Die große und die kleine Masora

Masoretische Beobachtungen V

Allgemein bekannt ist, dass die Masoreten das Konsonantenkontinuum der hebräischen Bibel vokalisierten – aber das ist bei weitem noch nicht alles. Eine geradezu staunenswerte Leistung ist die große und die kleine Masora, die ich im Folgenden vorstellen möchte. Ich zeige hier die erste Seite des Ezechielbuches in der Handschrift des Codex Leningradensis. Sie brauchen kein Hebräisch oder Aramäisch zu können, um zu verstehen, was ich Ihnen demonstrieren will.

Beginn des Buches Ezechiel im Codex Leningradensis
Beginn des Buches Ezechiel im Codex Leningradensis

Deutlich zu erkennen sind die drei Spalten, in denen der vokalisierte hebräische Text geschrieben wurde. Aber da gibt es noch erheblich mehr Informationen:

Die kleine Masora
Die kleine Masora

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben den Spalten steht eine Fülle von Anmerkungen, die oft nur aus einzelnen Buchstaben bestehen, man nennt sie – ja nach Sprachvorliebe – kleine Masora (dt.) – masora parva (lat.) – masora ketana (hebr.).

Die große Masora
Die große Masora

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oberhalb und unterhalb der Textspalten stehen ausführlichere Anmerkungen, die man als große Masora (dt.) – masora magna (lat.) – masora gedola (hebr.) bezeichnet.

Schlußmasora
Schlußmasora

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Beginn des Buches Ezechiel in der mittleren Spalte steht die sogenannte Schlußmasora des Buches Jeremia – lateinisch masora finalis genannt.

Wozu soll dieses System gut sein?

Ich demonstriere das einmal an Hand des Verses Ez 9,4a – verwende aber aus Gründen der besseren Lesbarkeit die Druckweise von Bibletime mit von mir eingetragenen Ergänzungen der BHS. 1 Hier einmal die erste Hälfte des Ezechiel-Verses:

Ez 9,4a in Hebräisch
Ez 9,4a in Hebräisch

Auffällig sind die insgesamt 4 Kreise (Circellus) über dem hebräischen Text. Zu jedem dieser Kreise gibt die kleine Masora neben der Spalte Hinweise. In der BHS sieht das dann so aus:

Die kleine Masora zu Ez 9,4a
Die kleine Masora zu Ez 9,4a

Zu beachten ist: Alle Angaben, inklusive Zahlen erfolgen hier in hebräischer Schrift. Die beiden arabischen Zahlen enthalten jeweils Verweise auf die große Masora. Was bedeuten diese seltsamen Kürzel?

 

Die Masora sagt zu diesem Halbvers:

Sechs Mal in der hebräischen Bibel beginnt ein Satz mit den Worten: »Da sprach JHWH zu ihm«; die große Masora gibt die entsprechenden Stellen an: Es handelt sich um die Verse Ex 4,11; Dtn 34,4; 1 Kön 9,3; 1 Kön 19,15; Ez 9,4 und Hos 1,4.

Danach schlägt die kleine Masora eine Verbesserung der Schreibweise des Ausdrucks »zu ihm« vor; statt des Geschriebenen, das nicht verändert werden darf (hebr. ketib) sei das Wort um einen Buchstaben ergänzt zu lesen (hebr. kere). Die kleine Masora fügt hinzu: Dies sei eine von drei entsprechenden Stellen in der Bibel, die so geschrieben wurde, gibt die anderen beiden aber nicht an.

Der nächste Eintrag verrät uns, dass es in der Bibel insgesamt zwei Verse gibt, in denen der Ausdruck »mitten durch« zweimal innerhalb eines Satzes vorkommt, und die große Masora gibt diese Verse auch an: Es handelt sich um Ri 12,4 und eben um den Vers in Ez 9,4.

Die letzte Angabe bezieht sich auf das Tav- Zeichen (dazu ein andermal mehr) und hält fest: Dieser Ausdruck kommt überhaupt nur einmal in der hebräischen Bibel vor.

Fazit

Ich hoffe, dass sie eine Ahnung von der ungeheuren Leistung der Masoreten bekommen haben …

Fortsetzung

Show 1 footnote

  1. Die BHS hat dankenswerter Weise die kleine Masora im Schriftbild und verweist am Seitenende auf die entsprechenden Einträge der großen Masora, die aus praktischen Gründen in einem eigenen Band gesammelt wurden. Sie finden den Vers in der BHS auf S. 908, 5. Zeile von unten.

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