Gog und Magog I

Allen apokalyptisch Gestimmten dieser Erde sind Gog und Magog wohl vertraut: die Namen begegnen ausführlich in Ezechiel 38 und 39, und sie spielen eine Rolle in der Offenbarung des Johannes (Offb 20,8). Wer oder was könnte damit gemeint sein? Eine ganz konkrete Antwort ist durch den Kirchenvater Ambrosius († 397 n. Chr.) überliefert. Er hat sie in seinem dem Kaiser Gratian (359 – 383 n. Chr.) gewidmeten Buch über den Glauben niedergeschrieben, und lässt sich dabei zu sehr konkreten Aussagen hinreißen:

»Und ich darf dich, Imperator, nicht noch mehr abhalten, wenn du auf Krieg aus bist und auf Siegestrophäen von Barbaren zu sinnen. Rücke vor, vollständig beschützt von dem Schild des Glaubens und ergreife das Schwert des Geistes 1 Rücke vor zum Sieg, der in früheren Zeiten versprochen und von göttlichen Weissagungen prophezeit wurde!

Denn Ezechiel hat schon in früheren Zeiten unsere zukünftige Entvölkerung und die Kriege der Goten prophezeit: Deswegen prophezeie, Menschensohn, und sage: O Gog, dies sagt der Herr: Wirst du dich nicht an jenem Tag erheben, wenn mein Volk Israel angesiedelt ist, um in Frieden zu wohnen, und aus deinem Wohnsitz kommen, vom äußersten Norden: Und viele Völker mit dir, alle Reiter von Pferden, eine zahlreiche und große Schar und zahlreiche Streitkräfte? Erhebe dich zu meinem Volk Israel, um die Erde wie Wolken zu bedecken in den letzten Tagen usw. (Ez 38,14-16a)

Dieser Gog ist der Gote, den wir schon ins Feld ziehen gesehen haben, über den uns ein zukünftiger Sieg versprochen ist, wenn der Herr sagt: Und sie werden die ausplündern, die sie ausgeplündert hatten, und sie werden die berauben, die sich die Beute weggeschleppt hatten, spricht der Herr. Und es wird an jenem Tag geschehen, dass ich Gog – das bedeutet den Goteneinen Ort nennen und geben werde, ein Grabmal in Israel, vollgestopft mit zahlreichen Männern, die unvermutet über das Meer kamen: Und im Umkreis wird er mit Hilfe von Wällen 2 ein Eingang errichtet, Gog dort begraben, und seine ganze Schar und er wird Ge Polyandrum Gog 3 genannt werden und das Haus Israel wird sie begraben, damit die Erde gereinigt werde. (Ez 39,10b-12)

Kein Zweifel, heiliger Imperator, dass wir, die wir den Kampf gegen den fremden Unglauben auf uns genommen haben, die Hilfe des katholischen Glaubens, der in dir kräftig ist, erhalten werden. Denn offensichtlich ist die Ursache für die göttliche Ungnade schon vorher vorhanden gewesen: dass dort zuerst die Treue zum römischen Imperium gebrochen wurde, wo (schon die Treue) zu Gott (zerbrochen ist).« (MÜ; De fide ad Gratianum augustum libri quinque II,16, 136-139; MPL XVI 587-588)

Verdeutlichung

Für Ambrosius sind Gog und Magog die Goten der Völkerwanderung. Unter Berufung auf Ezechiel geht er sogar soweit, dem römischen Kaiser Gratian die völlige Vernichtung der Goten zuzusprechen. Wie hat sich diese Auslegung des Bischofs von Mailand bewahrheitet?

Nun, zu diesem von Ambrosius prophezeiten Sieg kam es nicht, stattdessen erlitt der oströmische Kaiser Valens 387 n. Chr. eine desaströse Niederlage gegen die Goten bei Adrianopel. Doch es kam noch schlimmer: Im Jahr 409 fragt Hieronymus ahnungsvoll in seinem Brief 123 an Ageruchias: Quid salvum est, si Roma perit? – Was ist noch sicher, wenn Rom zugrunde geht? Ein Jahr später war es soweit: Die Goten unter Alarich eroberten und plünderten Rom.

Da war die Formel des Ambrosius: Rom = katholische Christen ↔ seine Feinde = Ungläubige schon längst durch die Realität widerlegt. Orosius schildert, wie das römische Heer 402 bei Pollentia unter dem Kommando eines heidnischen Heerführers das gotische Heer am Ostersonntag angriff, obwohl die Goten aus religiösen Gründen (!) an diesem Tag einen Waffenstillstand einhielten. 4

Fazit

Mit seiner Deutung von Gog und Magog hatte sich Ambrosius gründlich geirrt. Doch das heißt nicht, dass dieses Deutungsmodell nicht wieder und wieder angewandt wurde und wird, immer mit dem gleichen Ergebnis. Dazu ein ander Mal mehr.

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  1. Vgl. Eph 6,16-17
  2. Ich werde noch begründen, warum ich hier vallus (Schanze, Wall) übersetze und nicht vallis (Tal)
  3. Das ist eine Umschrift des griechischen Septuagintatextes: τὸ γαι τὸ πολυάνδριον τοῦ γωγ – »das Tal der zahlreichen Männer Gogs«. Dabei ist zu beachten, dass schon die LXX ihrerseits das hebräische Wort für Tal – גַּיְא – als γαι nachbildet.
  4. Diesen Hinweis verdanke ich Walter Pohl: Die Völkerwanderung S. 55

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