Wer hat eigentlich Schuld: Adam oder Eva?

Da gibt es diese bemerkenswerte Erzählung aus Genesis 3 – und seit der Zeit des Zweiten Tempels wird in der Auslegung diskutiert, was da wie und warum geschehen ist – und vor allem: wer eigentlich für die Vertreibung des menschlichen Paares aus dem Garten Eden die Verantwortung trägt: er oder sieJesus Sirach hat da eine klare Antwort bereit: Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, / ihretwegen müssen wir alle sterben. (Sir 25,24; EÜ) ἀπὸ γυναικὸς ἀρχὴ ἁμαρτιας, καὶ δι᾿ αὐτὴν ἀποθνῄσκομεν πάντες.

In dieselbe Kerbe schlägt der erste Brief an Timotheus: Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau liess sich verführen und übertrat das Gebot. (1 Tim 2,12-14; EÜ) διδάσκειν δὲ γυναικὶ⸃ οὐκ ἐπιτρέπω, οὐδὲ αὐθεντεῖν ἀνδρός, ἀλλʼ εἶναι ἐν ἡσυχίᾳ. Ἀδὰμ γὰρ πρῶτος ἐπλάσθη, εἶτα Εὕα· καὶ Ἀδὰμ οὐκ ἠπατήθη, ἡ δὲ γυνὴ ⸀ἐξαπατηθεῖσα ἐν παραβάσει γέγονεν. (Übrigens: Ich halte Paulus – der meiner Meinung nach nicht der Autor der Pastoralbriefe ist – weiterhin nicht für einen Frauenfeind.)

Eine andere Auslegung

Ich möchte hier eine andere Auslegung vorstellen, sie stammt aus der rabbinischen Literatur und findet sich in dem außerkanonischen Traktat Avot de Rabbi Natan, einer Sammlung von Auslegungen zu biblischen Texten, die als Kommentar zum Mischna Traktat Avot gehalten ist. Die Ursprünge dieses in zwei Fassungen überlieferten Werkes liegen wohl im 2.-3. Jh. der Zeitrechnung, die heutige Gestalt stammt frühestens aus dem 6. Jh. 1 Ich folge hier der Version A.

Mischna Avot 1

Der Traktat Avot beginnt mit einer sehr bekannten Aussage:


משֶׁה קִבֵּל תּוֹרָה מִסִּנָי
וּמְסָרָהּ לִיהוֹשֻׁעַ
וִיהוֹשֻׁעַ לִזְקֵנִים
וּזְקֵנִים לִנְבִיאִים
וְנְבִיאִים מְסָרֻהָ לְאַנְשֵׁי כְנֶסֶת הַגְּדוֹלָה

»Mose empfing Tora vom Sinai
und er überlieferte sie dem Josua.
Und Josua den Ältesten
und die Ältesten den Propheten.
Und die Propheten überlieferten sie den Männern der großen Versammlung.«

הֵם אָמְרוּ שְׁלשָׁה דְבָרִים
הֱװּ מְתוּנִים בַּדִּין
וְהַעֲמִידוּ תַלְמִידִים הַרְבֵּה
וְעַשׂוּ סְיָג לַתּוֹרָה׃

»Sie sprachen drei Worte:
Seid langsam im Urteil
und stellt viele Schüler auf
und macht einen Zaun um die Tora.«

Der Kommentar von Rabbi Natan

Die Stelle zu unserer eigentlichen Frage setzt bei dem letzten Satz an und legt ihn aus:

ועשו סייג לתורה
ועשה סייג לדבריך
כדרך שעשה הקדוש ברוך הוא סייג לדבריו
ואדם הראשון עשה סייג לדבריו
תורה עשתה סייג לדבריה
משה עשה סייג לדבריו
ואף איוב ואף נביאים וחכמים כולם עשו סייג לדבריהם

»Und macht einen Zaun um die Tora.
Mach einen Zaun um deine Worte!
Auf dieselbe Weise, wie der Heilige – gepriesen sei er – einen Zaun um seine Worte gemacht hat.
Und der erste Mensch machte einen Zaun um seine Worte.
Die Tora machte einen Zaun um ihre Worte.
Mose machte einen Zaun um seine Worte.
Und auch Ijob und auch die Propheten und alle Weisen haben einen Zaun um ihre Worte gemacht.«

Der Zaun des ersten Menschen um seine Worte

Was bedeutet es, dass der erste Mensch (adam ha rischon) einen Zaun um seine Worte machte? Avot de Rabbi Natan erklärt das so:


איזהו סייג שעשה אדם הראשון לדבריו
הרי הוא אומר (בראשית ב) ויצו ה‘ אלוהים על האדם לאמר מכל עץ הגן אכול תאכל
ומעץ הדעת טוב ורע לא תאכל ממנו כי ביום אכלך ממנו מות תמות
לא רצה אדם הראשון לומר לחוה כדרך שאמר לו הקדוש ברוך הוא
אלא כך אמר לה ועשה סייג לדבריו יותר ממה שאמר לו הקדוש ברוך הוא
ומפרי העץ אשר בתוך הגן אמר אלוהים
לא תאכלו ממנו ולא תגעו בו פן תמותון
שרצה לשמור את עצמו ואת חוה מן העץ אפילו בנגיעה

