»Nun inversum« und »Antisigma«

Masoretische Beobachtungen IX

Mein besonderes Interesse gilt dem Verhältnis von Homer-Exegese und Bibelauslegung. Und da ist Num 10, 35-36 eine ganz interessante Stelle. 

Dabei handelt es sich diesmal nicht um die Technik der Gematrie, sondern um diakritische Zeichen, die die Positionierung eines Textes kommentieren. Hier zuerst einmal die Verse, um die es geht:


וַיְהִי בִּנְסֹעַ הָאָרֹן וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה קוּמָה ׀ יְהוָה וְיָפֻצוּ אֹֽיְבֶיךָ וְיָנֻסוּ מְשַׂנְאֶיךָ מִפָּנֶֽיךָ׃
וּבְנֻחֹה יֹאמַר שׁוּבָה יְהוָה רִֽבְבוֹת אַלְפֵי יִשְׂרָאֵֽל׃

»Und es geschah: beim Aufbruch der Lade, da sprach Mose: „Erhebe Dich, HERR, und es zerstreuen sich, die dich befeinden und fliehen werden, die dich hassen, vor deinem Angesicht“. Und bei ihrem sich niederlassen sprach er: „Wende dich zu, HERR, den Zehntausenden der Tausenden Israels“.« (MÜ)

Nun inversum in Num 10:35-36 im Codex Leningradensis
Nun inversum in Num 10:35-36 im Codex Leningradensis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Codex Leningradensis haben die Masoreten den Text mit zwei merkwürdigen Zeichen umgeben, die ich hier markiert habe. In der Biblica Hebraica Kittel sieht das im Druckbild dann so aus (ebenfalls markiert):

Nun inversum in Lev 10:35-36 in der Biblia Hebraica Kittel
Nun inversum in Lev 10:35-36 in der Biblia Hebraica Kittel

Das dieses Zeichen hier aussieht wie ein verkehrt herum geschriebenes Nun (= der hebräische Buchstabe für N), nennt man es nun inversum. Die BHS kennt insgesamt neun Stellen mit einem solchen Zeichen, neben den beiden gezeigten sind das noch Ps 107, 21-26 + 40. Aber was soll das Zeichen besagen?

Antisigma

In der alexandrinischen Bibliothek wählte man ein umgedrehtes Sigma Ͻ als Zeichen dafür, dass ein Vers des Homer-Textes beim Abschreiben versehentlich an eine falsche Stelle gerutscht sei. Ein Beispiel aus einer Scholie zu Ilias II,192 soll das verdeutlichen:

οὐ γάρ πω σάφα οἶσθ᾽ Ͻ ὁτι ὑπὸ τοῦτον ἔδει τετάχθαι τοὺς ἑξῆς παρεστιγμένους τρεῖς στίχους (203-205)· εἰσὶ γὰρ πρὸς βασιλεῖς ἁρμόζοντες, οὐ πρὸς δημότας· “οὐ μέν πως πάντες βασιλεύσομεν ἐνθάδ’ Ἀχαιοί, οὐκ ἀγαθὸν πολυκοιρανίη” καὶ τὰ ἑξῆς.

»Denn noch weißt du nicht sicher Ͻ Man muss diese folgenden drei Verse einen nach dem anderen weiter unten einordnen (statt den Versen 203-205). Denn sie passen zu Königen, nicht zu einem gemeinen Menschen aus dem Volk: Auf keinen Fall sind wir hier alle Könige, Achaier, Vielherrschaft ist nicht gut und so weiter.« (Scholia Graeca in Homeri Iliadem, Ed. Guliemus Dindorfius, I S. 188; MÜ)

Septuaginta

Wenig überraschend hat auch die LXX das nun inversum aus Num 10,35-36 in diesem Sinn verstanden. Sie stellt Num 10,34 hinter die beiden besprochenen Verse, sieht hier also auch eine Vertauschung der ursprünglichen Reihenfolge vorliegen.

Num 10,36+34 in der LXX
Num 10,36+34 in der LXX

(Bild-Quelle)

Literaturempfehlung: Saul Liebermann, Hellenism in Jewish Palestine, S. 38-43

(Nächster Beitrag zum Thema)

2 Gedanken zu „»Nun inversum« und »Antisigma«“

  1. Auch der Talmud (bT Shabbat 116a) setzt sich mit dieser Stelle auseinander: »Die Rabbanan lehrten: ›Und als die Lade sich in Bewegung setzte, sprach Moše‹. Diesem Abschnitt machte der Heilige, gepriesen sei er, am Anfang und am Ende Zeichen (Bem. umgekehrtes Nun), um anzudeuten, dass er sich nicht auf der richtigen Stelle befinde. Rabbi sagte: Nicht aus diesem Grunde, sondern weil dieser Abschnitt einen bedeutenden Text für sich bildet. Wessen Ansicht vertritt das, was R. Šemuel b. Nahmani im Namen R. Jonathans gesagt hat: ›Sie hat ihre sieben Säulen ausgehauen‹ (Spr. 9,1), das sind nämlich die sieben Bücher der Tora. Wessen nun? Die des Rabbi (Bem. Nach Rabbi bildet der angezogene Abschnitt ein ›Buch‹ für sich, somit wird das Buch Numeri in drei Bücher geteilt). Wer ist der Tanna, der gegen Rabbi streitet? Es ist R. Šimon b. Gamliel, denn es wird gelehrt: R. Šimon b. Gamliel sagte: Dereinst wird dieser Abschnitt aus dieser Stelle entfernt und an die richtige Stelle gesetzt werden. Weshalb aber steht er hier? Um zwischen dem ersten und zweiten Unglücke zu trennen. – Welches ist das zweite Unglück? ›Und das Volk beklagte sich‹ (Num 11,1) – Welches ist das erste Unglück? – ›Und sie zogen vom Berge des Herrn‹ (Num 10,33) und R. Hama b.R. Hanina erklärte: Sie zogen sich von Gott zurück. – Wo gehört er hin? R. Aši erwiderte: In [den Abschnitt von den] Bannern. (Num 2,1 ff).« (aus: »Der babylonische Talmud« übertragen durch L. Goldschmidt, Bd 1, Berlin 1930). Auch Rashi nimmt diese Argumentation wieder auf. Der Grund dafür, dass die mit dem invertierten Nun bezeichnete Stelle eigentlich in Num 2ff gehört, erklärt er so: ›Um eine Unterbrechung zwischen [einer Stelle, die handelt von] Unglück und einem anderen zu machen etc.‹ (כדי להפסיק בין פורענות לפורענות וכולהו), vgl. dazu auch Emanuel Tov »Der Text der Hebräischen Bibel – Handbuch der Textkritik« Berlin 1997 (S. 43 ff)

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