich davon aus, dass Bischof Nikolaus von Myra Teilnehmer am ersten ökumenischen Konzil von Nicäa (325) gewesen sei. Diese Position wird auch heute noch vertreten. Meine Nachschau in den Quellen lässt mich zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen.

Giovanni Domenico Mansi

In Giovanni Domenico Mansis Ausgabe der Akten aller ökumenischen Konzilien machen die römischen Herausgeber im zweiten Band eine generelle Anmerkung, bevor sie die Namenlisten der teilnehmenden Bischöfe am Konzil von Nicäa abdrucken:

Nihil est in auctoribus temporum injuriæ, & librariorum erroribus magis expositum, quam propria locorum personarumque nomina. Nam cum ut plurimum peregrina sint, facillimum quidem est corrumpi ac depravari. (Mansi, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, Vol. 002 S. 692; Florenz 1759).

»Nichts ist bei den Geschichtsschreibern mehr der Untreue der Zeitumstände und den Irrtümern der Kopisten ausgesetzt, als die Eigennamen der Orte und Personen. Denn weil sie sehr oft ausländische (Namen) sind, ist es höchst einfach, etwas zu verderben oder zu verunstalten.«

Die wohl historische Unterschriftenliste der Konzilsväter hat nur in lateinischen Abschriften überlebt, die aber sicherlich fehlerhaft überliefert wurden. Bemerkenswert ist, dass bei diesen Listen, die Mansi bietet, der Namen Nikolaus nicht verdorben wurde, sondern gar nicht vorkommt. Insgesamt werden hier 224 Bischöfe namentlich angeführt 2 – ist die Anzahl vollständig? Und wie kommt Nikolaus dann in die Liste der Väter hinein?

PATRUM NICAENORUM NOMINA

1898 veröffentlichte Heinrich Gelzer seine Studie über die Namen der Väter von Nicäa. 3 Hier werden nach dem damaligen Wissensstand die Quellen aufgelistet und kollationiert, sowie Stemmata dazu geboten. Hier taucht der Namen Nikolaus von Myra nur an zwei Stellen auf: einmal »aus anderen Quellen herausgesucht« (ex aliis fontibus desumpta) – was bedeutet, dass der Namen offensichtlich nachträglich eingefügt wurde 4; es handelt sich konkret um eine Vita des Heiligen Nikolaus von Symeon Metaphrastes, einem Autor des 10. Jahrhunderts. Gelzer merkt an, dass der Namen von dort in einige Fassungen der Nicänischen Namenslisten übernommen worden sei. 5

Das andere Mal erscheint der Namen in der arabischen Überlieferung der Liste, die dann auch insgesamt 318 Teilnehmer bietet 6 (dazu später mehr). Auch hier haben wir eine sekundäre Tradion vorliegen.

Über die Bischofslisten der Synoden von Chalkedon, Nicaea und Konstantinopel

Unter diesem Titel hielt Eduard Schwartz 1937 einen Vortrag in der philosophisch-historischen Abteilung der bayrischen Akademie der Wissenschaften. Der schon genannte Online-Artikel der Universität Fribourg beruft sich auf ihn als Kronzeugen, habe er doch dem Zeugen Theodor dem Lektor (6. Jh.) das Siegel der Glaubwürdigkeit verliehen: »Schwartz hält den Text von Theodor dem Lektor für authentisch und spricht ihm Autorität zu«. Ich erlaube mir hiermit nachzuweisen, dass das mitnichten die Meinung von Schwartz, »dem angesehensten Forscher über die Teilnehmer an den ersten ökumenischene Konzilien« wiedergibt, denn der schrieb:

» Es versteht sich von selbst, daß die junge griechische Handschrift des Theodorus Lector es an Zuverlässigkeit mit der Jahrhunderte älteren syrischen nicht aufnehmen kann; es muß aber auch angemerkt werden, daß Sokrates die Liste nicht intakt gelassen hat. Er selbst hat [16] Paphnutius, den Bischof der ‘oberen Thebais’, aus Rufin [10,4; vgl. Socr. 1, 1 1] interpoliert; die nicht minder verkehrte Einschaltung des hl. Nikolaus von Myra [151] ist schwerlich auf sein Konto zu setzen, da er nie von ihm redet, sondern auf das des Theodorus Lector oder eines Interpolators der Sokrateshandschrift, der Theodorus seine Exzerpte entnahm.« 7

Zwischenfazit

Für mich steht fest: Bischof Nikolaus von Myra war nicht Teilnehmer des Konzils von Nicäa. Eine gegenteilige Auffassung gehört richtigerweise in die Legenda Aurea. 8 Wie sieht es aber mit der Anzahl der teilnehmenden Bischöfe aus?

