»Nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen«

Mt 5,17-18 und Lk 16,17 überliefern ein Wort Jesu, das die bis heute ungeklärte Frage auf den Punkt bringt: Was bedeutet die Tora für das Christentum?

17 Μὴ νομίσητε ὅτι ἦλθον καταλῦσαι τὸν νόμον ἢ τοὺς προφήτας· οὐκ ἦλθον καταλῦσαι ἀλλὰ πληρῶσαι 18 ἀμὴν γὰρ λέγω ὑμῖν· ἕως ἂν παρέλθῃ ὁ οὐρανὸς καὶ ἡ γῆ, ἰῶτα ἓν ἢ μία κεραία οὐ μὴ παρέλθῃ ἀπὸ τοῦ νόμου, ἕως ἂν πάντα γένηται.

17 Meint nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen: ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. 18 Amen, denn ich sage euch: bis nicht der Himmel oder die Erde vergehen, wird nicht ein Jota oder ein Haken des Gesetzes vergehen, bis nicht alles geschehen ist. (Mt 5,17-18; MÜ)

Schon sehr früh hat es Auslegungen gegeben, die behaupten, diese Aussage bedeute eigentlich etwas ganz anderes, nämlich eigentlich ihr Gegenteil. Dieses Erklärungsmuster ist bis heute wirkmächtig. Hier ein Beispiel:

Origenes

In einem nur in Katenen-Kommentaren erhalten gebliebenem Fragment seines Kommentares zum Matthäusevangelium legt der große Alexandriner die Matthäus-Stelle aus:

Μία δὲ κεραία οὐ παρ᾽ Ἕλλησι μόνον ἐστὶν τὸ ἰῶτα, ἀλλὰ καὶ παρ᾽ Ἑβραίοις τὸ παρ᾽ αὐτοῖς καλούμενον ἰῶϑ. δύναται δὲ τὸ ἰῶτα ἕν ἢ μία κεραία συμβολικῶς λέγεσϑαι ὁ Ιησοῦς, ἐπείπερ ἡ ἀρχὴ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ οὐ παρ᾽ Ἕλλησι μόνον, ἀλλὰ καὶ παρ᾽ Ἑβραίοις ἀπὸ τοῦ ἰῶϑ γράφεται, καὶ ἔσται ἡ μία κεραία ὁ Ἰησοῦς, ὁ λόγος τοῦ ϑεοῦ ἐν τῷ νόμῳ οὐ παρερχόμενος αὐτὸν ἕως πάντα γένηται. ἰῶτα δ᾽ ἂν εἶεν (ὡς αὐτός φησι) καὶ αἱ δέκα ἐντολαὶ τοῦ νόμου· πάντα γὰρ παρέρχεται καὶ αὗται οὐ παρέρχονται. ἀλλ᾽ οὐδὲ ὁ Ιησοῦς παρέρχεται· κἂν πέσῃ “ἐπὶ τὴν γῆν”, ἑκουσίως πίπτει. ἵνα “καρπὸν πολὺν” φέρῃ. τὸ δὲ ιῶτα ἓν ἢ μία κεραία πάλιν τὰ ἄνω καὶ τὰ κάτω περικρατεῖ.

»Aber ein Haken ist nicht nur – wie bei den Griechen – ein Jota 1, sondern auch – wie bei den Hebräern – das, was bei ihnen Jod genannt wird. Es ist aber möglich, dass Jesus das eine Jota oder den einen Haken sinnbildlich (symbolikōs) ausdrückte, da ja doch der Anfang seines Namens nicht bei den Griechen allein, sondern auch bei den Hebräern mit Jod geschrieben wird, und es wird der eine Haken Jesus sein, das Wort (lógos) Gottes im Gesetz, das nicht vergehen wird, bis alles geschehen ist. Das Jota aber könnte (wie er selber äußerte) auch die Zehn Gebote des Gesetzes bedeuten: 2 denn alles vergeht und diese vergehen nicht. Ja, auch Jesus vergeht nicht: und wenn er aber »auf die Erde« gefallen ist, so fällt er freiwillig. Damit er »reiche Frucht« trägt. 3 Aber das eine Jota und der eine Haken beherrscht wiederum die oberen und die unteren.« 4

(Fragment 99 zur Matthäuserklärung des Origenes, CGS XLI, S. 56 zu Mt 5, 18-19; MÜ)

Also: Jesus redet nicht von der Tora, maximal von den Zehn Geboten und im Grunde genommen nur über sich selbst. Dass die ursprüngliche Aussageabsicht des Evangelisten damit klar verfehlt ist, ist unabweisbar.

Fortsetzung

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  1. der kleinste Buchstabe im griechischen Alphabet
  2. Das Jota bzw. Jod hat im Griechischen bzw. Hebräischen den Zahlenwert zehn.
  3. Origenes verwendet hier im Zusammenhang mit Joh 12,24 ein Wortspiel: wenn nicht das Weizenkorn in die Erde fällt (und) stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, trägt es viel Frucht; das griechische Verb píptō bedeutet fallen, aber auch ausfallen, ablaufen.
  4. Christus, den diese beiden Zeichen nach der Deutung des Origenes symbolisieren, ist Herrscher des Himmels und der Erde; vgl. Mt 28,18. Zur Bedeutung von perikratéō vgl. Evangelinus Apostolides Sophocles, Greek Lexicon of the Roman and Byzantine Periods, S. 877

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