Können Engel Sex haben? II

Im letzten Beitrag wurde die Frage nur gestellt – jetzt soll sie beantwortet werden :-).

Ich beginne mit Johannes Chrysostomos ( 407). In seiner 22. Predigt über das Buch Genesis beruft sich Johannes auf das Jesus Wort in Mk 12,25: »Denn wann sie aus den Toten aufstehen: weder heiraten sie, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie die Engel im Himmel« (Mk 12,25 Ü: Münchner Neues Testament; vgl. Mt 22,30 und Lk 20,35-36). Der Kirchenvater folgert daraus: »Denn es ist nicht möglich, dass die unkörperliche Natur jemals eine solche Begierde empfindet. An so etwas auch nur zu denken würde in jedem Fall bedeuten, etwas total Absurdes in die Überlegung einzuführen.“ (MPG LIII, 188 MÜ) Daher deutet Chrysostomos die »Söhne Gottes« in Gen 6,1-4 konsequent als Menschen; dabei beruft er sich auf Gen 4,25-26. Dort heißt es nach der Ermordung Abels durch Kain:

»Und Adam erkannte sein Weib abermals; die gebar einen Sohn und nannte ihn Seth; denn Gott hat mir für Abel einen andern Samen gesetzt, weil Kain ihn umgebracht hat. Und auch dem Seth ward ein Sohn geboren, den hieß er Enosch. Damals fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.« (Schlachter)

Aus dem Umstand, dass die Nachfahren Seths des Namen des HERRN anriefen, folgerte Chrysostomos, dass sie es waren, die mit den »Söhnen Gottes« gemeint seien. Diese Menschen hätten sich dann mit den Töchtern Kains eingelassen (vgl. Gen 4,17-24). Mit den Worten des Chrysostomos:

»Vorher haben wir euch gelehrt, dass es Art der Schrift ist, Menschen Söhne Gottes zu nennen. Und weil diese von Seth ihren Ursprung herleiten, und von seinem Sohn, der Enosch genannt wird; es heißt nämlich: Dieser hoffte darauf, den Namen Gottes des Herrn anzurufen (Gen 4,26 LXX). Die nach ihm geboren sind, werden in den göttlichen Schriften Söhne Gottes genannt, solange sie die Tugend der Vorfahren nachahmten; aber die Söhne des Kain und die von ihm geboren sind und die vor Seth gezeugt wurden [vgl. Gen 4,17.24], die nennt sie Söhne der Menschen. Und es geschah, als die Menschen anfingen, zahlreich zu werden auf der Erde, dass ihnen Töchter geboren wurden. Als aber die Söhne Gottes sahen – die von Seth und von Enosch abstammen – die Töchter der Menschen – die von jenen geboren wurden, von denen gesagt wird dass ihnen Töchter geboren wurden [und] dass ihre Töchter schön sind.« (MPG LIII, 190 MÜ)

Bemerkenswert finde ich nicht nur die klare Distanzierung des Patriarchen von Konstantinopel von der Vorstellung eines sexuellen Verkehrs von Engeln mit Frauen, sondern dass diese christliche Deutung von einem großen rabbinischen Gelehrten des Mittelalters als mögliche Auslegung übernommen wurde.

Rabbi Abraham Ben Meir Ibn Ezra (1089-1164) diskutiert in seinem Kommentar zu Gen 6,1-4 vier verschiedene mögliche Bedeutungen des Ausdrucks »Söhne Gottes«. 1: die traditionelle Sicht – sie waren »Söhne der Mächtigen«. 2: Sie waren heilige Männer im Sinn von Dtn 14,1. 3: hier referiert Ibn Ezra die Deutung, die Chrysostomos vorgetragen hat. 4: Raba [so sein hebräisches Akronym] vermutet bei den genannten besondere astrologische Kenntnisse. (Zitiert nach Bernard J. Bamberger S. 150)

Mit anderen Worten: nicht nur die Kirchenväter griffen alte jüdische Deutungen auf, auch die Rabbinen konnten Anregungen der Kirchenväter übernehmen …

PS: Antwort auf die Ausgangsfrage: Nein, Engel haben keinen Sex … 

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