Augustinus und die »Erbsünde«

Wie wichtig die Frage der Bibelübersetzung ist, kann besonders an einem Begriff deutlich gemacht werden, der für die christliche Theologie bis heute bestimmend geblieben ist: die »Erbsünde«. Vater dieser Vorstellung ist der heilige Augustinus und Pate stand seine Lesart der Bibel.  Das »peccatum originale« – also die Vorstellung von der jeden Menschen bestimmenden Ursprungssünde ist eine Lehre, die Augustin erst relativ spät entwickelte. Vor 412 spielt sie in seinem Werk keine Rolle, aber dann wird sie in der Auseinandersetzung mit Pelagius immer zentraler. Letztendlich ging es Augustinus um die existentielle Frage, ob der Mensch die Liebe Gottes verdient – von seiner Lebenserfahrung her konnte die  Antwort nur »nein« lauten. Wichtig ist, dass sein Verständnis vom Ursprung der Sünde eine Konsequenz seiner Gnadenerfahrung war – und nicht umgekehrt.

Biblischer Kronzeuge für die Vorstellung der Ursprungssünde war für Augustinus Röm 5,12. Er las in seiner Bibel, der Vetus Latina: »Per unum hominem peccatum intraverit in mundum, et per peccatum mors et ita in omnes homines pertransiit, in quo omnes peccaverunt«. Zu Deutsch: »Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod und ist so auf alle Menschen übergegangen: in ihm haben alle gesündigt.« Augustinus verstand den Satz so: in Adam hätten alle Menschen gesündigt und seien daher dem Tod verfallen.

Bemerkenswert ist, dass diese Lesart sich deutlich vom griechischen Text des Paulus (und auch von der Vulgata) unterscheidet. Das »in quo« gibt den griechischen Ausdruck »eph‘ hō« wieder – aber der bedeutet nicht »in ihm« – sondern »weil«! So ergibt sich folgender Text: »Deshalb: so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt hinein kam und durch die Sünde der Tod, so gelangte auch zu allen Menschen der Tod, weil alle sündigten.«  Also nicht die Sünde wird hier übertragen, sondern der Tod. Der Grund dafür ist nicht die Sünde Adams, sondern der Umstand, dass alle sündigten.

Die weitere Argumentationslinie Augustins, der – wiederum von seiner Lebenserfahrung her – den sexuellen Akt der Zeugung mit der »Übertragung« der Ursprungssünde verband, kann ich hier nicht weiterverfolgen. Festzuhalten bleibt, dass diese von ihm vorgetragene Auslegung von Röm 5,12 dem griechischen Text des Paulus nicht entspricht.

2 Gedanken zu „Augustinus und die »Erbsünde«“

  1. Lies zm Problem der falschen Übersetzung von Röm 5,12 durch Augustinus den glänzenden Artikel von Friedrich Christian Delius in der FAZ, Nr. 253, v. 29. Okt. 2016, S. 18: „Ihre Reformaton haben Sie vergeigt, Herr Luther“. Luther hat zwar die Stelle richtig übersetzt, sich gleichwohl von der Erbsündenlehre seines theologischen „Ziehvaters“ Augustin blenden lassen.

    1. Danke für den Hinweis – dieser Artikel ist für mich allerdings nicht abrufbar. Haben Sie vielleicht einen Link dorthin?
      Ansonsten empfehle ich den Einsatz eines Rechtschreib-Tools, z.B. dieses hier … 🙂

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