Hörend nicht hören?

Zu einer Besonderheit der hebräischen Sprache gehört die Verdoppelung eines Verbes, um eine Aussage zu betonen. Dieses Sprachspiel kann eigentlich nicht sinnvoll wörtlich übersetzt werden, aber genau das passiert laufend in der LXX – mit Auswirkungen tief in das Neue Testament hinein.

Gen 2,16-17

Zuerst einmal die Theorie. Ich beginne mit einem bekannten Beispiel: Gottes Verbot an Adam, vom Baum der Erkenntnis von gut und böse zu essen. In Gen 2,16 heißt es: »Da befahl der HERR Gott dem Adam: Von jedem Baum des Gartens darfst Du jederzeit essen« (MÜ) 1. Dieses »du darfst jederzeit essen« klingt auf Hebräisch so: āchōl tōchēl. Diese Kombination aus Infinitivus absolutus und Imperfekt würde wörtlich übersetzt auf Deutsch etwa so lauten: »Essend wirst du essen« – was den eigentlich gemeinten Sinn nicht wirklich wiedergibt.

Die gleiche Verdoppelung geschieht dann wieder im nächsten Vers: » Aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: Nicht sollst du essen von ihm. Denn am Tag, an dem du isst von ihm wirst du sicher sterben« (Gen 2,17 MÜ). Dieses »wirst du sicher sterben« (hebr. mōt tāmūt) beruht auch hier auf der Kombination aus Infinitivus absolutus und Imperfekt. Wörtlich übersetzt: »Sterbend wirst du sterben.«

Deutlich erkennbar ist diese in unseren Ohren merkwürdige Konstruktion an der Übersetzung der Septuaginta. Sie liest in Gen 2,17: »An dem Tag aber, an dem ihr von ihm esst, werdet ihr des Todes sterben« (LXX deutsch). Und damit komme ich zum eigentlichen Zieltext dieses Beitrags, der Verstockungsansage in Jes 6,9-10. Hier zunächst die Übersetzung:

Jes 6,9-10

»Und er sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volke: Höret nur immer und sehet nicht ein und sehet nur immer und erkennet nicht. Verstockt bleibe das Herz dieses Volkes, und seine Ohren schwer und seine Augen stumpf, dass es nicht sehe mit seinen Augen und höre mit seinen Ohren, und sein Herz erkenne und es wieder genese.« (Jes 6,9-10, Ü: Zunz)

Was Zunz hier mit »sehet nur immer« und »höret nur immer« übersetzt 2 hat im Hebräischen wieder diese Verdopplung mit Infinitivus absolutus. Die Septuaginta macht daraus: »Mit dem Gehör werdet ihr hören und doch gewiss nicht verstehen, und schauend werdet ihr schauen und doch gewiss nicht sehen« (LXX deutsch).

Diese etwas sklavische Übersetzung der LXX findet sich im NT wieder. Bevor Jesus im Markus Evangelium den Jüngern das Gleichnis vom Sämann entschlüsselt (Mk 4,13-20), lesen wir folgende Aussage: »Euch ist das Geheimnis des Königtums Gottes gegeben, jenen aber, denen draußen, geschieht alles in Gleichnissen, damit Sehende sehen und nicht schauen und Hörende hören und nicht verstehen, damit sie nicht etwa umkehren und ihnen erlassen werde.« (Mk 4,11-12; Ü: MNT)

Auslegung

Ob gut übersetzt oder nicht – was könnte der Sinn dieser Verstockungsaussagen sein? Wieso sendet Gott einen Propheten aus und sagt ihm dabei gleichzeitig, dass seine Worte nicht gehört werden? Oder was bringt es, wenn Jesus Gleichnisse erzählt, wohl wissend, dass ihre Hörer sie gar nicht verstehen können?

Heutige Exegeten haben eine für mich plausible Erklärung gefunden. In beiden Aussagen – also sowohl bei Jesaja als auch in dessen Wiederaufnahme bei Markus – geht es nicht um eine Vorhersage für die Zukunft, sondern um eine theologische Deutung von Vergangenem.

Warum konnte ein Prophet wie Jesaja den Untergang Jerusalems nicht verhindern? Diese Frage beantwortet die Verstockungsansage. Der Alttestamentler Konrad Schmid drückt das so aus: »Die Ablehnung der Gerichtsprophetie durch ihre Hörer wird bereits als von Anfang an so intendiert gedeutet. Dadurch wird deutlich, dass die Prophetenbücher schon in der Antike nicht pädagogisch, sondern geschichtstheologisch verstanden wurden: Sie dienen nicht primär dazu, besseres Verhalten zu motivieren, sondern die eigene Unheilsgeschichte zu verstehen.« (Zitiert nach Gertz: Grundinformation Altes Testament)

Das Gleiche gilt für die Markus-Passage: Die Wiederaufnahme der Verstockungsaussage von Jesaja »spiegelt nur die Ablehnung Jesu durch seine Zeitgenossen wieder. Das Zitat aus Jes 6,9f. (…) erklärt jene Zurückweisung als Unverständnis, das von Gott vorgesehen ist.« (Pokorný /Heckel: Einleitung in das Neue Testament). In diesem Sinn hat übrigens auch Paulus diesen Text verstanden (vgl. Röm 11,7f.).

Fazit: Trotz einer fragwürdigen Übersetzung durch die LXX hat sich der ursprüngliche Sinn des hebräischen Wortlautes erhalten …

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  1. Gesenius interpretiert die Form ebenfalls als Potentialis und übersetzt: »du darfst essen« (vgl. S. 283, § 187 d)
  2. vgl. Gesenius S. 291, § 131,3,b

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