Wo ist die Bibelauslegung zu Hause – im Kloster oder im Lehrhaus?

Hier die Vorstellung einer Auslegungsfigur in zwei Varianten: es geht um den Patriarchen Jakob, den Zwillingsbruder Esaus. Die Tora spricht in einem Halbsatz über sein Aufwachsen – und die alten Ausleger zogen aus einem Wort dieses Satzes weitreichende Schlüsse. »Und die Knaben wuchsen, und es ward Esau ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes, aber Jakob ein schlichter Mann, wohnend in Zelten« (Gen 25,27, Zunz). Offensichtlich rief die Formulierung »in Zelten« durch ihre Pluralform Fragen auf – wieso lebte Jakob in Zelten, und nicht nur in einem Zelt? Ausgehend von der Vorraussetzung, dass die Tora keine überflüssigen Worte enthält und alles eine Bedeutung hat, wurde nach einer Erklärung für diese Zelte gesucht.

Eine der ältesten Versuche hat sich im Targum Onkelos erhalten – also einer sehr frühen Übersetzung des hebräischen Textes ins Aramäische. Onkelos hat statt »wohnend in Zelten« diese Formulierung: »besuchend das Lehrhaus« (beit ‚ulǝfānā). Mit diesem Lehrhaus ist eindeutig eine Toraschule gemeint.

Noch weiter geht der Midrasch Bereschit Rabba, wenn er die Aussage »wohnend in Zelten« so auslegt: »[das bedeutet] zwei Zelte, [nämlich das] Lehrhaus von Sem und das Lehrhaus von Eber« (Bereschit Rabba LXIII). Vom Noah-Sohn Sem sagt Gen 9,27, dass er auch »in Zelten« wohnte; Eber ist ein Nachfahre Sems (vgl. Gen10,25).

Mit dem offensichtlichen Anachronismus, dass es vor der Gabe der Tora bereits Lehrhäuser gab, in denen sie unterrichtet wurde, hatten die antiken Ausleger keine Schwierigkeiten; ihrer Meinung nach hielt ja auch Abraham bereits die ganze Tora.

Die gleiche Vorstellung und Auslegung hat auch in der christlichen Tradition ihren Niederschlag gefunden. Hier wurde allerdings die Septuaginta zugrunde gelegt, und die übersetzt Gen 25,27 so: »Die Knaben aber wuchsen heran und Esau war ein Mann, der sich auf das Jagen verstand, er lebte auf dem Feld, Jakob aber war ein Mann ohne Einbildung, er bewohnte ein Haus.« (Ü: Septuaginta Deutsch) Aus den Zelten wird hier ein Haus, und dieses Haus ist für Athanasius († 373) ganz eindeutig der Typos eines christlichen Klosters – in diesem Sinne zitiert er Gen 25,27 im ersten Kapitel seiner Lebensbeschreibung des Mönchsvaters Antonius.

Die hebräische Auslegungstradition mit der Erklärung der Zelte als Lehrhaus war auch Hieronymus bekannt, der sie allerdings gegen ihre Urheber gedeutet haben wollte. In seinen »Buch der hebräischen Untersuchungen über die Genesis« schreibt er zu Gen 9,27: »Ausbreiten möge Gott Jafet, und er soll in Sems Zelten wohnen.  Von Sem stammen die Hebräer ab, von Jafet das Volk der Heiden. Da sich also die Menge der Gläubigen ausgebreitet hatte, erhielt die Ausbreitung ihren Namen von der Ausbreitung, die Jafet heißt [im Hebräischen steht ein Wortspiel: jafǝtt ælohim lǝjæfæt – weit soll machen Gott den Jafet]. Dass er aber sagt: »und er soll in Sems Zelten wohnen« – das wird über uns [die Christen] prophezeit, die wir uns nach der Vertreibung Israels mit Lernen und Kenntnis der Schriften beschäftigen.« (MPL XXIII 998 f. MÜ)

Im Targum (Pseudo) Jonathan hatte das noch ganz anders geklungen: »Der Herr wird die Grenze Jafets zieren, und Proselyten werden seine Söhne werden und sie wohnen in der Schule Sems« (Ü. Laurenz Reinke). Hier treten also die Christen nicht an die Stelle Israels, sondern die Heiden werden sich dem Volk Israel anschliessen.

Wie zentral die Frage nach dem eigentlichen Ort der Schriftauslegung bzw. ihrem Heimatrecht für die Kirchenväter gewesen sein muss, ist daran zu erkennen, das folgende Autoren sich ebenfalls im Sinn des Hieronymus mit Gen 9,27 auseinandergesetzt haben:

Justin der Märtyrer († um 168): Dialog mit dem Juden Trypho Nr. 139
Origenes: Homilien zum Buch Josua 3,4
Augustinus in seinem Buch gegen den Manichäer Faustus (XII,24)
Johannes Chrysostomos: 29. Homilie zum Buch Genesis

Offensichtlich wurde die Existenz einer jüdischen Schriftauslegung als Bedrohung wahrgenommen, obwohl bereitwillig mit den von ihr zur Verfügung gestellten Auslegungstechniken gearbeitet wurde.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.