Wo wurde Adam begraben?

Eine merkwürdige Frage, die ich mir so nie gestellt habe – aber jetzt hat die Vulgata mich dazu gebracht. In dieser Übersetzung des Hieronymus – und nur dort – wird Hebron als der Ort der Grablege Adams angegeben, und zwar in Jos 14,15. Weder der masoretische Text, noch die Septuaginta geben das her. Wie kommt also Hieronymus zu seiner Übersetzung?

Die Antwort ist wieder einmal: durch eine alte jüdische Tradition. Doch hier zunächst der Text von Jos 14,15 bei Hieronymus: nomen Hebron antea vocabatur Cariatharbe Adam maximus ibi inter Enacim situs est et terra cessavit a proeliis. Meine Übersetzung: »Hebron wurde vorher Cariatharbe genannt. Adam, der größte unter den Enakitern ist dort begraben. Und das Land ruhte von den Kriegen.«

Der Namen der Stadt, die Hieronymus als Cariatharbe wiedergibt, lautet auf Hebräisch Kirjath Arba und wird auch in Gen 23,2 genannt: »Sie [= Sara] starb in Kirjat-Arba, das jetzt Hebron heißt, in Kanaan.« (EÜ) Die Rabbinen deuteten diesen Namen als »Stadt der Vier«, was von den Konsonanten her grundsätzlich möglich ist. Im Midrasch Bereschit Rabba heißt es daher zu Kirjath Arba: »Oder der Ort hieß so, weil daselbst die vier gerechten Väter der Welt begraben lagen, nämlich Adam, Abraham, Jichzak und Jacob; oder weil daselbst die vier Mütter begraben lagen, nämlich Eva, Sara, Rebecca und Lea.« (Übersetzung August Wünsche)

Frappierend ist die Übereinstimmung dieser rabbinischen Auslegung mit dem, was Hieronymus in  seinem Liber Hebraicarum Quaestionum in Genesim ausführt: er wirft der Lesart der LXX vor verdorben zu sein und meint zum Namen der Stadt: »das bedeutet ‚Vier‘, weil dort Abraham, Isaak und Jakob begraben sind: und ebenfalls Adam, der Erste des Menschengeschlechts, wie es im Buch Josua ganz offenkundig gezeigt werden wird.« (meine Übersetzung, vgl. hier S. 1022)

Diese Tradition ist auch im Talmud (bErubin 53a) und in Pirque de Rabbi Eliezer (c. XX) bezeugt. Hieronymus war sie offensichtlich so wichtig, dass er sie nicht nur in seine Übersetzung von Jos 14,15 eintrug, sondern damit auch dezidiert eine bis heute wahrnehmbare konkurrierende christliche Deutung ablehnte, die das Grab Adams auf Golgotha verortete. In der Schatzhöhle, einem Werk, das seine heutige Gestalt wohl erst im Mittalalter gewonnen hat, aber deutlich älteres Material verabeitet, wird das Kreuz Jesu über dem Grab Adams errichtet (vgl. S. 63). Daher wird auf sehr vielen Kreuzigungsdarstellungen am Fuß des Kreuzes der Totenschädel Adams gezeigt.

Albrecht Dürer: Kreuzigung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Bildquelle)

 

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