»Was war der Zaun, den der erste Mensch um seine Worte machte?
Siehe, er sagt (Gen 2,16-17): Und es ordnete Gott, der HERR, für den Menschen an: Von jedem Baum des Gartens darfst Du jederzeit essen.
Aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: von ihm sollst Du nicht essen! Denn an dem Tag, an dem du von ihm isst, wirst du sicher sterben!
Der erste Mensch wollte nicht auf die Weise zu Eva sprechen, wie der Heilige, gepriesen sei er, zu ihm gesprochen hatte.
Sondern er sprach so zu ihr und machte einen Zaun um seine Worte, mehr als das, was zu ihm der Heilige, gepriesen sei er, gesprochen hat:
Aber von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens, spricht Gott:
Ihr sollt nicht von ihm essen und ihn nicht berühren, damit ihr nicht sterbt! (Gen 3,3)
Denn er wollte sich selbst und Eva vor dem Baum bewahren, selbst vor ihrer Berührung.«

Kommentar

Nach der Fassung der zweiten Schöpfungserzählung war Eva nicht dabei, als Gott Adam das Gebot gab, nicht vom Baum der Erkenntnis von gut und böse zu essen (Gen 2,16-17). Vom Verbot einer Berührung war aber in Gen 2 keine Rede. Aber genau dieses Gebot nennt Eva im Gespräch mit der Schlange in Gen 3,3. Woher hat sie diese falsche Information? Natürlich von Adam – der seine Frau unbedingt von dem Baum fernhalten wollte. In diesem menschlichen Zusatz zu dem göttlichen Gebot sah die bösartigen Schlange (nachasch ha rascha) ihre Chance.

Der Auftritt der bösartigen Schlange


באותה שעה היה נחש הרשע נטל עצה בלבו אמר
הואיל ואיני יכול להכשיל את האדם אלך ואכשיל את חוה
אם לנגיעה את אומרת ציווה עלינו הקדוש ברוך הוא
הריני נוגע בו ואיני מת אף את אם תגעי בו אי את מתה

»Zu derselben Stunde war da die bösartige Schlange, sie fasste einen Beschluss in ihrem Herzen. Sie sagte:
Kann es jetzt sein – ist es nun möglich, diese Menschen zur Sünde zu verleiten? Und sie brachte Eva zu Fall.
Sie ging und setzte sich zu ihrer Seite und begann ein großes Geflüster mit ihr. Sie sagte ihr:
Wenn durch die Berührung – du hast gesagt, verboten hat sie uns der Heilige, gepriesen sei er –
sieh doch, ich berühre ihn – und sterbe ich vielleicht? Auch du, wenn du ihn berühren wirst – stirbst du nicht.«

Mit Hand und Fuss

Hugo van der Goes: Sündenfall; Quelle: http://www.malerei-meisterwerke.de
Hugo van der Goes: Sündenfall; Quelle: http://www.malerei-meisterwerke.de

Was nun kommt, ist eine schöne Erklärung für ein Motiv, dass sich in der Kunstgeschichte häufiger findet: die Abbildung der Schlange im Garten als aufrecht stehendes Wesen mit Händen und Füssen. (Hier ein Gemälde von Hugo van der Goes; um 1435 – 1482)


מה עשה הנחש הרשע באותה שעה
עמד ונגע באילן בידיו וברגליו והרתיעו עד שנשרו פירותיו לארץ

»Was tat die bösartige Schlange zu derselben Stunde?
Sie stand auf und berührte den Baum mit ihren Händen und ihren Füssen und schüttelte ihn, bis seine Früchte auf den Boden fielen.«

Kommentar

Die Schlange demonstriert Eva, dass sie den Baum berührt, und nicht stirbt. Was Eva nicht weiss: die Berührung hatte Gott ja nicht verboten! Nach dieser Demonstration ist klar, wie es weitergehen muss.

Evas Zweifel und die Folgen


ושוב אמר לה אם לאכילה את אומר ציווה עלינו הקדוש ברוך הוא
הריני אוכל ממנו ואיני מת ואף את תאכלי ואי את מתה
מה אמרה חוה בדעתה כל הדברים שפקדני רבי מתחלה שקר הם
לפי שאין חוה קורא לאדם הראשון מתחלה אלא רבי
מיד נטלה ואכלה ונתנה לאדם ואכל
שנאמר (בראשית ג) ותרא האישה כי טוב העץ למאכל וכי תאוה הוא לעינים וגו

»Und weiter sagte sie (die Schlange) zu ihr: wenn durch das Essen – wie du gesagt hast, hat der Heilige, gepriesen sei er, es uns verboten –
Siehe, ich esse von ihm und sterbe ich vielleicht? Und auch Du wirst von ihm essen und wirst nicht sterben.
Was sagte Eva in ihren Gedanken: alle Dinge, die mir mein Lehrer von Anfang an anvertraut hat: eine Lüge sind sie!
Denn Eva nannte den ersten Menschen von Anfang an nicht anders als ‚mein Lehrer‘.
Sofort nahm sie (eine Frucht) und aß und sie gab (sie auch) dem Menschen und er aß.
Denn es heißt (in der Schrift) (Gen 3,6): Da sah die Frau, dass der Baum gut zum Essen war und dass er eine Lust für die Augen war usw.« (MÜ)

Fazit

Wir haben hier eine sehr schöne antike Auslegung, die nicht Eva, sondern Adam in der Verantwortung für die Vertreibung aus dem Garten Eden sieht – wegen seines menschlichen Zusatzes zu dem göttlichen Gebot.

Show 1 footnote

  1. vgl. Günther Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch8, S. 226 und James L. Kugel: Traditions of the Bible, S. 903

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