»Blut ist ein ganz besondrer Saft« II

Über die Bedeutung des Blutes habe ich bereits im Zusammenhang mit Lev 17,11+14 geschrieben. Bevor ich dazu weitergehe, hier noch eine wichtige Auslegung des Hieronymus, der sich gegen ein magisches Missverständnis des Blutes wehrt. Hieronymus macht mit seiner Auslegung deutlich, dass man sich vor einem dinghaften Verständnis der biblischen Aussagen zum Thema Blut lösen und deren symbolischen Charakter erkennen muss. Diesen Gedanken  entwickelt er in seinem Kommentar zu Zef 1,17+18:

Et ambulabunt ut caeci, quia lumen perdidere virtutum, et locum poenitentiae non habebunt: et haec patientur quia Domino peccaverunt. Si enim Dominus iustitia est, veritas, sanctitas, caeteraeque virtutes, quisquis iniuste fecit, et mentitus est, et scorta vitiaque sectatus est, Domino peccavit. Sed quod sequitur: Et effundetur sanguis eorum sicut humus, et corpora eorum sicut stercora boum, videtur absurdum, ut in resurrectione mortuorum, et in consummatione mundi atque iudicio, dicamus effundi sanguinem et corpora iacere quasi stercora. Igitur illud quod ad Noe dicitur: Et sanguinem animarum vestrarum requiram de manu omnium bestiarum, et de manu hominis, et de manu fratris requiram animam hominis, qui effuderit sanguinem hominis: pro sanguine eius effundetur sanguis illius [Genes. IX, 5, 6], et in resurrectione credere ridiculum est, et in vita haec stare non potest. Quanti enim effuderunt sanguinem, et sanguis eorum effusus non est? et alii occiderunt hominem veneno, vel suspendio, et tamen cum homo mortuus sit, non est sanguis effusus? Quomodo ergo Dominus est effusurus sanguinem eorum in talionem, cum ille qui occidit, sanguinem non effuderit? Sanguis igitur hominis τὸ ζωτικὸν αἶτος, id est, vitale, quo vegetatur, et sustentatur, et vivit, debet intelligi: quod qui effuderit, sive per scandalum, sive perversitate doctrinae, in die iudicii effundetur ab eo, id est, quod sibi videbatur habere vitale, cogetur amittere. (Commentarii, in Sophoniam, Caput I, 17, 70)

Und sie werden umhergehen wie Blinde, weil sie das Licht der Tugenden verloren haben, und keine Gelegenheit zur Busse haben werden. Und das werden sie erleiden, weil sie gegen den Herrn gesündigt haben. Denn wenn der Herr Gerechtigkeit ist, Wahrheit, Heiligkeit und die übrigen Tugenden, dann sündigt jeder, der unrecht handelt, oder ein Lügner ist oder Huren und Lastern nachjagt, gegen den Herrn. Aber das was folgt: Und ihr Blut wird ausgegossen werden wie Staub und ihre Körper wie der Mist der Rinder – erscheint sinnlos, wenn wir hinsichtlich der Auferstehung der Toten und dem Ende der Welt und dem Gericht davon sprechen, dass das Blut ausgegossen wird und die Körper wie Mist daliegen. Daher ist das, was zu Noah gesagt wird: das Blut eurer Leben werden ich einfordern aus der Hand aller Wildtiere und aus der Hand des Menschen, und aus der Hand des Bruders werde ich das Leben eines Menschen einfordern, der das Blut eines Menschen ausgegossen hat: für dessen Blut wird sein Blut ausgegossen werden (Gen 9, 5-6) lächerlich, wenn es auch im Hinblick auf die Auferstehung geglaubt wird; und in diesem Leben kann sie (die Auferstehung) nicht sein. Denn wie viele haben Blut ausgegossen, deren Blut dann nicht vergossen worden ist? Und andere, die einen Menschen durch Gift getötet haben, oder durch Erdrosseln – und dennoch – obwohl er tot ist, ist kein Blut vergossen worden. Wie wird also der Herr deren Blut zur Vergeltung ausgießen, wenn der, der getötet hat, gar kein Blut ausgegossen hat? Also ist das Blut des Menschen to zotikon aitos – die Ursache der Lebenskraft, wodurch Leben gespendet und aufrecht erhalten wird und wodurch der Mensch (überhaupt) lebt. Man muss also verstehen: Wer diese Lebenskraft ausgießt, sei es durch ein Ärgernis, oder durch die Verkehrtheit einer Lehre, von dem wird sie am Tag des Gerichtes wegfließen, das heißt: die Lebenskraft, die er – wie ihm schien – hatte, wird er gezwungen werden, wegzugeben.

Iuxta huiuscemodi sanguinem, et caro intelligitur, de qua et Isaias ait: Omnis caro, fenum [Isai. XL, 6]. Et in Genesi Dominus: Non permanebit spiritus meus in hominibus istis, quia caro sunt [Gen. VI, 3]. Et Apostolus, de utroque: Caro et sanguis regnum Dei possidere non poterunt: neque corruptio incorruptionem Dei haereditabit [I Cor. XV, 50]. In die ergo consummationis, vel generalis, vel specialis, omnis sanguis qui effusus est, clamabit ad Dominum, et apparebit in medio, et opera sanguinis atque terrena sicut pulvis iacebunt et stercora, et argentum et aurum divites de die irae non poterunt liberare, audiente eo, qui moritur: Stulte, hac nocte tolletur anima tua a te; quae autem parasti, cuius erunt [Luc. XII, 20]? Non quod negemus aurum et argentum divites liberare de morte: Redemptio enim viri animae, propriae divitiae [Prov. XIII, 8]; sed quod eo tempore liberare non possint, quando divitias necessitate dimittunt. Omnis enim terra et universa quae terrena sunt, zelo Domini devorabuntur. Et quod ait, zelo , intellige adhuc amantem Dominum. ( Caput I, 17, 70)

Wie das Blut ist auch das Fleisch zu verstehen, von dem Jesaja sagt: Alles Fleisch ist Heu (Jes 40,6). Und in Genesis (sagt) der Herr: Mein Geist wird nicht in diesen Menschen bleiben, weil sie Fleisch sind (Gen 6,3). Und der Apostel (sagt) über beide: Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht in Besitz nehmen: und das Vergänliche wird auch nicht die Unvergänglichkeit Gottes ererben (1 Kor 15,50). Daher wird am Tag der Vollendung, entweder der allgemeinen oder der besonderen, alles Blut, das ausgegossen worden ist, zum Herrn schreien und er wird in der Mitte erscheinen, und die Werke des Blutes und die irdischen (Werke) werden wie Staub und Mist daliegen und Silber und Gold können die Reichen nicht von dem Tag des Zornes freikaufen (Zef 1,18), wobei der Sterbende hört: Du Tor, diese Nacht wird dein Leben von Dir weggenommen! Das, was Du Dir erworben hast, wem wird es (dann) gehören? (Lk 12.20). Nicht, dass wir bestreiten (könnten), dass Gold und Silber die Reichen vom Tod loskaufen: Denn das Lösegeld für das Leben eines Mannes sind seine Reichtümer (Spr 13,8). Aber (es verhält sich so) dass sie zu dem Zeitpunkt nicht loskaufen können, zu dem sie notwendigerweise auf die Reichtümer verzichten müssen. Denn die ganze Erde und alles, was irdisch ist, wird vom Eifer Gottes verschlungen werden. Und das: vom Eifer (Zef 1,18), das sollst du als den liebenden Herrn verstehen.

(Hieronymus, Zefanja Kommentar zu Zef 1,17, 70=MPL XXV, 1355-1356; MÜ)

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