Die Tora in der Einheitsübersetzung

Am heutigen Sonntag sieht die Leseordnung meiner katholischen Kirche Neh 8, 2-4a.5-6.8-10 als erste Lesung vor. Und wieder einmal bin ich mit der Übersetzung nicht wirklich zufrieden. Meine Unzufriedenheit beginnt mit dem ersten Satz, den das Lektionar so wiedergibt: »In jenen Tagen brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung«. Die hebräische Bibel ist das viel spezifischer: Es ist der erste Tag des siebten Monats (vgl. Lev 23,24; Num 29,1 ff.), auf den am zehnten Tag dieses Monats der große Versöhnungstag (Lev 23,27) und am fünfzehnten Tag der Beginn des Laubhüttenfestes folgt. Wie auch immer, es ist einzusehen, dass die Kenntnis des Festkalenders der Tora bei Katholiken und Katholikinnen nicht vorausgesetzt werden kann, aber damit fällt ein wichtiger Bezugspunkt der Lesung einfach unter den Ambo.

Mehr stört mich die Übersetzung von »Tora« mit »Gesetz«. Insgesamt sechs mal bringt das Lektionar diesen Begriff in der heutigen Lesung, für den im Hebräischen jedes Mal das Wort »Tora« steht. Aber die Tora ist mehr als ein Gesetz.

Dazu kommt, dass der gleiche Ausdruck in Spr 6,20 von EÜ als »Lehre« übersetzt wird (das Hebräische spricht hier von der »Tora deiner Mutter«). In Psalm 1,2 übersetzt sie Tora mit »Weisung«. In Jos 1,7 übersetzt sie den Ausdruck erst mit »Weisung«, um ihn gleich im nächsten Vers als »Gesetz« zu verdeutschen.

Warum bleibt die Einheitsübersetzung nicht einfach bei »Weisung« – richtigerweise wird so konsequent der Ausdruck Tora im großen Lobpsalm 119 über die Tora übersetzt. So entsteht wieder einmal der Eindruck einer übersetzerischen Inkonsistenz.

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