Die Stele des Königs Mescha von Moab II

Nachdem ich den Fund der Stele und die unglückliche Geschichte der Textsicherung geschildert habe, hier jetzt die Übersetzung des Textes. Aus urheberrechtlichen Gründen gebe ich die Fassung von Smend/Socin wieder.

Die ursprüngliche Inschrift der Mescha-Stele nach Charles Clermont-Ganneau
Die ursprüngliche Inschrift der Mescha-Stele nach Charles Clermont-Ganneau

Quelle: Charles Clermont-Ganneau – La Stèle de Dhiban, Paris 1870, S. 10

Die Übersetzung

(Die Zeilen der Inschrift sind nummeriert)

1 Ich bin Mêša, der Sohn des Kemôšmelek, der König von Mô’âb aus
2 Dibòn. | Mein Vater war König über Mô’âb dreissig Jahre und ich wurde König
3 nach meinem Vater, | und ich habe hergerichtet dies Heiligtum dem Kemôs in KRHH | für die Rettung des Mêša 1
4 denn er rettete mich von allen den Königen und liess mich meine Lust sehen an allen meinen Feinden. | Omri,
5 der König von Israel, der bedrückte Mô’âb lange Zeit, denn es zürnte Kemôs auf sein
6 Land. | Und dann folgte ihm sein Sohn und auch der sprach: ich will Mô’âb bedrücken; | in meinen Tagen sprach er solches,
7 aber ich sah meine Lust an ihm und an seinem Hause | und Israel ging 2 auf ewig zu Grunde. Und Omri nahm ein das ganze Land
8 Mêdebâ | und es wohnte darin seine Tage und die Hälfte der Tage seines Sohnes, vierzig Jahre, und zurück
9 brachte es Kemôs in meinen Tagen; | und ich baute Ba’almeôn und legte darin den Teich (?) an und ich baute
10 Kirjatain. | Und der Mann von Gad wohnte im Lande ‚Atârôt von Urzeit her und es baute sich der König von
11 Israel ‚Atârôt; | und ich kämpfte gegen die Stadt und nahm sie ein | und ich brachte um alle Leute aus
12 der Stadt, ein Schauspiel für Kemôs und für Mô’âb; | und ich brachte zurück von dort den Altaraufsatz DWDH’s und schleppte 3
13 ihn vor Kemôs in Kerîjôt; | und ich siedelte darin an den Mann von ŠRN und die Männer von
14 MHRT. | Und Kemôs sprach zu mir: geh, nimm Nebô Israel ab und ich
15 ging in der Nacht und kämpfte dagegen vom Anbruch des Morgengrauens bis zum Mittag | und nahm
16 es ein und tötete sie alle, siebentausend an Männern und an Knaben | und Weiber und Mädchen
17 und Sklavinnen (?); | denn ‚ŠTR Kemôs hatte ich es geweiht; |und ich nahm von dort die Altar-
18 Aufsätze JHWHs und schleppte sie vor Kemôs. | Und der König von Israel baute
19 Jahas und lag darin, da er wider mich stritt, | und es vertrieb ihn Kemôs vor mir und
20 ich nahm von Mô’âb zweihundert Mann, alle seine Häuptlinge, | und ich führte es hinauf (?) gegen Jahas und nahm
21 es ein um es zu Dîbôn hinzuzufügen. | Ich habe gebaut KRHH, die Mauer des Waldes (?) und die Mauer
22 des Hügels, | und ich habe gebaut seine Tore und ich habe gebaut seine Türme | und
23 ich habe gebaut den Königspalast und ich habe gemacht die Schleusen (?) des Teichs (??) für das Wasser (??) inmitten
24 der Stadt; | und es war keine Cisterne inmitten der Stadt in KRHH und ich sprach zu allen Leuten: legt
25 euch ein jeder eine Cisterne in seinem Hause an; | und ich schnitt ein (?) die Einschnitte (?) für KRHH mit Gefangenen
26 aus Israel. | Ich habe gebaut ‚Arô’êr und ich habe angelegt die Strasse am ‚Arnôn und
27 ich habe gebaut Bêt Bâmôt, denn es war zerstört, | ich habe gebaut Beser, denn es lag in Trümmern
28 …………. von Dîbôn fünfzig, denn ganz Dîbôn ist untertänig, | und ich herrsche (?)
29 …… hundert in den Städten, die ich zum Lande hinzugefügthabe. | Und ich baute
30 [ Mêdebâ] und Bêt Diblâtain. | Und Bêt Ba’alme‚ôn, dahin brachte ich hinauf (?) die Schafe (?)
31 …….. das Kleinvieh des Landes. | Und Hôrônain, darin wohnte der Sohn Dedân’s und Dedân sprach (?)…..
32 und es sprach zu mir Kemôs: zieh hinab kämpfe gegen Hôrônain und ich zog hinab [und kämpfte |
33 ……… zurück brachte es Kemôs in meinen Tagen und …….. …. von dort
34 ………… | Und ich 4

