Die Häresie des Paulus

Am Ende der Apostelgeschichte spricht Paulus mit den »Ersten der Juden« (τῶν Ἰουδαίων πρώτους) von Rom (Apg 28,17) und erfährt, dass sie entgegen seiner Erwartung keine Vorabinformationen über ihn erhalten haben. Aber: sie fordern von ihm Auskunft, »denn von dieser haíresis ist uns bekannt, dass (ihr) überall widersprochen wird« (Apg 28,22). Was ist hier mit haíresis gemeint?

Deutschsprachige Lesende werden sofort an »Häresie« denken, und tatsächlich liest EÜ: »Denn von dieser Sekte ist uns bekannt, dass sie überall auf Widerspruch stößt«. Aber: Das ist falsch.

Herodot

Haíresis (αἵρεσις) kommt von dem Verb hairéō (αἱρέω) bzw. hairéomai (αἱρέομαι) – das nehmen bzw. an sich nehmen bedeutet. Die haíresis ist also ursprünglich die Einnahme oder Eroberung. In diesem Sinn heißt es bei Herodot (etwa 485-425 v. Chr.): »Nach der haíresis Babylons geschah der Kriegszug des Dareios gegen die Skythen.« (Historien, IV,1) 1 Offensichtlich ist das aber nicht die Bedeutung des Ausdrucks in Apg 28,22.

Thukydides

Die zweite Bedeutung hat etwas mit »ein Amt einnehmen« zu tun und bezeichnet daher die Vornahme einer Wahl in der Polis. In diesem Sinn heißt es bei Thukydides (etwa 454-396 v. Chr.), dass »man in der Demokratie eine ungünstige haíresis leichter hinnimmt, da man sich von den Gleichstehenden nicht zurückgesetzt fühlt.« (Der Peloponesische Krieg VIII, 89) 2 Auch das trifft nicht die Bedeutung von haíresis in Apg 28,22.

Diogenes Laertius

Eine weitere Bedeutung ergibt sich aus der Anschauung oder Überzeugung, die Menschen miteinander teilen. In seiner Übersicht über das Leben und die Ansichten bedeutender Philosophen listet Diogenes Laertius (3. Jh. v. Chr.) philosophische Schulen auf und bemerkt: »Denn wir sprechen dann von einer haíresis, wenn man bei der Behandlung der Phänomene der Vernunft folgt oder zu folgen scheint: Daher ist es einsichtig, wenn wir die Skeptiker eine haíresis nennen« (Proömium 21). 3

Flavius Josephus

Damit sind wir bei der eigentlichen neutestamentlichen Bedeutung angekommen, es geht um eine Schule bzw. eine Gemeinschaft, die eine Überzeugung oder eine Methode teilt. In diesem Sinn verwendet Flavius Josephus, ein Zeitgenosse des Lukas aus dem 1. Jh. den Begriff, um seinen gebildeten römischen Lesern die Religionsparteien seines Volkes nahe zu bringen. Josephus schreibt in den jüdischen Altertümern:

»Zu dieser Zeit gab es drei haíresis der Juden, die unterschiedliche Auffassungen über das menschliche Verhalten hatten: Eine wird die der Pharisäer, eine andere die der Sadduzäer und die Dritte die der Essener genannt« (Antiquitates, XIII,171). 4

Ich denke, dass Lukas in diesem Sinn in Apg 28,22 von einer Gruppierung innerhalb des damaligen Judentums spricht, die allerdings ständig in Auseinandersetzung mit anderen Gruppierungen lag. Der Ausdruck haíresis hatte damals sicher noch nicht den schlechten Beigeschmack, den er später – etwa zur Zeit des Irenäus von Lyon (circa 135 – 202 n. Chr.) – bekam.

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  1. μετὰ δὲ τὴν Βαβυλῶνος αἵρεσιν ἐγένετο ἐπὶ Σκύθας αὐτοῦ Δαρείου ἔλασις.
  2. ἐκ δὲ δημοκρατίας αἱρέσεως γιγνομένης ῥᾷον τὰ ἀποβαίνοντα ὡς οὐκ ἀπὸ τῶν ὁμοίων ἐλασσούμενός τις φέρει.
  3. αἵρεσιν μὲν γὰρ λέγομεν τὴν λόγῳ τινὶ κατὰ τὸ φαινόμενον ἀκολουθοῦσαν ἢ δοκοῦσαν ἀκολουθεῖν: καθ᾽ ὃ εὐλόγως ἂν αἵρεσιν τὴν Σκεπτικὴν καλοῖμεν.
  4. Κατὰ δὲ τὸν χρόνον τοῦτον τρεῖς αἱρέσεις τῶν Ἰουδαίων ἦσαν, αἳ περὶ τῶν ἀνθρωπίνων πραγμάτων διαφόρως ὑπελάμβανον, ὧν ἡ μὲν Φαρισαίων ἐλέγετο, ἡ δὲ Σαδδουκαίων, ἡ τρίτη δὲ Ἐσσηνῶν.

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