Wer war die biblische Maria Magdalena?

Ich habe in den letzten vier Beiträgen versucht, die völlige Ablösung der gängigen Maria Magdalena Bilder von ihrem biblischen Ursprung nachzuzeichnen. Abschließend möchte ich der Frage nachgehen: wer war denn nun – nach exegetischen Kriterien – die Frau aus Magdala?

1. Maria aus Magdala gehörte von Anfang an zum engen Nachfolgekreis um Jesus, dessen Bewegung sie finanziell unterstütze (Lk 8,1-4; Mk 15,40-41).
2. Sie hat dort vor- und nachösterlich eine wichtige Rolle gespielt, denn alle synoptischen Frauenlisten nennen sie an erster Stelle; in der Aufzählung der johanneischen Tradition ist sie die einzige Frau, die nicht zur Familie Jesu gehört (Joh 19,25).
3. Ihre Bedeutung in der Urgemeinde dürfte auch in der ihr früh widerfahrenen Erscheinung des Auferstandenen liegen (Mk 16,9-11; Joh 20,11-18; Mt 28,1+9).

In der Forschung wird sogar diskutiert, ob Maria aus Magdala oder Petrus erste Zeugin oder erster Zeuge einer Ostererscheinung wurde (=Protophanie). Gerd Theißen und Annette Merz führen dazu aus: »Es ist wahrscheinlicher, dass eine ursprüngliche Tradition von einer Protophanie vor Maria Magdalena unterdrückt wurde, als dass sie erst nachträglich entstanden wäre.« (§ 15 2.5.2)

4. Auf Grund der biblischen Erzählungen wurden Maria und die Frauen am Grab zu Recht Apostelinnen der Apostel genannt.

Wer war Maria nicht?

1. Maria aus Magdala ist nicht identisch mit Maria aus Betanien (Joh 11,1). Sie ist daher auch nicht die Schwester des johanneischen Lazarus. (Joh 12,1)
2. Maria Magdalena ist nicht identisch mit der anonymen Sünderin aus Lk 7,37-50. Und nirgendwo sagt das Neue Testament, dass diese Sünderin eine Prostituierte gewesen sei.
3. Das Neue Testament gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Jesus und Maria Magdalena ein Paar gewesen sein sollen.
4. Maria Magdalena beschloss ihr Leben nicht als Büsserin und missionierte auch nicht in Südfrankreich, wie die spätere Legende erfindet.
5. Die Legendenbildung in der lateinischen Tradition hat letztendlich aus der wohl bedeutendsten Frau der Urgemeinde eine Projektionsfläche sexistischer Phantasien gemacht, während die orthodoxe Ostkirche diese Legenden schlichtweg nicht kennt, sondern am 22. Juli das Fest der »apostelgleichen« Maria von Magdalena feiert1.

Nachtrag: Am 3. Juni 2016 hat Papst Franziskus mit seinem Dekret »Apostola Apostolorum« angeordnet, Maria aus Magdala im Heiligenkalender den Aposteln gleichzustellen. Quod erat demonstrandum.

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  1. Diesen Hinweis verdanke ich Elmar Mitterstieler, S. 106.

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