»Die halbseitige Lähmung des Christentums«

An dieses Nietzsche-Zitat musste ich denken, als ich den Aufsatz von Udo Schnelle las: »Das Neue Testament − Gotteswort, Menschenwort oder irgendetwas dazwischen?« Der an der Universität Halle-Wittenberg lehrende Neutestamentler hat die wohl meistgekaufte deutschsprachige Einleitung in das Neue Testament geschrieben, ein Werk, das mittlerweile in der 8. Auflage erschienen ist.

Der Anfang 2015 in Halle gehaltene Vortrag nimmt seinen Ausgang vom Unbehagen des Autors angesichts der Beliebigkeit im Umgang mit der Bibel, die er im gegenwärtigen Protestantismus ausmacht. Er sieht die Ursachen vor allem in einem hermeneutisch und theologisch mangelhaft begleiteten Zugang zur Fragestellung nach der Geschichtlichkeit der Glaubenszeugnisse. Nach der Betonung der Unaufgebbarkeit der historisch-kritischen Methode wird der historische Wahrheitsgehalt des NT verteidigt und an Hand von neutestamentlichen Schriftzitaten eine Wort-Gottes-Theologie versucht. Es folgte ein kirchengeschichtlicher Überblick über theologische Lösungsversuche der Frage, wie die Schrift Wort Gottes sein kann. Abschließend bündelt Schnelle in 15 Punkten für ihn zentrale und unaufgebbare Kernaussagen des NT und zieht zum Ende sein Fazit.

Zweifellos hat Professor Schnelle eine der wohl wichtigsten Fragen des heutigen Umgangs mit der Schrift angesprochen – und seine Diagnose ist beachtlich, weil deutlich wird, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bibel deren existentielle oder spirituelle Dimension nicht ausklammern kann. Aber die Lösung die er anbietet, erscheint mir sehr einseitig.

»Die Schrift«, auf die sich die Verfasser des NT unablässig beziehen, kommt bei ihm nur vor als »Gesetz«, das »als richtendes Wort Gottes alle menschliche Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung durchkreuzt«. Wie kann man die Wichtigkeit der historischen Fragestellung betonen, und gleichzeitig den historischen Hintergrund der Verkündigung Jesu – das Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels – vollständig ausblenden? Das Wort »Israel« wird in dem Text kein einziges Mal genannt – muss man da nicht den Eindruck gewinnen, dass zwar nicht das NT, aber Jesus vom Himmel gefallen sei?

Bei seiner Entwicklung einer Wort-Gottes-Theologie zitiert Schnelle Paulus und Johannes, das aber so, dass das sonst nicht genannte AT als tötender Buchstabe und Träger eines knechtenden Ungeistes erscheinen muss. Wie kann es sein, dass in einem so grundsätzlichen Vortrag die Synoptiker mit keiner Silbe erwähnt werden?

So fällt bei den 15 Punkten auf, dass die konkreten Anweisungen Jesu für die Nachfolge – man denke an die Bergpredigt oder die »Antrittspredigt« Jesu in Nazareth in Lk 4 – nicht einmal ignoriert werden. Über die Gottesauslegung Jesu erfahren wir, dass er »nicht die rituellen Gebote, sondern die Liebe Gottes in den Mittelpunkt gestellt hat«. Das Christentum stehe für eine »Universalisierung des Gottesbildes«. Gegen wen sich das wohl richtet?

Muss bei der apodiktischen Formulierung von Punkt 14 nicht unklar bleiben, wieso Jesus und Paulus ehelos lebten und warum Christus im Zusammenhang mit der Königsherrschaft Gottes von Ehelosigkeit sprechen kann?

Mein Fazit: Wird die von Schnelle zu Recht aufgestellte Forderung, die ganze Breite des NT im Blick zu haben, in diesem Vortrag nicht spektakulär unterlaufen? Ist das AT nicht de facto aufgegeben, wenn es abschließend heißt: »Das Neue Testament ist die nicht nur formale Quelle, sondern auch der inhaltliche Maßstab seiner eigenen Auslegung!« (im Original hervorgehoben)? Meine Vermutung ist: All das hat bei dieser Art von Exegese systemimmanente Gründe.

 

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