Eusebius von Caesarea

Ein Teilnehmer des Konzils war Bischof Eusebius von Caesarea (um 263 – 339/340). 9 In seiner Biographie des Kaisers Konstantin schreibt er über die Kirchenversammlung:

ἐπὶ δὲ τῆς παρούσης χορείας ἐπισκόπων μὲν πληϑὺς ἦν πεντήκοντα καὶ διακοσίων τὸν ἀριϑμὸν ὑπερακοντίζουσα, ἑπομένων δὲ τούτοις πρεσβυτέρων καὶ διακόνων ἀκολούϑων τε πλείστων ὅσων ἑτέρων οὐδ᾽ ἦν ἀριϑμὸς εἰς κατάληψιν. (Vita Constantini III,8)

»Aber bei dem Auftritt des Reigens der Bischöfe war es fürwahr eine Versammlung, die die Zahl von zweihundertfünfzig übertraf, da aber diesen Presbyter und Diakone folgten, begleitet von besonders vielen Anderen, war die Zahl in keiner Weise zu erfassen.« (GCS, Eusebius Werke I, S. 81; MÜ)

Interessant ist der kritische Apparat zu dieser Zahlenangabe des Eusebius:

Apparat aus GCS, Eusebius Werke I, S. 81;
Apparat aus GCS, Eusebius Werke I, S. 81;

Vier Handschriften der Vita Constantini aus dem 11. – 14. Jh. bieten die ursprüngliche Lesart von zweihundertfünfzig Bischöfen, eine vatikanische Handschrift aus dem 11. Jh. hat dreihundertachtzehn, und die Kirchengeschichte des Socrates sowie Gelasius 10 – die von Eusebius abhängen – nennen dreihundert, wobei der gleiche Gelasius an andere Stelle wiederum die ominösen dreihundertachtzehn Bischöfe anführt. Was hat es mit dieser Zahl auf sich?

Ambrosius von Mailand

In seinem Buch »Über den Glauben« kommt Ambrosius (um 339 – 397) auf diese Zahl zu sprechen, wenn er dem Caesar Gratian zu Beginn des Buches mitteilt:

De conciliis id potissimum sequar, quod trecenti decem et octo sacerdotes tamquam Abrahae electi iudicio consona fidei virtute victores velut tropeum, toto orbe subactis perfidis, extulerunt, ut mihi videatur hoc esse divinum, quod eodem numero in conciliis fidei habemus oraculum, quo in historia pietatis exemplum. (CSEL LXXVIII, S. 6)

»Von den Konzilien will ich hauptsächlich das befolgen, was die dreihundertachtzehn Priester wie die durch das Urteil Abrahams Ausgewählten mit übereinstimmender Kraft des Glaubens als Sieger wie ein Siegeszeichen davongetragen haben, nachdem die Ungläubigen auf der ganzen Welt unterworfen worden waren, so dass mir göttlich zu sein scheint, dass wir durch dieselbe Zahl in den Konzilien des Glaubens eine Weissagung haben, durch die ein Beispiel Gottes in der Geschichte vorliegt.« (De fide ad Gratianum I,1,5; Ü: Christoph Markschies)

Ambrosius bringt die Zahl 318 mit Gen 14,14 in Verbindung – wo erzählt wird, dass Abraham mit gerade dieser Anzahl an Knechten seinen Verwandten Lot aus der Hand feindlicher Könige befreite. Er hat diese Zahl aber sicher nicht erfunden, sie wurde ihm von einem anderen Konzilsteilnehmer von Nicäa überliefert.

