Die Geburt Gottes

Zur Erinnerung sei auf diesen antiken griechischen Text verwiesen, der die Geburt Gottes schildert, aber nicht biblisch ist.
ἡ ἡμέρα (…) ἑτέραν τε ἔδωκεν παντὶ τῷ κόσμῳ ὄψιν, ἥδιστα ἄν δεξαμένων φθοράν, εἰ μὴ τὸ κοινὸν πάντων εὐτύχημα ἐπεγεννήθηι …
»Der Tag (…) hat der ganzen Welt ein andres Aussehen gegeben; sie wäre dem Untergang verfallen, wenn nicht in dem nun Geborenen für alle Menschen ein gemeinsames Glück aufgestrahlt wäre …« (Z. 5. 7-9)

δι᾽ ὅ ἄν τις δικαίως ὑπολάβοι τοῦτο αὐτῶι ἀρχὴν τοῦ βίου καὶ τῆς ζωῆς γεγονέναι, ὅ ἐστιν πέρας καὶ ὅρος τοῦ μεταμέλεσθαι ὅτι γεγέννηται·
»Richtig urteilt, wer in diesem Geburtstag den Anfang des Lebens und aller Lebenskräfte für sich erkennt; nun endlich ist die Zeit vorbei, da man es bereuen musste, geboren zu sein.« (Z. 9-10)

καὶ ἐπεὶ οὐδεμιᾶς ἄν ἀπο ἡμέρας εἴς τε τὸ κοινὸν καὶ εἰς τὸ ἴδιον ἔκαστος ὄφελοσ εὐτυχεστέρας λάβοι ἀφορμὰς ἢ τῆς πᾶσιν γενομένης εὐτυχοῦς
»Von keinem andern Tage empfängt der einzelne und die Gesamtheit soviel Gutes als von diesem allen gleich glücklichen Geburtstage.« (Z. 11-13)

καὶ ἐπειδὴ δύσκολον μέν ἐστιν τοῖς τοσούτοις αὐτοῦ εὐεργετήμασιν κατ᾽ ἴσον εὐχαριστεῖν …
Unmöglich ist es, in gebührender Weise Dank zu sagen für die so großen Wohltaten, welche dieser Tag gebracht hat … (Z. 16-18)

ἡ πάντα διατάξα τὸν βίον ἡμῶν πρόνοια (…) ὅν εἰς εὐεργεσίαν ἀνθρῶπων ἐπλήρωσεν ἀρετῆς, ὅσπερ ἡμεῖν καὶ τοῖς μεθ᾽ ἡμᾶς σωτῆρα πέμψασα τὸν παύσαντα μὲν πόλεμον, κοσμήσοντα δὲ πάντα …
Die Vorsehung, die über allem im Leben waltet, (…) hat diesen Mann zum Heile der Menschen mit solchen Gaben erfüllt, dass sie ihn uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt hat; aller Fehde wird er ein Ende machen und alles herrlich ausgestalten … (Z. 33-36)

φανεὶς δὲ (…) τὰς ὲλπίδας τῶν προλαβόντων (…) έθηκεν, οὐ μόνον τοὺς πρὸ αὐτοῦ γεγενότας εὐεργέτας ὑπερβαλόμενος, ἀλλ᾽ οὐδ᾽ ἐν τοῖς ἐσομένοις ἐλπίδα λιπὼν ὑπερβολῆς.
»In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren (…) erfüllt; er hat nicht nur die früheren Wohltäter der Menschheit sämtlich übertroffen, sondern es ist auch unmöglich, dass je ein Größerer käme. (Z. 36-39)

ἦρξεν δὲ τῶι κόσμωι τῶν δι᾽ αὐτὸν εὐανγελίων ἡ γενέθλιος τοῦ θεοῦ ….
»Der Geburtstag des Gottes hat für die Welt die an ihn sich knüpfenden Freudenbotschaften [Evangelien] heraufgeführt.« (Z. 40-41; Ü: Adolf von Harnack)

Über wen spricht der Text?

Wenn man den Text so liest, wie ihn von Harnack 1899 in einem Aufsatz unter absichtsvollen Auslassungen verdeutscht hat, denkt man wohl sofort an einen christlichen Autor. Aber: die in Priene gefundene Inschrift stammt aus der Zeit um 9 vor Christus und feiert die Geburt des Cäsar Augustus! Sie verkündet für die Einwohner von Priene ein »Evangelium« – eine frohe Botschaft und sie begrüßt in dem neugeborenen Herrscher einen menschgewordenen Gott und Erlöser.

Was daraus nicht folgt

Aus diesem Fund folgt meiner Meinung nach nicht, dass das christliche Weihnachtsfest ein Aufguss einer älteren heidnischen Vorstellung ist – aber es zeigt, dass das Christentum den Begriff »Evangelium« nicht erfunden hat, ihn aber (nicht nur in diesem Kontext) mit einem ganz anderen Inhalt füllt. Wenn Lukas in seinem Weihnachtsevangelium den Engel den Hirten verkünden lässt, dass er ein »Evangelium« für sie hat, dass in der Stadt Davids der sōtḕr – der Heiland/der Retter geboren worden ist (Lk 2,10), dann benutzt er zwar die gleichen Ausdrücke wie die Tafel von Priene – aber eben dadurch treten die Unterschiede umso schärfer hervor: das Heil der Welt kommt nicht von einem römischen Cäsaren, sondern von dem Gesalbten des HERRN. Und der wirkt auch nicht als imperialer Herrscher, sondern als friedlicher Wander-Prediger.

Zur Kalender Inschrift von Priene:

Die Kalender Inschrift von Priene: aus A. Deissmann: Licht vom Osten
Die Kalender Inschrift von Priene: aus A. Deissmann: Licht vom Osten

Die antike griechische Stadt Priene lag im Westen der heutigen Türkei. Die in diesem Artikel auszugsweise vorgestellte Inschrift wurde erstmals 1899 von Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in den Mitteilungen des Kaiserlichen Deutschen Archäologischen Institutes, Athener Abteilung 1, publiziert. Adolf von Harnack machte sie in selben Jahr einem größeren Kreis durch einen Aufsatz zugänglich. 2 1906 veröffentlichte Theodor Wiegand im Auftrag des Berliner Museums, wo die Inschrift aufbewahrt wird, eine verbesserte Transkription, 3 der ich in diesem Artikel gefolgt bin. Eine erste fotografische Reproduktion publizierte Adolf Deissmann 1908 in seiner klassisch gewordenen Studie »Licht vom Osten« 4 – ich habe sie in diesem Artikel abgebildet.

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  1. »Die Einführung des Asianischen Kalenders«, S. 275-293
  2. »Als die Zeit erfüllet war« S. 301-306
  3. »Inschriften von Priene«, S. 80-81
  4. »Licht vom Osten« S. 279; »often ignored today but unwisely so« (Larry Hurtado, Lord Jesus Christ. Devotion to Jesus in Earliest Christianity S. 517 Fn. 72)

2 Gedanken zu „Die Geburt Gottes“

  1. Hallo

    haben sie eine Idee, in welchem Museum sich die Inschrift heute befindet bzw. ausgestellt ist?

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas Kinker

    1. Ich gehe davon aus, dass sie sich nach wie vor in Berlin befindet.
      Ob das Mueseum immer noch »Berliner Museum« heißt, weiß ich allerdings nicht.
      OA

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