Vergleich mit einer aktuellen Übersetzung

Wenn man diese Übersetzung mit der aktuellen von Hans-Peter Müller vergleicht 5, dann fällt auf, dass die moabitischen Ortsnamen dort »vermutungsweise« vokalisert werden. In Zeile 17 wird Achstar-Kamosch gelesen, einem »Pendant der (meist weiblichen) babylonischen Ischtar«. Die Übersetzungen selbst stimmen ziemlich überein.

Auslegung

Zu beachten ist, dass es sich bei dieser Inschrift um Propaganda handelt – keine altorientalische Inschrift kann als historisch-exaktes Zeugnis gelten und will es auch gar nicht sein. Überraschend deutlich ist die Parallele zu deuteronomistischen Theologie, die die Geschichtsdarstellung in der Bibel geprägt hat. 6 Sie kommt in Zeile 5 – 6 klar zum Ausdruck: der König von Israel konnte Moab unterwerfen, weil Kemosch, der Gott Moabs, seinem Volk zürnte.

Am meisten interessiert mich die »Vernichtungsweihe«, von der die Zeilen 16 – 17 berichten. Das hier genutzte Verb חרם ist identisch mit dem in der Bibel verwendeten cherem. Ich meine bereits gezeigt zu haben, dass die in der Bibel geschilderten Gemetzel so nicht stattgefunden haben – wie sieht es da bei Mescha aus?

Eines ist sicherlich viel zu hoch gegriffen: die angebliche Zahl von 7000 Einwohnern in Zeile 16. 7 Ich kann nicht beurteilen, was hier literarische Fiktion und was historische Realität ist: dass unter Mescha bei diesen Kämpfen Menschen getötet wurden, scheint mir unbestreitbar – aber dass alle bei der Eroberung niedergemetzelt wurden, muss (hoffentlich) nicht unbedingt so geschehen sein. Faktum ist, dass das cherem-Konzept keine israelitische Erfindung gewesen ist. Ich vermute einen assyrischen Hintergrund.

PS: Das Haus Omri wird ebenfalls auf dem berühmten schwarzen Obelisken Salmanassar des Dritten inschriftlich erwähnt, Mescha wird in der hebräischen Bibel in 2 Kön 3,4 genannt.

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  1. Mêša heißt Rettung
  2. oder geht
  3. Vielleicht eine Form der Darbringung
  4. Zitiert nach Rudolf Smend und Albert Socin, Die Inschrift des Königs Mesa von Moab, Freiburg im Breisgau 1886, S.13-15. Ich habe die Orthographie behutsam an heutige Verhältnisse angepasst.
  5. TUAT, Gütersloher Verlagshaus 2005, Band I S. 646 ff.
  6. Allerdings nicht ausschließlich und alleine!
  7. Finkelstein und Silberman geben die Einwohnerzahl Jerusalems zur Zeit Meschas mit eintausend Menschen an. Sie »explodierte« im 8. Jh. auf Zwölftausend Einwohner. (Vgl. Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: David und Salomo; Verlag C.H. Beck, München 2006 S. 118).

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