Athanasius von Alexandria

Ein Konzilsteilnehmer – wie Eusebius – war der wirkungsgeschichtlich ungleich bedeutendere Athanasius von Alexandria (um 298/299 – 373). 11 Er schreibt in einem Brief an die afrikanischen Bischöfe:

Διὰ τοῦτο γὰρ καὶ οἰκουμενικὴ γέγονεν ἐν Νικαίᾳ σύνοδος, τριακοσίων δέκα καὶ ὀκτὼ συνελθόντων ἐπισκόπων περὶ τῆς πίστεως διὰ τὴν Ἀρειανὴν ἀσέβείαν. (Ad Afros 2)

»Denn darum ereignete sich auch die den Erdkreis umspannende Synode in Nicäa, wo sich dreihundertachtzehn Bischöfe um des Glaubens willen wegen der Arianischen Gottlosigkeit versammelten.« (MPG XXVI, 1032; MÜ)

Doch der gleiche Autor nennt auch andere Zahlen für das gleiche Ereignis. In seiner »Geschichte der Arianer« schreibt der Kirchenvater:

Ὁι μὲν οὖν Πατέρες ἡμῶν οἰκουμενικὴν σύνοδον πεποιήκασι, καὶ τριακόσιοι πλεῖον ἦ συνελθόντες κατέκριναν τὴν Ἀρειανὴν αἵρεσιν, καὶ ἀπεφήναντο πάντες ἀλλοτρίαν αὐτὴν καὶ ξένην τῆς ἐκκλησιαστικῆς πίστεως εἶναι. (Historia Arianorum ad monachos 66)

»Unsere Väter allerdings hielten eine den Erdkreis umspannende Synode, und nachdem mehr oder weniger als dreihundert sich versammelt hatten, verurteilten sie die arianische Häresie und erklärten alle, dass sie unpassend und dem kirchlichen Glauben fremd sei.« (MPG XXV, 772; MÜ)

Im nächsten Kapitel des gleichen Werkes spielt Athanasius dann mit der Zahl von dreihundertundfünf Teilnehmern, weil sie ihm gut zu seiner typologischen Auslegung von 1 Sam 22,18 LXX passt. 12 Man sieht also, dass seine Angaben nicht unbedingt historisch belastbar sind.

Conclusio

Am Konzil von Nicäa nahmen wohl um die zweihundertfünfzig Bischöfe teil, deren historische Teilnehmerliste fast vollständig, aber verdorben auf uns gekommen ist. Nikolaus von Myra war nicht unter ihnen.

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  1. Erster Band, Zweite verbesserte Auflage, Freiburg im Breisgau 1873, S. 292 f.
  2. Hefele, S. 318 (sic!) a.a.o.
  3. Sie können die Studie hier legal herunterladen, oder beim De Gruyter Verlag um 80 Euro kaufen; dort bekommen sie dann eine photomechanische Wiedergabe des Originals, angereichert um ein Nachwort von Christoph Markschies. Scheinbar eine bewährte Verkaufsstrategie
  4. S. 69 des Werkes.
  5. »Ex vita Nicolai indices V VI XI nomen mutuati esse videntur.« ebenda
  6. S. 181 a.a.o.
  7. S. 63 des Textes
  8. Fertur quoque, sicut legitur in chronica quadam, Nicolaum Nicaeno interfuisse concilio. »Es wird auch erzählt, wie in irgendeiner Chronik gelesen wird, dass Nikolaus an dem Konzil von Nicäa teilgenommen habe.«
  9. Lebensdaten nach Charles Kannengiesser: Handbook of Patristic Exegesis
  10. Sokrates, Kirchengeschichtler aus Konstantinopel, geb. nach 381, gestorben nach 439; Gelasius von Cyicus, schrieb kurz nach 476 eine Geschichte des Konzils von Nicäa; Daten nach dem Lexikon der antiken christlichen Literatur, Hgg. Von Siegmar Döpp und Wilhelm Geerlings
  11. Lebensdaten nach Charles Kannengiesser: Handbook of Patristic Exegesis.
  12. MT hat hier die Zahl fünfundachtzig.

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