Gog und Magog II

Ambrosius hatte bei seinem gescheiterten Versuch, die biblischen Aussagen über Gog und Magog politisch zu deuten und daraus konkrete militärische Maßnahmen abzuleiten, viele Nachahmer. Hier ein paar Beispiele:

Dr. Martin Luther

In seiner Vorrede auf das 38. und 39. Kapitel des Propheten Ezechiel über Gog schreibt Luther (ich habe seine Worte an heutiges Deutsch angepasst): »Weil in der Offenbarung des heiligen Johannes im zwanzigsten Kapitel Gog beschrieben wird 1, wie er mit großem Heer, unzählbar wie Sand am Meer, wider die Christenheit streiten und endlich mit Feuer vom Himmel zerstört werden soll, welchen wir für den Türken halten, habe ich mir, weil ich hier so müßig sitze, vorgenommen, die zwei Kapitel Ezechiel, nämlich das 38. und 39. auch zu verdeutschen.« (Original: WA 30/II S. 223)

Zum historischen Hintergrund: Luther saß 1530 auf der Feste Coburg und stand, wie ganz Mitteleuropa unter dem Eindruck der Schlacht von Mohács, bei der 1526 die Osmanen die Ungarn vernichtend geschlagen hatten. Ihr Vordringen sollte erst 1683 mit der zweiten Wiener Türkenbelagerung seinen Wendepunkt erreichen. Also: Für Luther spricht die Bibel bei Gog und Magog von den Türken.

Ronald Reagan

1971 hielt der spätere US – Präsident Ronald Reagan, damals noch Gouverneur von Kalifornien, bei einem Dinner einer Rede: »Ezechiel sagt uns, dass Gog, also die Nation, die alle Kräfte der Finsternis gegen Israel anführen wird, aus dem Norden kommen wird. Bibelwissenschaftler sagen seit Generationen, dass Gog Russland sein muss. 2 Denn was für eine andere mächtige Nation gibt es nördlich von Israel? Keine! Aber das schien vor der russischen Revolution keinen Sinn zu ergeben, als Russland ein christliches Land war. Aber jetzt, wo Russland kommunistisch und atheistisch geworden ist, hat sich Russland selbst gegen Gott gestellt. Nun passt es perfekt in die Beschreibung Gogs.« (MÜ) 3

George W. Bush

2003 soll sich der damalige Amerikanische Präsident George W. Bush anlässlich der Irak Invasion auf Gog und Magog berufen haben, überliefert der Guardian. Demnach meinte Ezechiel mit Gog und Magog eigentlich Saddam Hussein und den Irak ….

Heute

Ein Aufruf von »Gog und Magog« in einer Suchmaschine fördert Erstaunliches zutage: eine Website mit dem verheißungsvollen Namen »Now the end beginns« kennt sich in der geografia sacra von Ez 38 bestens aus. Das ist sehr hilfreich, denn so weiß man in dem von Ezechiel vorhergesagten 3. Weltkrieg (sic!) wenigstens, wer die Feinde sind. Hier ihre Zuordnung:

»God gives us the lists the major nations that will attack Israel, and they are:
• Magog – this is modern day Russia
• Persia – this is modern day Iran
• Meshech and Tubal, Togarmah – this region is modern day Turkey
• Ethiopia – this is modern Ethiopia
• Libya – this is modern day Libya
• Gomer – this is modern day Germany.«

Fazit

Gerade den heutigen endzeitlich gestimmten Bibelerklärern dürfte unbekannt sein, wie alt ihr Auslegungsmodell zu Gog und Magog ist. Und weil sie nicht wissen, dass diese Art der Auslegung innerchristlich seit 1700 Jahren nicht funktioniert hat – das Modell an sich ist noch älter – machen sie munter damit weiter.

Show 3 footnotes

  1. Offb 20,8
  2. Das ist übrigens keine blosse Behauptung von Reaga: Niemand Geringener als Wilhelm Gesenius hat in seinem Hebräischen und Aramäischen Wörterbuch zum AT gesagt, das Rosch –  das Land, dessen Fürst Gog nach Ez 38,1 ist – unzweifelhaft Russland sei!  (Siehe hier S. DCCLII) In meiner jüngeren deutschen Ausgabe wurde diese Angabe entfernt.
  3. Meine Quelle ist zugegebenerweise etwas dubios, gibt aber einen seriös erscheinenden Literaturhinweis. Und: sie enthält eine Fülle ähnlicher Hinweise …

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