Wer hat den Codex Leningradensis geschrieben?

Masoretische Beobachtungen IV

Zu dieser Frage gibt der Codex einige sachdienliche Hinweise, die ich hier wiedergeben möchte. Im Codex, dessen digitale Fassung archive.org zur Verfügung stellt, gibt die erste in hebräischer Schrift geschriebene Seite folgende Anhaltspunkte (sie entspricht Seite 6 in der Datei – Zeilenwechsel werden durch | markiert):

Epigraph des Codex Leningradensis
Epigraph des Codex Leningradensis

 Der Auftraggeber

»Dieser ganze Bibelcodex ist geschrieben mit Punktation und Masora und sorgfältig korrigiert in Medinath Mizrajim. 1 | Vollendet wurde er im Monat Siwan des Jahres 4770 der Schöpfung. 2 | Das ist im Jahr 1444 nach der Verbannung des Königs Jehojachin, 3 das ist im Jahre | (1)319 der griechischen Herrschaft (das ist die Ära der Seleuziden) und des Aufhörens der Prophetie. 4 | Das ist im Jahr 942 nach der Zerstörung des zweiten Tempels, 5 das ist im Jahr 399 | der Herrschaft des kleinen Hornes 6: Dessen ward gewürdigt 7 Meborach Ben Joseph Ben Nathanael, | mit dem Beinamen Ben Osdad, ein Priester.« (Übersetzung: nach Harkavy/Strack, in diesem Werk S. 265)

Der Schreiber

Kolophon des Codex Leningradensis
Kolophon des Codex Leningradensis

Am Ende des Codex findet sich auf Folio 479a folgendes kunstvoll gestaltete Kolophon, das in seiner Mitte folgende Inschrift enthält 8:

»Samuel Ben Jakob schrieb, punktierte und versah mit Masorah diesen Codex der Heiligen Schriften von den korrigierten und kommentierten Büchern, die Aaron Ben Mose ben Ascher der Lehrer bereitet hat, möge er im Garten Eden ruhen! Er wurde korrigiert und sorgfältig kommentiert.« (Ü: nach Ernst Würthwein)

Fazit

Der Codex Leningradensis wurde wohl im Sommer des Jahres 1008 von Samuel Ben Jakob in Kairo im Auftrag des Priesters Meborach Ben Joseph Ben Nathanael vollendet.

Fortsetzung

 

Show 8 footnotes

  1. damit ist wohl Kairo gemeint, der Ausdruck bedeutet „Hauptstadt Ägyptens“
  2. das entspricht dem Jahr 1010 der christlichen Zeitrechnung
  3. das entspricht dem Jahr 1008 der christlichen Zeitrechung
  4. ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was hier gemeint ist OA
  5. entspricht dem Jahr 1008 n. Chr.
  6. die Aussage bezieht sich auf Dan 8,9 und ist auf den Islam gemünzt: es handelt sich also um das Jahr 399 islamischer Zeitrechnung, das wäre das Jahr 1009 CE
  7. Das bedeutet: dieser Codex wurde erworben oder in Auftrag gegeben von
  8. der Text ist hier auf S. 269 abgedruckt

2 Gedanken zu „Wer hat den Codex Leningradensis geschrieben?“

  1. Abenteuerlich ist ja auch die Auffindung der Handschrift. Abraham Firkowitsch, ein Karäer von der Halbinsel Krim, war etwas übel beleumdet wegen der Fälschungen, die er an Daten von Grabsteinen und in hebräischen Handschriften im Bestreben gemacht hat, nachzuweisen, dass die Karäer viel länger auf der Krim wohnhaft gewesen seien, als man zuvor angenommen hatte, und dass sie eine grössere Bedeutung gehabt hätten, als ihnen zuerkannt war. Immerhin hat Firkowitsch das Verdienst, die grösste Sammlung hebräischer Handschriften zusammengebracht zu haben, die es gibt. Die erste Sammlung wurde durch ihn an die Öffentliche Bibliothek in St. Petersburg verkauft, die zweite von der Bibliothek 1876 erworben, also nicht lange nach seinem Ableben am 26.5.1874. Zur letzteren gehören 1582 Pergamenthandschriften und 725 Papierhandschriften, ausserdem Pergament- und Lederrollen, fast 5000 hebräische und über 1000 arabische Handschriften. Firkowitsch war bekannt dafür, alte Synagogen und Genisas (auch diejenige in Kairo) auszuplündern. Er hat dies auch in Nablus zum Ärger des damaligen Hohepriesters der Samaritaner gemacht, was aber immerhin dazu führte, dass die Bibliothek in St. Petersburg heute die wohl grösste Sammlung samaritanischer Handschriften in Europa besitzt.

    Es muss schon ein beglückendes Gefühl sein, die Originalhandschrift einsehen zu können, wie das ein befreundeter russischer Hebraist unlängst wieder konnte. Das ist auch insofern wichtig, als sich auch in der neuesten Ausgabe der BHS noch wenige Fehler eingeschlichen haben. So sind, wie ich mich selbst aufgrund von Fotos vergewissern konnte, einzelne Punkte im gedruckten Text gar keine Punkte, sondern Verfärbungen des Papiers, was aber bei den alten Mikrofilmaufnahmen nicht auffällt.

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